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»Wunder, ein religiöser Urtatbestand, in dem außernatürliche Kräfte erfahren werden.« (Der Kleine Brockhaus, 1955). War Toni Kroos’ Tor solch ein Wunder? Nein, »nur« wunderbar. Zum Wunder fehlten die außernatürlichen Kräfte, denn Kroos nutzte, durch das Antippen mit Reus den Winkel verbessernd, seine und der Physik natürlichen Kräfte, um den Ball ins Tor zu zwirbeln. Solche Tore aus dieser Distanz und diesem Winkel waren einmal die Spezialität des jungen Reus, fast zehn Jahre ist es her.

Von GW

»Wunder, ein religiöser Urtatbestand, in dem außernatürliche Kräfte erfahren werden.« (Der Kleine Brockhaus, 1955). War Toni Kroos’ Tor solch ein Wunder? Nein, »nur« wunderbar. Zum Wunder fehlten die außernatürlichen Kräfte, denn Kroos nutzte, durch das Antippen mit Reus den Winkel verbessernd, seine und der Physik natürlichen Kräfte, um den Ball ins Tor zu zwirbeln. Solche Tore aus dieser Distanz und diesem Winkel waren einmal die Spezialität des jungen Reus, fast zehn Jahre ist es her.

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Hoffentlich lese ich nirgendwo, wie »Kroosartig« dieses Tor war. Dachte ich am Samstagabend. Schwupps, ploppte »KROOSartig« Minuten später bei Bild online auf, und viele andere Arbeiter im Wortbergwerk ihres Medienherren folgten, mächtig stolz auf ihre Kreation, für die ich mich schon vor Jahrzehnten schämte, als mir ein »Groß-artig« als Schlagzeile zum Schwimmer Michael Groß unterlief.

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Bisher beste Schlagzeile: »Deutschland siegt mit einem Schuss Glück« (FAZ online). Zweideutig eindeutig. Respekt dem Wortkünstler!

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Was war es denn nun, was Kroos da »vollbracht« hat? Die »Erlösung« nach einem »Gang durch die Hölle«? Ein »Tor für die Ewigkeit«, mit dem sich Kroos »unsterblich« macht? Lieber nicht. Denn unser Leser Paul-Ulrich Lenz (Schotten) merkt an, dass wir Journalisten »mit Abstand nach uns Pfarrern die mit der religiös abgesättigsten Sprache« seien. »Da wird auf ›Wunder‹ gehofft. Da heißt es: ›Es ist vollbracht‹. Da ist von ›Erlösung‹ die Rede, vom Gang durch die ›Hölle‹, von Toren für die Ewigkeit, davon, dass sich einer ›unsterblich‹ macht. Und bei Ihnen eben vom ›großen Sündenfall«. (einer Pfarrerstochter; aber das ist ein anderes Thema; siehe Blog »Sport, Gott & die Welt«)

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»Wunder, ein Vorgang, der dem gewöhnlichen Lauf des Geschehens in Natur und Menschenleben anscheinend widerspricht und das Geheimnis anrührt, das über der Welt liegt.« (Der Große Brockhaus, 1957)

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Versuchen wir’s mit einer Religion aus ferneren Gegenden: Mit seinem Kunstschuss zertrümmerte Kroos das miese Karma, das sich seit Wochen und täglich lähmender über die deutsche Mannschaft gelegt hatte. Wummm! Ommm!

Die Höchststrafe wurde in allerletzter Minute aufgehoben: Auszuscheiden und dennoch weiter mitspielen zu müssen. Und jetzt zum naturwissenschaftlichen Ansatz: Wenn nicht aller Eindruck täuscht, war dieses Tor die Initialzündung und hat Deutschland mitten ins Turnier geschossen.

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»Initialzündung. Auslösung der Explosion eines schwer entzündlichen durch einen leichter entzündlichen Sprengstoff.« (Der Große Brockhaus, 1957). Erfunden übrigens von Alfred Nobel, bekannter geworden als Erfinder des Dynamits und des Preises seines Namens (eine Art Ablasshandel?)

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Kriegerisch ging es auch nach dem Spiel Schweiz - Serbien zu, doch das wollen wir nach unserem »kroosen« Tag (Aua!) nicht vertiefen. Aber stellen Sie sich vor, wie es Özil und Gündogan ergangen wäre, hätten sie Ähnliches getan und gesagt wie Xhaka, Shaqiri, Krstajic ...

Bleiben wir lieber bei unserem »Gänsehaut-Erlebnis«. Auch so ein Ichkannesnichtmehrhören-Wort, oft in Gebrauch mit dem strafverschärfenden Adjektiv »geiles«. Halb Deutschland hatte ein solches in der 95. Minute. Zugegeben, auch ich hatte eine ... Erpelpelle.

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Runter vom Wunder und ähnlichen Zuschreibungen holt uns Marco Reus, treffend und illusionsvorbeugend: »Das kann ein entscheidender Wendepunkt sein. Das wird man aber erst später sehen.« Denn noch hat Deutschland nichts erreicht außer einer zweiten Chance. Hübsche Schlagzeile: »Kroos macht uns zum Weltmeister der überwundenen Ängste« (SZ).

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Gegen Mexiko waren sie noch »durch Angst ermattet«, wie Grimms Wörterbuch das herrliche alte Verb »abängsten« umschreibt. Der »Grimm« kennt auch noch den »Machmann«, »einen, der einen Mann macht, nur vorstellt, ohne es zu sein, eine ›Scheinfigur‹«. Wie das gesamte Team gegen Mexiko. Aber sind wir nicht alle bloß abängstende Machmänner?

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»Das Toni-Kroos-Tor, ein Urtatbestand, der das Geheimnis anrührt, das über der Fußball-Welt liegt.« (Der Kleine Anstoß, 2018).

Wummm! Ommm! (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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