Bob Hanning
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Bob Hanning

Im Zweifel ohne die Zuschauer

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Schafft auch der Handball den Weg zurück aufs Feld? Für Bob Hanning, Chef der Füchse Berlin, ist der Neustart im Oktober alternativlos. Dafür fordert der 52-Jährige auch Anpassungen im Umgang mit der Krise, wie er im Interview mit unserer Zeitung erklärt.

Der Bund hat ein Hilfspaket in Höhe von 200 Millionen Euro angekündigt, mit dem Einnahmeausfälle für Profiklubs abgefangen werden sollen. Lässt Sie das ruhiger schlafen?

Es ist ein Ansatz, den Spitzensport unterhalb der Fußball-Bundesliga zumindest ein Stück weit zu unterstützen und damit auch am Leben zu erhalten. Alleine wird dieser Betrag natürlich nicht reichen. Aber man darf nicht maßlos werden. Am Ende des Tages sind wir alle aufgefordert, unsere Hausaufgaben zu machen. Es ist wie in der freien Wirtschaft: Unternehmen, die die Jahre zuvor nicht gut gearbeitet haben, wird man auch damit nicht helfen können, Aber das ist auch nicht die Aufgabe der Politik, alles zu retten. Sie hat ihre Aufgabe erst mal gut erfüllt.

Die Füchse Berlin gelten seit Langem als gesund...

Und trotzdem hat uns die Pandemie im falschesten Moment getroffen, weil wir gerade dabei waren, oben anzugreifen. Dafür haben wir auch Geld in die Hand genommen. Wir haben den Trainer gewechselt und mit Kristopans einen Topstar geholt. Drei Wochen später war alles vorbei. Im Nachhinein hätten wir uns diese Investitionen natürlich sparen können. Aber es stimmt schon. Wir werden in der Lage sein, mit unseren Fans, unseren Sponsoren und der Hilfe der Politik die Krise zu bewältigen. Und natürlich müssen auch die Spieler ihren Beitrag leisten.

Mit einer Gehaltskürzung. Wie groß wird der Einschnitt sein?

Das kann man noch nicht sagen. Klar ist: Die Spieler können nicht die Lösung sein, aber sie müssen Teil der Lösung sein. Du kannst nicht rechtfertigen, dass der Steuerzahler helfen soll, aber die Spieler tragen nichts bei.

Nun gibt es einen Beschluss, dass ab Oktober wieder gespielt werden soll. Sehen Sie da noch Fragezeichen?

Nein, wir müssen spielen. Das ist eine Aufgabe, die wir lösen müssen.

Im Zweifel ohne Zuschauer?

Im Zweifel ohne Zuschauer, ja. Wir sind ja dank der Hilfen nun in der Lage, das auch ein Stück weit zu finanzieren.

Es gibt derzeit Experimente in anderen Sportarten. Macht das Mut?

Ach, wenn ich mich nur mit Problemen befassen würde, wären wir heute nicht da, wo wir sind. Aber man muss sich fragen: Wofür machen wir das alles? In Berlin machen wir das zum Beispiel für unseren Nachwuchs, weil wir die gerne spielen sehen wollen. Und wir machen das für unsere Fans. Handballspiele ohne Fans machen auf Dauer weder Spaß noch Sinn. Man kann so etwas nur für einen gewissen Zeitraum machen. Natürlich ist die Pandemie nicht vorbei, aber man kann flexibler werden.

Zum Beispiel wie?

Das erste, wovon wir wegkommen sollten, ist die vierzehntägige Quarantäne, die mir völlig unangemessen erscheint. Wenn wir das auch in der Gesellschaft auf eine Woche reduzieren würden, würde das schon helfen. Des Weiteren muss man auch die Hallen entsprechend umrüsten, dass es passt. Aber man sollte nicht mit Angst operieren, sondern mit Augenmaß.

Eine Woche ist genug?

Wer sagt denn, dass zwei Wochen richtig sind? Dass eineinalb Meter Abstand richtig sind? Wir haben sicher vieles richtig gemacht in Deutschland. Aber man muss auch in der Lage sein, dazuzulernen. Und da denke ich, dass eine Woche völlig ausreichend wäre, um den Großteil auszuschließen. Dafür muss man Entscheidungen treffen, das braucht manchmal auch Mut, aber so ist das eben.

Die Füchse Berlin haben traditionell ja eine sehr gute Nachwuchsarbeit. Könnte das für einen Verein zum besonderen Kapital werden?

Wir sind elfmal deutscher Meister geworden, haben aktuell zehn Jugend-Nationalspieler. Da werden wir die nächsten Jahre davon profitieren. Tun wir ja jetzt schon. Spieler wie Fabian Wiede, Paul Drux, Tim Matthes oder Frederik Simak spielen schon bei den Profis, Aber wir machen das aus Überzeugung. Das hat den gleichen Stellenwert wie die Profis. Die A-Jugend mache ich ja selbst, stehe drei- bis viermal die Woche um sechs Uhr auf um, bevor ich ins Büro fahre, noch das Vormittagstraining zu machen. Die diesjährige A-Jugend ist ein überragender Jahrgang, so gut wie die goldene Generation mit Fabian Wiede und Paul Drux,

Das klingt in Krisenzeiten fast schon euphorisch.

Ich war drei Monate auf Treibsand, jetzt bin ich auf Sand und sehe die Straße. Ich habe unsere Situation immer sehr offen kommuniziert. Auch aus einer Position der Stärke. Weil wir die Nachwuchsarbeit haben. Weil wir 400 000 Euro Gewinnrücklagen hatten. Ich habe jeden unserer 2500 Dauerkartenbesitzer selbst angeschrieben und die Situation erklärt. Ich habe mit jedem Partner gesprochen. So habe ich das 16 Jahre lang getan. Das wird honoriert. Wir haben weniger als 1000 Euro an die Dauerkartenbesitzer zurückgezahlt. 99,2 Prozent haben auf alles verzichtet. Das zeigt auch, dass Familie eine Rolle spielt. FOTO: DPA/PATRICK REICHELT

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