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Schon zieht die Event-Karawane weiter. Wir gönnen uns, weil’s so schön war, noch einen Moment in der Wohlfühl-Oase. Mit den Worten unseres Lesers Wolfgang Fertsch aus Bad Nauheim: "Das nationale Interesse erlischt jetzt abrupt. Handball ist regional viel mehr wert. Ist das nicht auch viel schöner und ehrlicher? Tolle Typen ohne Starallüren!"

Von GW

Schon zieht die Event-Karawane weiter. Wir gönnen uns, weil’s so schön war, noch einen Moment in der Wohlfühl-Oase. Mit den Worten unseres Lesers Wolfgang Fertsch aus Bad Nauheim: "Das nationale Interesse erlischt jetzt abrupt. Handball ist regional viel mehr wert. Ist das nicht auch viel schöner und ehrlicher? Tolle Typen ohne Starallüren!"

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Handball-Talente waren es auch, die uns zum Homo sapiens sapiens gemacht haben. Denn wer treffsicher werfen konnte, zum Beispiel mit dem Speer auf Beute, verschaffte sich eiweißreiche Nahrung und damit in Sachen Gehirnmasse (Mutation) und Fortpflanzung (Selektion) jene Wettbewerbsvorteile, die heute den Menschen vom Affen trennen.

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... und Handballer von Fußballern, behaupteten mediale Wortführer der Karawane, bevor sie weiterzogen. So gesehen wäre der wahre Missing Link vom Affen zum Menschen bei uns im Handkäsland zu finden. Wir suchen den Homo mittelhessensis!

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Ernsthaft bitte. Also: Den Fußballern wurde in den Tagen der trügerischen Handball-Begeisterung Unrecht getan. Dass wehleidige Kicker über "englische Wochen" jammern, während harte Handball-Jungs klaglos an jedem zweiten Tag spielen, ist ein hämisches Vorurteil. Fußball geht buchstäblich härter "auf die Knochen", die vielen kleinen Tritte gegen Knöchel, Waden, Knie und Oberschenkel summieren sich zu einer Beeinträchtigung der Geh"werkzeuge", die daher mehr Zeit zur Regeneration brauchen. Übrigens auch, weil Fußballer längere Sprints laufen müssen und weniger Spielunterbrechungen und Auswechslungen haben.

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Soviel zur Ehrenrettung des Fußballs. Selbst die oft abstoßenden schauspielerischen Einlagen kann ansatzweise nachvollziehen, wer gesehen hat, wie es dem Hannoveraner Noah Sarenren Bazee ergangen ist. Eindeutig elfmeterreif und sehr schmerzhaft gefoult, steht der junge Deutsch-Nigerianer klaglos handballerlike auf. Zur Strafe muss er, der zuvor die BVB-Abwehr ganz alleine kirre gespielt hatte, verletzt vom Platz. Nach einer mehrfachen Neymar-Rolle, Schmerzensschreien und Toter-Mann-Spielerei hätte wahrscheinlich der Videoassistent eingegriffen. So aber nahm das Schicksal seinen Lauf, und aus der Zitterpartie wurde eine erneute Galavorstellung des Tabellenführers. Unmoral von der Geschicht’: Bazee hat offenbar zu viel Handball geguckt.

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Schlechte Schauspieler gibt es nicht nur im Fußball. So hat Berti Vogts seinen Nimbus als unbegabtester deutscher Amateurschauspieler (legendärer Auftritt im "Tatort": "Ist das euer Kaninchen?") schon längst an Harald Schmidt im "Traumschiff" verloren. Seit Florian Silbereisens Beförderung zum Kapitän dürfte Vogts weiter abrutschen.

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Aber die Querverbindung zum Fußball bleibt. Auch bei Florian Homm. Sogar der BVB spielt da eine Rolle. Der ehemalige Spekulant und Hedgefondsmanager Homm stellte am Freitag in Frankfurt den Dokumentarfilm "Generation Wealth" vor, in dem er eine Hauptrolle spielt (Donald Trump und Kim Kardashian nur Nebenrollen). Es geht um Gier, Berühmtheitswahn und Narzissmus, was die großen Blätter ausführlich besprochen haben. Was dort an Information fehlt, reicht unser kleines Blatt nach: Homm ist ein früherer Basketball-Juniorennationalspieler. Mit 18 Jahren gründete er seine erste Investmentgesellschaft und war später laut eigener Einschätzung als Großaktionär und Investor mitbeteiligt an der Genesung des damaligen Pleiteklubs Borussia Dortmund. Später schrieb er, krachend gescheitert, verurteilt und von der US-Justiz gejagt, ein Buch mit dem Titel: "Kopf Geld Jagd – Wie ich in Venezuela niedergeschossen wurde, während ich versuchte, Borussia Dortmund zu retten". – Damals schrieb ich: "Welch ein Leben! Reif für einen Kinofilm." Voilà, der Film ist da.

Mädchen und Jungs, die berühmte Narzissten nur durch die Medien-Milchglasscheibe sehen, möchten mehr denn je so werden wie diese. Bei den Berufswünschen steht "irgendwas mit Medien" auf Platz zwei hinter "berühmt werden". Könnte man aber direkt in Herz und Seele der Vorbilder schauen, sähe man: Je leerer sie innerlich sind, desto berühmter wollen sie werden. Also, nur kein’ Neid! Lernt was Anständiges. Werdet Fußballer.

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Letzteres nur, um vom Pathos wieder runterzukommen. Und damit noch mal zum Handball. Früher, liebe Kinder, gab es die Wehrpflicht. Viele verweigerten, aber nicht alle wurden als Kriegsdienstverweigerer anerkannt. Handball galt als Malus. Auszug aus einem amtlichen Ablehnungsbescheid: "Handballspiel setzt äußerste Kampf- und Gewaltbereitschaft sogar gegenüber Freunden voraus. Wenn also der Antragsteller jahrelang aktiver Spieler war, liegt der Schluss nahe, dass eine ausgeprägte Gewaltbereitschaft vorliegen muss."

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Tja. Selbst das erworfene Mehr an Gehirnmasse kann sooo wichtig nicht sein. In Frankreich wurde vor Jahren sogar ein Mann entdeckt, der nur zehn Prozent der üblichen Hirnmasse besaß, aber dennoch ein völlig normales Leben führte. Wirklich!

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Ich fürchte, meine liebste Zielgruppe wird jetzt erstaunt fragen: Vor Jahren? Nur einer? Und resigniert murmeln: Glückliches Frankreich! (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog "Sport, Gott & die Welt" / Mail: gw@anstoss-gw.de)

Quelle: Gießener Allgemeine

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