"Wir haben zu wenig Plätze"

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Das Spitzenduo zu Besuch an der Basis. Bundestrainer Joachim Löw und Martina Voss-Tecklenburg, die neue Trainerin der deutschen Frauen, besuchten am Sonntag den Amateurfußball-Kongress des DFB in Kassel. Löw überraschte dabei mit starker Kritik am Benehmen der Profis. Die Verbandsspitze um Präsident Reinhard Grindel und seinem Vize Rainer Koch sprachen über Image-Probleme und fehlende Fußballplätze.

Das Spitzenduo zu Besuch an der Basis. Bundestrainer Joachim Löw und Martina Voss-Tecklenburg, die neue Trainerin der deutschen Frauen, besuchten am Sonntag den Amateurfußball-Kongress des DFB in Kassel. Löw überraschte dabei mit starker Kritik am Benehmen der Profis. Die Verbandsspitze um Präsident Reinhard Grindel und seinem Vize Rainer Koch sprachen über Image-Probleme und fehlende Fußballplätze.

Erschwerte Ankunft: Er hatte sich verspätet. Morgens um sieben war Joachim Löw in Freiburg in die Bahn gestiegen. "Ich fahre gerne Bahn. Um diese Zeit ist es auch ruhig. An anderen Tagen muss ich schon mal 200 Selfies machen. Da wird es manchmal anstrengend", erzählt der Bundestrainer später. Da sitzt er endlich auf dem Podium. Denn wie das so ist: Die Bahn hatte Verspätung.

Die Kritik: Löw und Voss erzählen locker, aufgeräumt, interessant. Erinnern sich an ihre Anfänge in der Jugend, bei den Amateuren. Sprechen über Aufgaben und Ziele. Doch Löw hat auch ein Anliegen mitgebracht, das schnell für Gesprächsstoff sorgen wird: das Benehmen der Profis auf dem Platz. Löw formuliert starke Kritik. Er schimpft über Schwalben. Über Simulieren. Über permanente Rudelbildung. Er sagt energisch: "Das sehen die Kinder, das sehen die Amateure." Und Löw erteilt einen klaren Auftrag auch an seine Nationalspieler: "Wir müssen das wieder in die richtige Richtung lenken. Fairness ist das höchste Gebot." Im Saal gibt es anhaltenden Beifall.

Die Sympathieträgerin: Löw kennt jeder – 13 Jahre ist der Mann fast schon Bundestrainer. Aber Martina Voss-Tecklenburg? Die 51-Jährige ist seit drei Monaten im Amt und muss sich ihre Bekanntheit erst erarbeiten. Am Samstag war sie im ZDF-Sportstudio zu Gast, am Sonntag beim Amateurfußball-Kongress – und in diesem Sommer steht die Frauen-WM auf dem Programm. Eines steht jetzt schon fest: Sie taugt zur Sympathieträgerin. In Kassel gibt sie sich volksnah. Steht im Raum als gehöre sie zu den Delegierten und lobt den Amateurfußball: "Ich liebe es, da am Rand zu stehen und eine Bratwurst zu essen." Manchmal fahre sie mit dem Rad durch die Gegend und halte extra an, um Amateuren beim Kicken zuzuschauen. Sie sagt das alles locker und unbeschwert, als sei sie schon 13 Jahre Bundestrainerin. Dabei wäre es fast nichts geworden mit dem Fußball. Sie gehört einer Generation an, in der Mädchen nicht wie selbstverständlich zum Fußball gingen. "Meine Mutter hat mir das verboten", erzählt Voss-Tecklenburg. Sie setzte sich durch.

Das Image: DFB-Vizepräsident Rainer Koch hat sich vehement gegen Kritik am Verband gewehrt, aber auch einen Imageverlust eingeräumt. Der 60-Jährige erklärte, dass sich der Volkssport Nummer eins einer "Frischzellenkur" unterziehe, um "dann wieder quicklebendig zu sein, wenn ganz Fußball-Europa bei der Euro 2024 auf Deutschland schaut. Jetzt ist die Zeit, anzupacken!" Fakt sei, so Koch weiter: "Der Fußball lebt, auch wenn uns viele weismachen wollen, dass er tot ist." Der für die Amateure zuständige Spitzenfunktionär gestand, "dass wir mit gravierenden Problemstellungen konfrontiert sind. Das Image hat gelitten. Wer das nicht erkennt, lügt sich in die eigene Tasche. Mit Halbwahrheiten kommen wir nicht weiter!" Aber man dürfe sich von den "in der Öffentlichkeit dramatisierten Statistiken, die uns den bevorstehenden Untergang des Amateurfußballs prophezeien, nicht einschüchtern lassen", sagte Koch und forderte die Amateurvertreter zur Geschlossenheit auf. Der Wandel der Gesellschaft macht auch vor dem Amateurfußball keinen Halt, dies müsse man als Chance begreifen.

Die Abschiedsworte: Löw und Voss-Tecklenburg haben über ihre Karrieren erzählt und über ihre Mannschaften. Als die Diskussion dem Ende entgegengeht, richten sich beide noch mal an die Amateure. Voss-Tecklenburg bittet: "Bewahrt euch eure positive Energie. Und denkt daran: Wir sind privilegiert, wir leben in Europa, wir haben so viele Chancen." Und Löw dankt "allen in den Vereinen. Allen, die unbezahlt arbeiten, aber für uns unbezahlbar sind."

Die Angst: DFB-Präsident Reinhard Grindel fürchtet angesichts des veränderten Immobilienmarktes um die Fußballplätze in Deutschland. "Der Kampf um die Flächen in unseren Städten wird immer härter. Wir haben zu wenig Fußballplätze und vor allem Kunstrasenplätze", kritisierte Grindel bereits am Freitag. Er verwies auf eine Studie der Sporthochschule Köln, wonach eine gute Infrastruktur maßgeblich darüber entscheide, ob Kinder beim Fußball blieben. "Wir brauchen mehr Fußballplätze." Dies sei eine Forderung des Kongresses an die Politik. Zudem sei die Zahl der Vereine gestiegen, die für die Nutzung von Plätzen Gebühren an die Kommunen bezahlen müssten. "Das ist nicht in Ordnung, das gehört abgeschafft", verlangte der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete.

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