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Ohne Özil haben sie gespielt. Das Knie. Oder die Angst vor Pfiffen? Am Ramadan lag es jedenfalls nicht. Gleich mehr dazu. Vorher noch ein paar letzte Worte zu den betröppelten Buben beim Bundespräsidenten. Gut gemeinte PR-Aktion zur Image-Korrektur, aber misslungen, weil eben zu offensichtlich gut gemeint. Wer Gift verspritzt, wie die beiden Rapper, kann nicht erwarten, dass Kreidefressen alles wieder heile macht.

Von GW

Ohne Özil haben sie gespielt. Das Knie. Oder die Angst vor Pfiffen? Am Ramadan lag es jedenfalls nicht. Gleich mehr dazu. Vorher noch ein paar letzte Worte zu den betröppelten Buben beim Bundespräsidenten. Gut gemeinte PR-Aktion zur Image-Korrektur, aber misslungen, weil eben zu offensichtlich gut gemeint. Wer Gift verspritzt, wie die beiden Rapper, kann nicht erwarten, dass Kreidefressen alles wieder heile macht.

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Oh, da habe ich etwas durcheinander gebracht. Richtig ist: Die Fußballer Özil und Gündogan standen mit hängenden Schultern beim Bundespräsidenten, die Rapper Kollegah und Farid Bang legten mit hängenden Köpfen in Auschwitz Blumen nieder. Echte Reue? Bei beiden Pärchen schließe ich mich »meinem« Präsidenten an (schließlich hat er in Gießen studiert, das verbindet). Steinmeier auf die Frage, ob sich Özil und Gündogan entschuldigt haben: »Das ist eine Interpretationsfrage.« Stänkerischer Zusatz: Eine leicht zu beantwortende.

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Jetzt aber Schluss mit Pranger. Die Rapper interessieren mich sowieso nicht, und die Fußballer haben für ihre dappische Aktion die Prügel eingesteckt, die andere für weitaus widerwärtigere Kotaus vor Potentaten verdient hätten. Überhaupt lädt man dem Fußball und seinen Kickern zu viel auf, nämlich das, was die Politik und auch wir alle nicht leisten wollen oder können. Siehe Argentinien 1978, siehe Russland 2018. »Wer mitspielt, segnet ab«, schreibt die Süddeutsche Zeitung kategorisch. So gesehen hätten wir, die wir ja immer die Guten sind, bei kaum einer WM der letzten 50 Jahre mitspielen dürfen.

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Zum unterhaltsameren Teil. Ramadan. Gestern ging bei uns die Sonne um 21.35 Uhr unter, zu spät für den tunesischen Trick des Fastenbrechens auf dem Platz. Bei einem WM-Testspiel brach kürzlich der tunesische Torwart pünktlich zum Sonnenuntergang scheinbar schwer verletzt zusammen, und sofort sprinteten seine Mitspieler an die Seitenlinie, »wo Wasser und Datteln auf sie warteten«. Das Fußball-Magazin 11Freunde gab der Schote die unübertreffliche Schlagzeile: »Gib mich die Dattel!« (Erklärung nur für die FußballfernstInnen meiner liebsten Zielgruppe: »Gib mich die Kirsche!« von Lothar Emmerich gehört zu den unsterblichen Sprüchen des Fußballs).

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Wenn Julian Draxler an die Seitenlinie sprintet, will er nicht an die Dattel. Vielleicht hat dann nur sein Deo versagt. Denn vor dem Anpfiff, verrät er der Bunten, greift er »zum Kulturbeutel in meinem Spind« und nimmt »zwei, drei Sprühstöße Parfüm. Das gibt mir ein Glücksgefühl.« Glaub ich gerne. Aber nur das Glücksgefühl. Draxler ist seit einigen Monaten »Duftbotschafter« für Boss. Für diese prima platzierte PR gibt’s bestimmt eine Extra-Gratifikation, zumal sie medial die Runde machte.

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Einst stank es mir, als überall der Blödsinn von L’Equipe nachgedruckt wurde, Lance Armstrong habe im Ziel nach Lavendel, Ullrich aber nach nassem Hund gerochen, und das sei eben auch ein Stil-Unterschied zwischen dem großen Patron und einem kleinen Arbeiter. Jan? Ulle? Das führt mich zur Mail von Jupp Scholz–vom Hofe (Langsdorf): »Als Sie vor vielen, vielen Jahren schrieben, wenn Jan Ulrich die Tour noch mal gewinnt, fahre ich den gesamten Lahnradweg an einem Tag, war ich davon sofort total begeistert. Als ich dieses Jahr 60 wurde, dachte ich, wenn nicht bald, dann wird’s nix mehr. Jetzt hat die Eintracht den Pokal gewonnen, die Tage sind lang, und letzte Woche war der Wind günstig. Also bin ich abends zur Lahnquelle gefahren und nach einer Übernachtung im Auto früh um 5 Uhr losgeradelt.« Und nach 252 km kurz vor sechs in Niederlahnstein angekommen. »Die Verpflegung bestand aus acht Bananen, sieben Litern Wasser und etwas Schokolade. Ich war komplett zufrieden und glücklich; danke für die Idee.« – Bitteschön. Wenn ein »Ansto? nach so vielen Jahren in die Tat umgesetzt wird, bin ich im Geiste mitgeradelt. Aber nur im Geiste. Die Leistung unseres Lesers liegt mittlerweile leider weit außerhalb meiner Fähigkeiten. Immerhin aber habe ich vor ein paar Tagen das komplette Radwegenetz der Insel Samos abgefahren, gemütlich in fünf Minuten – einen breiten, gut asphaltierten Radweg, ca. 2 km lang, der im Nirgendwo eines großsteinigen, völlig verlassenen Strandes beginnt und im Nichts endet.

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Riecht nach idealtypischem Gemeinschaftsprojekt mit der EU. Die gibt das Geld, und die Griechen ... können ganz anders, zum Beispiel, alle unsere üwwerzwerchen Sprachgenderprobleme lösen. Binnen-I, Sternchen und ähnlichen Quatsch brauchen sie nicht. Zum Beispiel heißt der Journalist (o simosiographos) in seiner weiblichen Form die Journalist (i simosiographos). Und wer sich seines Geschlechts nicht schlüssig ist, nimmt den dritten Weg.

Diese Kolumne schrieb das Journalist: (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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