DFB-Pokal-Halbfinale

Bayern-Lehrstunde für Dortmund

Der strahlende Clásico-Sieger Niko Kovac wird schon am Tag nach dem 5:0-Triumph über den BVB vom Chef in die Pflicht genommen. Nach der Knaller-Rückkehr an die Tabellenspitze muss die Meisterschaft her.

Von GW

Mit Spannung erwartet, medial prallvoll aufgepumpt ... und schon war die Luft schneller raus, als man "Pffft" blasen konnte.

*

Selbst meine Veralberung scheinkluger Vorabexpertisen wäre fast in die Hose gegangen. Ich wisse nicht, warum es wie ausgehen werde, überhaupt, juxte ich, "weiß ich nur, dass keine neun Tore fallen werden wie in dem wundersamen Pokalspiel" (Sport-Stammtisch). Und dann hatten superstarke Bayern Erbarmen mit dem BVB und mir. Gefühltes Ergebnis: 9:0.

*

Natürlich haben "Experten" im Nachhinein scheinbar überzeugende Erklärungsversuche auf Lager. Ich nicht. "War das die Titel-Wende?", fragt Bild online. Ich habe keine Ahnung. Aber falls der letzte Spieltag noch wichtig sein sollte, wären die Bayern gewarnt. Die Eintracht kommt! Und das sind keine "verschüchterten Strichmännchen" (FAZ) wie die BVB-Bubis. Rebic und Gacinovic freuen sich schon auf einen hinterher hoppelnden Hummels und den vorzeitigen Silvester-Sketch ... same procedure.

*

Selbst Bayern-Hasser müssen einen Bayern in ihr Herz schließen. Was und wie Niko Kovac in München stoisch durchhält, ist aller Ehren wert. Eben ein Ehrenmann. Ist er auch ein großer Trainer? Muss sich noch zeigen. Menschlich ist er schon ein Großer.

*

Eintracht Frankfurt ist noch keine internationale Größe im Fußball, aber schon ziemlich großartig. Was mit und seit dem Pokalsieg abgeht, davon hat mancher Fan sein Leben lang nur träumen können. Jetzt lebt er seinen Traum.

*

Huub Stevens und Thomas Doll, zwei unterschiedliche Trainer-Typen, nicht nur vom Alter her, aber beide ähnlich fossil. Der recht binsensimpel redende Doll zehrt von seinem Nachruhm als Klassefußballer, der gefährlich knurrende Stevens von dem des Obereurofighters aus Schalker Steinzeit ... und von der autoritären Aggressivität, die er verströmt. Beide sind keine Trainer auf der Höhe der Zeit. Aber das ist nicht ihnen, sondern denen anzulasten, die sie verpflichtet haben. Auf Schalke und in Hannover fehlt vor allem die Idee, wie man welchen Fußball spielen will. Schon lange fehlt sie.

*

Das nicht gepfiffene Foul an Rebic und das angeschossene Handspiel von Caligiuri waren eine regeltechnisch eindeutig falsche (Rebic) und eine zweifelhafte (Caligiuri) Entscheidung. Dennoch sind beide idealtypisch für meine Wunschvorstellung vom Videoassistenten als Helfer des Schiedsrichters und nicht als dessen enteiernder Chef. Die Tatsachen- als Ermessensentscheidung: Das Foul an Rebic war dem Schiedsrichter zu geringfügig für einen schwerwiegenden Pfiff, ein zweiter verweigerter Elfmeter wäre ihm zu schwerwiegend gewesen. Die Ansicht muss man nicht teilen, sollte sie aber respektieren. Im Sinne der Videohilfe, nicht in dem des "Beweises" (der – Ausnahme: Abseits – sowieso selten ein echter Beweis ist).

*

Alexander Nübel, den Namen muss man sich merken. Als Schalker erinnert er natürlich an Manuel Neuer. Groß, Ruhe ausstrahlend, sensationelle Reflexe. Fast so wie der junge Neuer einst bei Manchester United, als Ferguson vor Staunen beinahe das Kaugummi aus dem Mund fiel. Wird Nübel einmal so gut wie Neuer oder sogar doppelt so gut wie ... oder als? ... das ist hier nicht die aktuelle sportliche, sondern die Rechtschreib-Frage. Aus meiner liebsten Zielgruppe wird in meinem Satz vom Samstag, "dass doppelt so viele Männer Fusseln im Bauchnabel haben wie Frauen", nicht der Fakt angezweifelt, sondern das "wie", denn die Leserin würde "auf jeden Fall das Wörtchen ›als‹ anwenden". Daraufhin habe ich im Internet die schlauen Rechtschreibforen durchforstet. Demnach folgt nach doppelt, dreimal, viermal (so groß, so viel) ein "wie". Hat mit dem Komparativ zu tun, der fehlt (groß statt größer), und mit dem "so". Das sagt jedenfalls die große Mehrheitsmeinung (und auch mein Sprachgefühl).

*

Und sonst? Boris Becker steht im Wald ... So könnte einer der vielen und oft genug platten Boris-Witze beginnen. Ist aber keiner. Becker wollte einen Autobahn-Stau umfahren, landete auf einem Waldweg, wurde vom Förster erwischt – und der meldete die Weltsensation prompt dem SWR, der das dicke Ding seinen Hörer weiterleitete, nicht ohne vorher bei der Gemeinde investigativ recherchiert zu haben, dass Becker jetzt eine Anzeige drohe. Die Medienkritik von Kovac wegen der aufgebauschten Boateng-Party gilt auch, wenn Becker im Wald steht: "Es geht nur noch um Nebensächlichkeiten, nur noch um Sensationen."

*

Immerhin hat Boris Becker etwas, das heute derart angesagt ist, dass es dafür Coaching-Seminare gibt: Authentizität. Er ist immer er selbst, im Guten wie im Peinlichen. Im Spiegel -Kulturmagazin S geht es fast ausschließlich um diese "Authentizität". Aber, liewe Leut’, wer sich zur Authentizität coachen lassen will, der wird ganz gewiss nicht authentisch. Das ist man einfach. Wie ich. Im Guten wie im Peinlichen. Und im Orthographischen. Denn auch da kennzeichnet mich große Autentizitität. (gw)

*

(www.anstoss-gw.de" / gw@anstoss-gw.de)

Nach der ausführlichen TV-Plauderei von Karl-Heinz Rummenigge konnte Niko Kovac trotz seines möglichen Meisterstücks nicht sorgenfrei in die Zukunft blicken. Die titelreife Tor-Gala des FC Bayern beim 5:0 im Jubiläums-Klassiker gegen Borussia Dortmund bedeutet noch lange nicht, dass Kovac auch der Trainer sein wird, der den weiteren Umbruch im Münchner Luxus-Ensemble leiten wird. "Es gibt keine Jobgarantie beim FC Bayern – für niemanden. Das ist auch gut so, jeder muss beim FC Bayern liefern", forderte Rummenigge.

"Das ist das Prinzip bei Bayern München und mit diesem Druck muss auch jeder umgehen können. Und wer mit dem Druck nicht umgehen kann, ist bei uns im falschen Club", konstatierte Vorstandschef Rummenigge am Sonntag in der Fußball-Talkshow "Wontorra" im TV-Sender Sky. Nach dem rasanten Überholmanöver im Titelrennen forderte der 63-Jährige im Herzschlagfinale um die Schale weitere Siege. "Wir müssen einfach die letzten sechs Spiele in dem Stil von gestern angehen."

Nach dem Aus im Achtelfinale der Champions League hatte Kovac das Double als Ziel ausgerufen, jetzt muss der Coach mit einem Vertrag bis zum 30. Juni 2021 "liefern". Bei der Frage, ob der Kroate auch Vizemeister werden dürfe, wich Rummenigge aus. "Wir werden Meister", erklärte er. Durch den Triumph im 100. deutschen Clásico in der Bundesliga sind die Dinge für die laufende Saison wieder in die richtigen Bahnen gelenkt. "Die Mannschaft hat gesprochen", sagte Präsident Uli Hoeneß nach den fünf Watschn für den BVB.

Kovacs Stimmung am Mia-san-Mia-Festwochenende war schon kurz nach dem wegweisenden Schritt für die eigene Meisterprüfung getrübt worden. Denn statt über Sieg, Taktik und Finessen zu parlieren, sollte er zur nächtlichen Party von Jérôme Boateng in der legendären Münchner Edeldisko P1 Stellung beziehen – und sah mit reichlich Verdruss den Anlass für eine Grundsatzrede gekommen. In einer von ihm als "Wort zum Sonntag" bezeichneten Ansprache forderte Kovac mehr Respekt und weniger Sensationsgier.

Der kroatische Coach braucht mehr solch mitreißende Auftritte wie den vom Samstag, in dem er phasenweise eine "sensationelle" Leistung sah. Top in der Defensive, top im Angriff um Jubiläumstorschütze Robert Lewandowski, der seine Tore Nummer 200 und 201 erzielte, top im Zweikampf – der FC Bayern demonstrierte gegen die überforderten Dortmunder all die Tugenden, die er in anderen großen Spielen nicht zeigte. "Wir haben das beste Spiel der Saison gemacht", sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic. "Wir haben die Lehren aus dem Liverpool-Spiel gezogen. Mannschaft und Trainer haben das viel besser gemacht." Lewandowski (2), Mats Hummels, Serge Gnabry und Javi Martínez setzten das in Zählbares um. Einen Punkt haben die Münchner Vorsprung, dazu die klar bessere Tordifferenz – die Bayern haben es wieder selbst in der Hand. Von einer "Lehrstunde" sprach der gezeichnete Gäste-Trainer Lucien Favre, Kapitän Marco Reus erlebte im ersten Spiel als Jungvater einen schmerzhaften Tag. "Wir waren richtig schlecht von der ersten Sekunde an. Das war für den Verein nicht würdig genug", sagte der 29-Jährige. Reus sieht die Münchner, die schon mal neun Punkte hinten lagen, im "psychologischen Vorteil". Zumal das Ego der Bayern-Stars jetzt wieder angestachelt ist. "Es war ein Big-Point-Spiel. Wir wollten zeigen, dass wir auch eine große Mannschaft schlagen können", sagte Kapitän Manuel Neuer. Eine Frage wird die Münchner vermutlich bis zum Saisonende begleiten. Warum bringt das Rekordmeister-Ensemble vergleichbare Leistungen nicht auch gegen Gegner wie Düsseldorf oder Freiburg. "Das ist eine gute Frage", rätselte Salihamidzic über seine Wundertüten-Fußballer. Der 80 Millionen Euro teure Rekordeinkauf Lucas Hernández sah am Samstag bei seiner Arena-Premiere im VIP-Bereich nur die herausragende Seite der künftigen Teamkollegen. Neben ihm steht sein französischer Weltmeisterkollege Benjamin Pavard als Zugang fest, weitere Umbaumaßnahmen am Kader sollen folgen. "Die werden uns verstärken. Wir werden vielleicht noch was machen. Auch möglich, dass wir den einen oder anderen Abgang haben", sagte Rummenigge. Er selbst bekräftigte, dass er Ende 2021 aufhört und Oliver Kahn sein Nachfolger werden soll. "Er soll von mir eingearbeitet werden. Ich finde die Entscheidung sehr schlüssig", sagte Rummenigge.

Der SV Werder Bremen empfängt kurz nach Ostern im DFB-Pokal-Halbfinale den FC Bayern München. Die zweite Vorschlussrundenbegegnung im Kampf um den Einzug ins Endspiel am 25. Mai bestreiten Zweitligist Hamburger SV und der Bundesliga-Dritte RB Leipzig.

Die beiden Rekordfinalisten aus Bremen und München treffen bereits zum neunten Mal im DFB-Pokal aufeinander. Nur einmal gab es einen Werder-Sieg – im letzten der drei Endspiele zwischen beiden Clubs. Am 12. Juni 1999 setzte sich das Team von der Weser mit 6:5 im Elfmeterschießen durch und holte den vierten seiner sechs Cup-Siege.

Zuletzt standen sich beide Clubs 2016 im Halbfinale gegenüber, die Münchner siegten vor eigenen Publikum mit 2:0 und gewannen dann in Berlin gegen Borussia Dortmund – ebenfalls im Elfmeterschießen. Bereits am 20. April treffen beide Vereine in der Liga aufeinander, dann aber in München.

"Wir haben uns ein Heimspiel gewünscht und das hat uns die Losfee beschert. Darüber freuen wir uns für unsere Fans", sagte Ralf Becker, HSV-Sportvorstand nach der Auslosung in der ARD. Frauen-Nationalspielerin Lena Goeßling, die im Dortmunder Fußballmuseum die Kugeln zog, erfüllte aber auch Leipzig-Trainer Ralf Rangnick seinen Wunsch, der sich die Hamburger gewünscht hatte. Aber nicht weil der HSV per se der leichtere Gegner sei, "sondern weil wir gegen diesen Gegner noch nicht gespielt haben. Das ist eigentlich eher der Punkt", sagte Rangnick.

Die beiden Halbfinale werden am 23. und 24. April jeweils um 20.45 Uhr ausgetragen und genau wie das Endspiel am 25. Mai in Berlin von der ARD und von Sky live übertragen.

Quelle: Gießener Allgemeine

Kommentare