Fahne rein oder raus?

Patriotische Gefühle zu zeigen, war für den deutschen Fußballfan nie einfach. Das Sommermärchen 2006 brachte eine Entkrampfung, doch mittlerweile ist die Lage nach Experten-Meinung wieder schwieriger geworden. Hat das »Schland-Gefühl« seine Unschuld verloren?

Hängepartie in Berlin, Hängepartie bei der Fußball-WM. Für Deutschland läuft es nicht rund. Und auch bei der Stimmung unter den Fans ist noch Luft nach oben. Angesichts der Niederlage gegen Mexiko und der Ausgangslage vor dem Spiel gegen Schweden verwundert das nicht. Aber die Gründe reichen tiefer.

Jede Titelverteidigung ist von Vornherein psychologisch schwierig. Denn das, was man unbedingt wollte, hat man ja bereits bekommen. Nun will man es noch einmal. »Und dieses Recycling hat nicht mehr die gleiche Aura«, erläutert Stephan Grünewald, Psychologe und Leiter des Marktforschungsinstituts Rheingold in Köln. »Das kennt man von sich selbst. Und auch bei den Spielern scheint dieser Hunger, diese Erfolgsgeilheit eben nicht mehr so gegeben zu sein.« Der ehemalige ARD-Sportmoderator Waldemar Hartmann forderte bei Markus Lanz provozierend: »Einfach mal ein bisschen mehr an den Krieg denken. Denn Fußball ist Krieg.«

Psychologe Grünewald ist davon überzeugt, dass sich sogar die aktuelle politische Lage in Berlin direkt auf die Befindlichkeiten der Fans und der Nationalelf auswirkt. »Das Land befindet sich derzeit nicht gerade in einer Aufbruchsstimmung«, meint er. »Selbst die Notlösung große Koalition ist gerade dabei, sich zu zerlegen. Solche übergreifenden Stimmungslagen strahlen auch immer auf den Fußball aus.«

Noch komplizierter wird die Gemengelage durch den AfD-Faktor. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth hat im dem »Tagesspiegel« vor einer »nationalen Selbstbeweihräucherung« bei der WM gewarnt: »Nun gibt es mit der AfD eine Partei, die einen Schlussstrich ziehen will. Eine Partei, die auch die deutsche Fahne instrumentalisiert, um Ausgrenzung gegenüber Menschen zu signalisieren, die in ihren Augen nicht dazugehören. Das lässt sich nicht einfach so ausblenden, das sollten wir im Blick haben. Deshalb: Feiern ja, Nationalismus nein.«

Ist Fahnenschwenken samt entsprechender Kriegsbemalung also schon wieder tabu? Früher war die Sache klar: Euphorie ja, Patriotismus eher nein, denn der konnte ja wieder in Fanatismus umschlagen. Dann kam das Sommermärchen von 2006, die große nationale Lockerungsübung, und plötzlich war das »Schland-Gefühl« – benannt nach akustisch verzerrten »Deutschlaaand«-Gesängen – unverdächtig. Diese Unschuld ist jetzt aber zumindest ein Stück weit wieder verloren gegangen, weil die Nationalflagge verstärkt für Deutschtum reklamiert wird. »Ein Teil der Fußballgemeinde überlegt sich dann: Was demonstriere ich hier eigentlich?«, sagt Grünewald. »Der eine oder andere ist dann sehr viel vorsichtiger oder wendet sich ganz von der Fahne ab.«

Ist es nicht aber auch eine merkwürdige Vorstellung, sich die Nationalflagge von den Rechten gleichsam kapern zu lassen? Historisch gesehen hat Schwarzrotgold nichts Rechtslastiges an sich – seit dem frühen 19. Jahrhundert waren es die Farben derer, die für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit stritten. Ihre Gegner hatten andere Farben und Zeichen. »Es ist doch nicht die Reichskriegsflagge«, meint der Politikwissenschaftler Jürgen Falter. Ebenso sieht es der Politologe Stefan Marschall: Wer beim Fußball ganz selbstverständlich die Nationalflagge schwenke, verhindere damit gerade, »dass sie für andere Ideen vereinnahmt und instrumentalisiert wird«.

Zumal die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel ja gerade nicht für die Nationalmannschaft jubeln will, wie sie dem WDR bekannt hat: »Ich muss ganz ehrlich sagen, so wie die Nationalmannschaft, die ja nur noch die Mannschaft heißt, aufgestellt ist, habe ich da schon Probleme, insgesamt für die deutsche Mannschaft zu applaudieren.« Daraus könnte man im Umkehrschluss ableiten: Wer ein Zeichen gegen die AfD setzen will, muss Jogi Löws Auswahl besonders vehement unterstützen.

Weidels Äußerung war auf den Auftritt der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gemünzt. Diese Debatte köchelt weiter, ebenso wie jene, ob die Spieler die Nationalhymne mitsingen müssen. Dazu kommentiert das Magazin »11 Freunde«: »Erstaunlich, dass die deutsche Elf 1974 Weltmeister werden konnte, ohne zuvor kollektiv das ›deutsche Vaterland‹ zu preisen. Und wie es Toni Schumacher 1986 ins Finale geschafft hat, wo er doch während der Hymne nur stoisch Kaugummi kaute?«

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