Nichts los: Auch im Bad Nauheimer Waldstadion wird in diesen Wochen kein Fußballspiel angepfiffen. FOTO: NICI MERZ
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Nichts los: Auch im Bad Nauheimer Waldstadion wird in diesen Wochen kein Fußballspiel angepfiffen. FOTO: NICI MERZ

Amateursport

Zwischen Schmerz und Verständnis

  • Erik Scharf
    vonErik Scharf
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Der Sportverein ist für sie ein Lebensinhalt. Zum zweiten Mal in diesem Jahr müssen sie aber aufgrund der Pandemie auf den Gang zum Sportplatz oder Stadion verzichten. Spieler, Trainer, Funktionäre und Fans sprechen über die Notwendigkeit sowie über Vor- und Nachteile.

Kein Amateur-Sport im November. Die Maßgabe ist klar, aufgrund der steigenden Covid-19-Fallzahlen sollen Kontakte wieder auf ein Minimum reduziert werden. Da hat auch der Amateursport hinten anzustehen, der vor allem in den Hallensportarten ohnehin sehr holprig in die Saison gestartet ist.

Die Fußballer haben immerhin für rund drei Monate spielen dürfen, auch wenn viele Tabellen durch Spielausfälle verzerrt wirken. Für die Stammgänger ist die Zeit ohne Live-Sport auf dem heimischen Sportplatz oder im Stadion oftmals auch ein harter Einschnitt, schließlich ist es für sie ein Lebensinhalt, am Wochenende die Lieblingsmannschaft anzufeuern oder selbst aktiv zu sein. Wir haben fünf Wetterauer Tausendsassas gefragt, was sie mit der unfrewillig gewonnenen Zeit anstellen.

Marcel Bohl (Groundhopper und Dauerkartenbesitzer beim EC Bad Nauheim und Kickers Offenbach): "Aus Sicht des Sportfans waren die letzten Wochen nicht schön", sagt Bohl. "Ich bin ja allgemein viel unterwegs, aber es gab ja nicht mal im Amateursport etwas zu sehen." Die freigewordene Zeit füllt sich Bohl mit Lesen. "Ich habe haufenweise Groundhopping-Bücher und Fanzines, hin und wieder kommt ja auch Sport im TV, aber das ersetzt den Stadiongang natürlich auch nicht", sagt der 39-Jährige Vertriebsinnendienstler. Immerhin war er bei den Testspielen des EC, bei denen noch Zuschauer zugelassen waren, im Colonel-Knight-Stadion, im Stadion: "Es war wichtig, dass man wieder Eishockey gucken konnte, mit der Situation drumherum hat man sich irgendwie arrangiert", sagt Bohl. Nun hofft er, dass bald wieder "irgendwas wieder losgeht oder freigegeben wird". Seinen nächste Groundhopping-Tour hat er auch schon im Visier. "Mit dem Auto ans Nordkap und die Faröer Inseln. Das sind die nächsten Ziele."

Wilfried Beck (FSG Burg-Gräfenrode):Der 69-Jährige ist ein Roggauer Urgestein. "Wenn mich Leute fragen, was mein Hobby ist, dann antworte ich: die FSG ist mein Lebensinhalt" Wenn der Ball in Burg-Gräfenrode rollt, ist Beck auch da. "Momentan schmerzt es aber nicht so sehr, dass kein Fußball stattfindet. Gerade in meinem Alter ist es derzeit sinnvoller, den Gefahren aus dem Weg zu gehen", sagt Beck, der zwischen 1989 und 1999 auch Erster Vorsitzender der FSG war. Mit einem Augenzwinkern fügt er an, dass die bisherige Saison des Gruppenliga-Aufsteigers ehr mau verlief. Auf dem Sportplatz ist er trotzdem fast täglich. "Ich kümmere mich um das Vereinsgelände. Instandsetzen, bepflanzen, wässern, alles was dazugehört", sagt Beck, der als Vorstandsmitglied im FSG-Förderkreis die Renovierung des Vereinsheims vorantrieb und Werbepartner mit seinen Vorstandskollegen im Förderkreis dutzendfach Bandenwerbung verkaufte. Dass der Ball bald wieder rollte, glaubt Beck eher nicht. "Das ist natürlich sehr schade, aber hat auch einen Vorteil. Der Rasen wächst wunderbar."

Carlotta Mayer (Spielertrainerin und stellvertretende Abteilungsleiterin bei der Spvgg 08 Bad Nauheim):"Es ist auch mal ganz schön, nicht jeden Tag auf den Sportplatz zu müssen und sich ein wenig zu erholen. Aber das Kicken und die Mädels fehlen schon sehr", sagt Carlotta Mayer. Ihr Leben dreht sich fast ausschließlich um den Fußball, vor kurzem absolvierte die Torfrau ihr 300. Spiel im Trikot der "Nullachterinnen", als stellvertretende Abteilungsleiterin ist sie auch in die organisatorischen Aufgaben involviert. "Das Hygienekonzept zu erstellen hat schon viel Zeit gekostet. Von daher ist es doppelt schade, dass wir nun wieder pausieren müssen. Aber die Gesundheit geht vor", sagt die 25-jähriger Schreinerin. Bis auf den Fakt, dass sie nun wieder mehr joggt, hat sich an ihren Freizeitgewohnheiten nichts geändert. In der Zwischenzeit bereitet Mayer schon die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs vor, "auch wenn das alles ein bisschen ins Blaue hinein geplant ist", sagt sie. Einen festen Termin hat sie in diesem Jahr aber noch: "Am Samstag wäre eigentlich das letzte Spiel in diesem Jahr mit der Weihnachtsfeier im Anschluss gewesen. Stattdessen treffen wir uns jetzt per Videochat. Da freuen sich alle sehr drauf."

Ralf Ringowski (Jugendtrainer beim VfR Ilbenstadt):"Dass die Jugendmannschaften mit in die Unterbrechung einbezogen wurde, ist sehr schade", sagt Ralf Ringowski. Der Trainer der E-Jugend des VfR Ilbenstadt schaut wehmütig in andere Bundesländer, die dem Nachwuchsfußball bereits wieder grünes Licht gegeben haben. "Die Kinder halten sich sehr gewissenhaft an alle Regeln. Sie treffen sich ja auch jeden Tag in der Schule, vor dem Hintergrund ist es sehr schade, sie nicht zumindest trainieren zu lassen", sagt der 44-jährige Vertriebler, zumal man auch beim VfR viel Zeit und Aufwand in ein funktionierendes Hygienekonzept gesteckt habe. Seit die Richtlinien am vergangenen Samstag gelockert worden sind, geht Ringowski mit Sohn Luis (9) wieder auf den Sportplatz, "das ist ja immerhin schon wieder erlaubt", sagt er. Ansonsten nutzt die Familie die fußballfreie Zeit zum Radfahren und Wandern.

Ewald Höhn (seit 50 Jahren Mitglied beim SV Nieder-Wöllstadt und Dauerkarten-Inhaber beim TV Petterweil):"Das schmerzt mich als Zuschauer schon", sagt Höhn über die Unterbrechung der Saison. Wann immer in Nieder-Wöllstadt Fußball gespielt wird, ist der 79-Jährige am Sportplatz, nach dem Schlusspfiff trifft man ihn im Vereinsheim. Seit 50 Jahren ist er Mitglied bei den "Roten", 38 Jahre war er am Stück als Schiedsrichter für den Verein aktiv. "Jetzt bin ich am Wochenende halt daheim und nutze die Zeit für den Haushalt oder um zu schauen, welche Nachwuchs-Schiedsrichter es in die Bundesliga geschafft haben", sagt Höhn. Die Unterbrechung kann er seitens des Hessischen Fußball-Verbands durchaus verstehen, sagt aber auch: "Man hätte sich auch überlegen können, die kleinen Vereine ab der Kreisoberliga abwärts anders zu beurteilen. Da kommen zu Schlagerspielen nicht mehr als 120, 130 Zuschauer. Den Vereinen fehlen natürlich Einnahmen, vor allem aus dem aus Speisen- und Getränkeverkauf", sagt Höhn, der auch Stammzuschauer bei den Handballern des TV Petterweil ist. Bislang hat der Oberliga-Aufsteiger noch kein Saisonspiel bestritten. "Momentan sieht es danach aus, dass meine Dauerkarte eine Spende ist", sagt Höhn, der damit den Verein in der schwierigen Zeit unterstützen will. FOTOS: PV

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