Homiyu Tesfaye ist auf die Langstrecke gewechselt und steht am Sonntag beim Frankfurt-Marathon am Start.
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Homiyu Tesfaye ist auf die Langstrecke gewechselt und steht am Sonntag beim Frankfurt-Marathon am Start.

Der große Unbekannte

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Homiyu Tesfaye will beim Frankfurt-Marathon die Norm für Olympia in Tokio knacken. Zuletzt zog sich der Ex-Mittelstreckler aus der Öffentlichkeit zurück, um sich auf das Höhentrainingslager in Addis Abeba zu konzentrieren.

Wenn erfolgreiche Mittelstreckler auf die Marathondistanz wechseln, läuft immer ein Fragezeichen mit. Aber selten gab es größere Rätsel als bei Homiyu Tesfaye und seinem ersten Start beim Frankfurt-Marathon am Sonntag: Selbst Renndirektor Jo Schindler und sein Sportlicher Leiter Christoph Kopp begleiten das Debüt mit einem gewissen Stirnrunzeln - und so wird ausgerechnet der Athlet der LG Eintracht Frankfurt aus allen PR-Aktivitäten im Vorfeld ausgespart.

Nachdem der 26-Jährige kürzlich sogar seinen Halbmarathon in Köln absagte, schien nicht einmal klar, ob Tesfaye wirklich beim Start an der Messe auftaucht. Manager Marc Corstjens klärt auf Anfrage auf: »Homiyu wird starten. Er ist am Dienstag aus Äthiopien zurückgekommen, bereitet sich jetzt zu Hause vor und möchte auch nicht ins Athletenhotel ziehen.« Der 54 Jahre alte Belgier begleitet den Läufer seit vielen Jahren und sagt zur Zielsetzung: »Es kann in Richtung 2:11 Stunden gehen.« Das wäre mal eben auf Anhieb die direkte Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Der Geschäftsführer der Agentur Personae, die mehr als 100 Leichtathleten aus aller Welt betreut, rund die Hälfe Männer und Frauen aus dem Marathonbereich, gibt zwar zu bedenken, »dass ein Marathon nicht so leicht planbar wie ein 100-Meter-Lauf ist und wir alle nicht wissen, was ab Kilometer 35 passiert«, ist aber zuversichtlich, dass sich die monatelange Vorbereitung in der Höhe von Addis Abeba auszahlt. Dorthin war Tesfaye mit seiner Frau Maryam Yusuf Jamal, selbst zweimalige 1500-Meter-Weltmeisterin, und den zwei Kindern vor Monaten geflogen, um sich in starken Trainingsgruppen die Form für Frankfurt zu holen. Dass er sich fast völlig aus der Öffentlichkeit zurückzog, war durchaus gewollt. »Er wollte seine Ruhe haben«, erklärt Corstjens. Aber so wenig PR in eigener Sache mutet ein wenig merkwürdig an.

Wobei eine gewisse Widersprüchlichkeit den gebürtigen Äthiopier das ganze Leben begleitet. Auf seinem Instagram-Account schrieb er vor einem Jahr: »Wenn du arm geboren bist, ist es nicht dein Fehler, aber wenn du arm stirbst, ist es dein Fehler!!« Vor neun Jahren stellte er in Frankfurt sein Asylgesuch, es gab eine lange Kontroverse um sein Alter und seine Identität. Drei Jahre später lief er bereits für Deutschland, startete noch bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro über 1500 Meter, wo er im Halbfinale ausschied. Als er im vergangenen Jahr in Den Haag seine Halbmarathonzeit auf 1:01:20 Stunden drückte, deutete sich der Umstieg auf die längeren Distanzen an, was Corstjens jetzt bestätigt: »Er sieht seine Zukunft auf der Marathonstrecke.«

Lange war der DLV-Bundestrainer Wolfgang Heinig, Vater der Topläuferin Katharina Steinruck, Tesfayes Heimtrainer, aber auch diese Zusammenarbeit besteht nicht mehr, wie Wolfram Tröger, Abteilungsleiter bei der LG Eintracht Frankfurt, bestätigt. Er weiß nicht, wohin der Weg von Tesfaye in Zukunft geht. Es gebe kaum noch Kontakt. »Nicht mal das Vertragsgespräch für 2020 hat bisher stattgefunden. Er ist bei uns derzeit nicht richtig eingebunden.« Richtig glücklich klingen die Verantwortlichen nicht, dass die »Leine sehr lang« (Tröger) geworden ist - und kaum jemand Bescheid weiß, was Tesfaye eigentlich macht. »Für uns ist er eine Wundertüte geworden.« Der Abteilungsleiter begnügt sich mit der Erkenntnis, dass sich manche Charaktere nicht verbiegen lassen. »Er hat eben schon immer Probleme gehabt, sich in feste Strukturen einzubringen.« Sollte sich der Freigeist tatsächlich für die Olympischen Spiele qualifizieren, nachdem es gerade bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft keinen deutschen Marathon-Starter gab, würden sich jedoch auch bei der Eintracht viele freuen.

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