In Amsterdam wird es ernst

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Nach dem nur teilweise geglückten Neustart mit seinen "jungen Wilden" setzt Joachim Löw mit Beginn der EM-Qualifikation wieder auf mehr Erfahrung. Am Stil des jugendlichen Sturm und Drang will der Bundestrainer aber festhalten.

Joachim Löw lächelte väterlich-sanft. Der neue Chef Marco Reus mahnte bei "Jogis Jungs" zwar mit Nachdruck eine Leistungssteigerung für die Reifeprüfung beim Erzrivalen Niederlande an, doch der Bundestrainer ließ nach dem holprigen Neustart Milde walten. Zumindest die zweite Halbzeit beim teilweise wilden 1:1 (0:1) seiner stark verjüngten Auswahl gegen Serbien sei seiner Idealvorstellung "schon sehr nahe" gekommen, behauptete Löw.

Oranje, am Sonntag (20.45 Uhr/RTL) in Amsterdam fünf Monate nach dem demütigenden 0:3 an gleicher Stelle erster Gegner in der Qualifikation zur EURO 2020, habe "mehr Tempo, Klasse und Qualität" als Serbien, betonte der Bundestrainer: "Das ist schon ein anderer Prüfstein für uns." Aber, das machte er deutlich: Der Auftritt in Hälfte zwei mit dem Treffer von Leon Goretzka (69.) "war, was die Mentalität betrifft, ein sehr gutes, deutliches Signal. Da war ich absolut zufrieden." Umbruch geglückt!

Tatsächlich? Ganz so schnell geht es nun doch nicht, das weiß auch Löw. Ohne die drei ausgebooteten Rio-Weltmeister knirschte es in Wolfsburg beim Aufbruch in die "neue Zeitrechnung" (Löw) noch an einigen Ecken und Enden. Die jüngste Startelf seit dem Confed-Cup-Finale (Durchschnittsalter 24,2) zeigte phasenweise Jugendfußball: fehlerhaft, ja wirr – aber auch voller Sturm und Drang, Lust und Leidenschaft.

"Es war ein ordentlicher Anfang, auch wenn es noch Luft nach oben gibt", bilanzierte Löws neuer RTL-Chefkritiker Jürgen Klinsmann. Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff ergänzte: "Wir wissen, dass es nicht über Nacht geht. Und wir wissen, dass wir in Holland zum jetzigen Zeitpunkt nicht der Favorit sind."

Das führte Löw die fast chaotische erste Halbzeit vor Augen, in der Frankfurts Sturmbulle Luka Jovic die Serben verdient in Führung gebracht hatte (12.). Als Quittung gab es laute Pfiffe von den 26 101 Fans in der ausverkauften VW-Arena. "Das war zu wenig, wir sind immer noch Deutschland!", schimpfte Reus, der mit Goretzka nach der Pause viel Schwung gebracht hatte. "Das war eine Warnung an uns selbst. Wir wissen, dass wir Zeit brauchen", ergänzte Reus, "aber wir haben keine Zeit. Wir haben eine Quali – und die fängt schon am Sonntag an. Da müssen wir da sein, einen Zahn zulegen, ein anderes Gesicht zeigen!" Was zu diesem (schöneren) Gesicht gehört, war nach dem Seitenwechsel zu sehen: Tempo, Tiefe, noch mehr Temperament. All das will Löw beibehalten, ergänzt durch "Konsequenz" – in der Defensive und im Torabschluss.

Mittelfristig ist Löw wieder als Spielerentwickler gefordert, einigen seiner Youngster wie dem guten Debütanten Lukas Klostermann oder Kader-Küken Kai Havertz fehlt Reife. Klostermann reiste übrigens gestern wegen Adduktorenschmerzen ab. Kurzfristig wird Löw aber wieder auf mehr Erfahrung setzen. Kapitän Manuel Neuer behält für Sonntag seinen Platz im Tor, das in Wolfsburg ohne große Erkenntnisse praktizierte Jobsharing mit Marc-Andre ter Stegen wird beendet. Antonio Rüdiger und Matthias Ginter dürften zurückkehren, Toni Kroos und dem bärenstarken Reus gab Löw eine Startelfgarantie. Für Kroos muss wohl Ilkay Gündogan weichen, obwohl er – in der zweiten Hälfte beflügelt von der Kapitänsbinde, die er "mit Stolz und großem Respekt" trug – eine gute Leistung zeigte.

In der vordersten Reihe entwickelt sich Leroy Sané immer mehr zum Fixpunkt. Löw nahm mit großer Erleichterung auf, dass sich der Wirbelwind beim "ganz, ganz üblen Foul" von Milan Pavkov, der dafür Rot gesehen hatte (90.+3), nicht verletzte. Der nach seiner Erkältung genesene Serge Gnabry ist eine Alternative zum glücklosen Timo Werner. Doch egal mit welchem Personal: "Verstecken müssen wir uns nicht", sagte Gündogan, "wir haben eine tolle Mannschaft."

Quelle: Gießener Allgemeine

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