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Formel 1: Rennstall-Boss fordert „sportliche Strafe“ gegen Red Bull wegen Regelverstoß – Punktabzug möglich?

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Von: Marcus Giebel

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In der Formel 1 steuert Red Bull auf den doppelten Titelgewinn zu. Doch das Team gerät nun wegen eines Regelverstoßes aus dem Jahr 2021 in Bedrängnis. Für die Konkurrenz ist die Sache klar.

München – Seit seinem ungefährdeten Sieg beim Grand Prix von Japan – dem zwölften Triumph im 18. Saisonrennen – darf sich Max Verstappen Doppelweltmeister in der Formel 1 nennen. Doch es schwingt zumindest eine Unsicherheit mit, ob das auch am Saisonende in gut einem Monat noch so sein wird. Vier Rennwochenenden stehen aus und an dem jüngeren der beiden Titel ist überhaupt nicht zu rütteln. Zittern muss der Niederländer dagegen womöglich um seine WM-Krone aus dem vergangenen Jahr.

Denn nach vielen Spekulationen infolge mehrerer entsprechender Berichte hat die FIA mittlerweile bekannt gegeben, dass der Red-Bull-Rennstall um Verstappen das für die Saison 2021 festgelegte Budgetlimit von 148,6 Millionen US-Dollar (aktuell etwa 150,8 Millionen Euro) nicht eingehalten hat. Die Prüfung des Motorsport-Weltverbands soll ergeben haben, dass die Österreicher die Kostengrenze „geringfügig“ überschritten hätten. Die Wortwahl lässt darauf schließen, dass sich das Team um weniger als fünf Prozent über das Limit hinaus bewegt habt.

Formel 1 und die Budgetobergrenze: McLaren-Boss will „eindeutig eine sportliche Strafe“ für Red Bull

Außerdem habe Red Bull wie auch Aston Martin – für den britischen Rennstall greift Sebastian Vettel ins Lenkrad – gegen Verfahrensregeln im Rahmen der Budget-Richtlinien verstoßen. Das alles ruft die Konkurrenz auf den Plan. Laut BBC forderte McLaren-Boss Zak Brown in einem Schreiben an die FIA ein hartes Durchgreifen. „Wir glauben nicht, dass eine finanzielle Strafe allein eine angemessene Strafe für einen Verstoß gegen überhöhte Ausgaben oder einen schwerwiegenden Verfahrensverstoß wäre. In diesen Fällen muss es eindeutig eine sportliche Strafe geben“, heißt es demnach in der Nachricht an FIA-Präsident Mohammed bin Sulayem, die F1-Geschäftsführer Stefano Domenicali in Kopie zugegangen sei.

Brown sprach demnach von „Betrug“ und monierte, die Maßnahmen und Strafen seien zeitnah zu kommunizieren, „um die Integrität der Formel 1 zu wahren“. Dem US-Amerikaner schweben empfindliche Budgetbeschränkungen sowie unter anderem eine Reduzierung von Windkanal- und Simulationszeiten vor.

Red Bull reißt die Budgetobergrenze in der Formel 1: Brawn sprach von Regelwerk mit „Biss“

Am Rande des Japan-Rennens hatte bereits Ferrari-Teamchef Mattia Binotto im Falle eines Regelbruchs „eine beträchtliche Strafe“ gefordert. Spekuliert wird eben auch über einen Punktabzug, der besonders Mercedes und Lewis Hamilton in die Karten spielen würde. Der Brite verlor in einem an Dramatik kaum zu überbietenden, aber ebenso kontroversen WM-Finale in Abu Dhabi in der letzten Runde seine Führung an Verstappen und verpasste es damit, alleiniger Rekordweltmeister zu werden.

Lediglich acht Punkte trennten die beiden Kontrahenten in der Endabrechnung. Ein Abzug könnte also weitreichende Folgen für Verstappen, Hamilton und auch Michael Schumacher haben. In Erinnerung gerufen wurde in diesem Zusammenhang eine drei Jahre alte Aussage von F1-Sportchef Ross Brawn, einst Schumis Weggefährte bei Benetton und Ferrari: „Dieses Regelwerk hat Biss. Wenn du betrügerisch die Finanzregeln brichst, wirst du deinen WM-Titel verlieren.“ Die Öffentlichkeit wartet gespannt, ob hinter diesen Sätzen mehr als nur lautes Bellen steckt.

Max Verstappen hält sein Gesicht an eine Scheibe
Strafe wegen der Budgetübertretung von Red Bull? Nein, Max Verstappen fand sich in Japan bei Presseterminen einzig wegen der Corona-Regeln hinter einer Scheibe wieder. © IMAGO / Motorsport Images

Strafe für Red Bull wegen Finanzverstoß? Ferrari und Mercedes nennen Vorteile bei der Entwicklung

Die Red-Bull-Widersacher sprechen sich allerdings unisono auch für Sanktionen aus, die das in diesem Jahr dominierende Team auch in Zukunft spürt. So schrieb Brown weiter: „Jedes Team, das zu viel Geld ausgegeben hat, hat sich einen unfairen Vorteil verschafft, sowohl bei der Entwicklung des aktuellen Autos als auch bei dem des nächsten Jahres.“

Derweil rechnete Binotto vor, schon zusätzliche Investitionen von ein bis zwei Millionen US-Dollar könnten ein Auto pro Runde bis zu 0,2 Sekunden schneller machen. Laut Experten haben kleinere Teams wie Alfa Romeo pro Saison kaum mehr als 2,5 Millionen US-Dollar für die Weiterentwicklung ihrer Boliden zur Verfügung.

Auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff gab zu bedenken, ein im Vorjahr durch unerlaubte Ausgaben erreichter Vorteil würde sich in der nächsten Saison weiter auswirken. So müssten bereits entwickelte Bauteile ja nicht noch einmal bezahlt werden.

Verliert Verstappen seinen WM-Titel? Marko erinnert an Ferrari-Verstoß ohne offizielle Strafe

Red Bull seinerseits hatte sich als erste Reaktion auf die FIA-Mitteilung über die Verstöße „überrascht und enttäuscht“ gezeigt. Im Gespräch mit dem F1-Insider betonte Motorsportberater Helmut Marko nun: „Wir sind immer noch der Meinung, dass wir gar nicht gegen die Kostendeckelung-Regelung verstoßen haben.“ Es würden noch Gespräche mit der FIA laufen. Was dem Rennstall des Brauseherstellers zugutekommen könnte, sind die durchaus vertrackten Regeln. So fallen Gehälter für Fahrer, hohe Führungskräfte, Marketingkosten und Reisespesen nicht unter das Kostenlimit. Red Bull soll die Mehrausgaben etwa mit unerwartet hohen Catering-Kosten erklären wollen.

Auf Einzelheiten geht derzeit natürlich niemand ein, denn es handelt sich eben um ein noch laufendes Verfahren. Weiter gab sich Marko aber hinsichtlich eines möglichen Titelverlusts selbstbewusst: „Gerüchte, dass Max zum Beispiel seinen WM-Titel 2021 verlieren könnte, sind völliger Unfug. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass selbst maximale Verstöße gegen das Reglement von der FIA sehr milde bestraft wurden.“ Eine Anspielung offenbar auch auf Verstöße gegen die Motorregeln durch Ferrari im Jahr 2019, für die die Scuderia nie offiziell belangt wurde. Lediglich über einen Deal zwischen FIA und Rennstall wurde seither spekuliert.

Toto Wolff (l.) und Mattia Binotto sitzen nebeneinander auf Stühlen
Erwarten ein Durchgreifen der FIA: Mercedes-Teamchef Toto Wolff (l.) und sein Ferrari-Pendant Mattia Binotto schauen beim Urteil gegen Red Bull genau hin. (Szene aus Spielberg) © IMAGO / NurPhoto

Bestraft die FIA Red Bull? Reglement lässt viele Optionen offen

Ganz ungeschoren dürfte Red Bull aber kaum davon kommen. Auch wenn sich das Team durch seine Erfolge in gerade mal gut einem Jahrzehnt eine ähnlich mächtige Position im Rennzirkus erarbeitet hat wie die Traditionsmarken Ferrari, Mercedes und McLaren.

Möglich wäre laut Reglement eine bloße Verwarnung respektive ein öffentlicher Verweis. Oder eben ein Punktabzug in der Fahrer- oder Konstrukteurswertung, wobei Red Bull in Letzterer 262 Punkte vor Ferrari auf Rang zwei hinter den Silberpfeilen gelandet war. Ebenso wäre der Ausschluss von einzelnen Sessions – womöglich Freien Trainings vor Rennen – eine Option. Es könnten Einschränkungen bei Entwicklungstests verhängt werden. Oder die Ausgabengrenze individuell abgesenkt werden.

Das Ende der Budgetobergrenze in der Formel 1? FIA steckt wegen Red Bull in einem Dilemma

In ihrer ersten Mitteilung zum Thema erklärte die FIA bereits, ein automatischer Abzug von WM-Punkten sei lediglich bei schwerwiegenden Verstößen die Folge. Auch dieser Hinweis wird Verstappen ruhig schlafen lassen.

Umso klarer wird aber auch, dass der Weltverband vor einem Dilemma steht. Red Bull hat durchaus Argumente auf seiner Seite, wie Marko aufgezeigt hat. Wird die Strafe von der Konkurrenz aber als zu milde empfunden, könnten auch die anderen großen Rennställe die Budgetobergrenze eher als nett gemeinten Vorschlag zur Kostensenkung denn als verbindliche Regel interpretieren. Womit das Kostenlimit quasi zu Grabe getragen wäre. Nur ein Jahr nach seiner ohnehin äußerst schweren Geburt. (mg)

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