Julia Boike aus Altenstadt darf zukünftig auch in der 2. Frauenfußball-Bundesliga Spiele leiten.
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Julia Boike aus Altenstadt darf zukünftig auch in der 2. Frauenfußball-Bundesliga Spiele leiten.

Aufstieg

So will die Altenstädter Schiedsrichterin Julia Boike in der Bundesliga bestehen

  • Philipp Keßler
    vonPhilipp Keßler
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Julia Boike aus Altenstadt darf ab der neuen Saison auch Frauenfußballspiele in der 2. Bundesliga leiten, in der Beletage darf sie als Assistentin fungieren. Doch die 25-Jährige hat noch höhere Ziele.

Julia Boikes Leben ist durchgetaktet: Schiedsrichterei auf hohem Niveau, dazu einen Job in der Marketing- und Personalabteilung einer Ket- te von Sanitätshäusern im Rhein-Main-Gebiet sowie bis vor Kurzem auch noch der Master in General Management am Sportbusiness-Campus in Wolfsburg, Fürth und Düsseldorf. Die 25-jährige Altenstädterin sagt, ihr hat die Corona-Pause gutgetan - und ihrer Laufbahn auch, darf sie doch mit dem Beginn der neuen Spielzeit als Schiedsrichterin Spiele in der 2. Frauenfußball-Bundesliga leiten, in der 1. Liga assistieren. Im Interview verrät die Unparteiische, die für Eintracht Frankfurt pfeift, was für ein größeres Ziel sie noch hat und wie es für sie als Frau ist, Spiele bei den Herren zu pfeifen.

Frau Boike, wie kommt man als 16-Jährige dazu, Schiedsrichterin werden zu wollen?

Ich habe damals selbst noch Fußball gespielt, war gerade von Oberau nach Düdelsheim gewechselt, als der Oberauer Claus Pfeffer mich ohne mein Wissen für einen Neulingslehrgang angemeldet hatte - obwohl ich da ja gar nicht mehr im Verein war. Ich habe mir bis zum letzten Tag offen gelassen, ob ich da überhaupt hingehe, obwohl ich sehr pflichtbewusst bin. Dann habe ich aber den Lehrgang und die Prüfung gut bestanden, schnell meine ersten Einsätze bekommen und bin in der Folge Jahr für Jahr aufgestiegen.

Inzwischen dürfen Sie Spiele in der Verbandsliga Herren sowie der 2. Bundesliga der Frauen pfeifen, jeweils eine Spielklasse darüber als Assistentin arbeiten. Ziel erreicht?

Das, was ich bislang erreicht habe, war mein Ziel. Den Traum von der 2. Bundesliga habe ich schon lange gehegt, die vergangenen Jahre hat es aus diversen Gründen nicht geklappt, weshalb ich nun umso glücklicher bin. Aber mein Blick geht weiter nach oben. Ich will in die Frauen-Bundesliga - und vielleicht auch in die Hessenliga der Männer.

Mit Bibiana Steinhaus, Dr. Riem Hussein und Katrin Rafalski haben es einige Frauen inzwischen in den Profibereich der Männer geschafft - wäre das auch etwas für Sie?

Der Weg dorthin ist sehr, sehr schwer. Ich bin mit dem, was ich erreicht habe, zufrieden. Bundesligaschiedsrichterin zu werden, ist für mich unrealistisch, denn da müsste ich in meinem Alter schon mindestens Regionalliga pfeifen. Dazu muss aber alles klappen - in Lehrgängen, bei Prüfungen, während der Beobachtungen. Gleichzeitig muss man wissen, dass Schiedsrichterei kein Hauptberuf ist, sondern es auch noch die normale Arbeit, Freunde und Familie gibt. Ich bin mir aber sicher, dass es in Zukunft noch weitere Frauen schaffen werden.

Wie sieht ein klassisches Wochenende für Sie aus?

Es ist schon eine aufwendige Organisation - gerade wenn man, so wie ich, nebenher noch studiert hat. An einem normalen Wochenende kann es schon einmal quer durch Deutschland gehen, Samstagnachmittag nach Iserlohn und Sonntag nach München, abends jeweils nach Hause und am Montag um 8 Uhr man wieder im Büro sitzen.

Wie schaffen Sie das?

Ohne meine Eltern, deren Auto ich immer leihen muss und bei denen ich zwischen zwei Spielen das Trikot in die Wäsche stecke, sowie meine Freunde und Familie wäre das alles nicht möglich. Ich hatte zudem schon immer viele Leute aus der Schiedsrichtervereinigung Büdingen im Hintergrund, die mich unterstützen haben, wie unser früherer Kreisschiedsrichterobmann Edgar Schäfer, sein Nachfolger Sebastian Poth oder auch unser Lehrwart Volker Höpp und unser Beobachter Matthias Kristek. Sie opfern ihre Zeit und ihr Herzblut für junge Leute wie mich - und haben mich so geprägt.

Gibt es einen Unterschied, wenn Sie ein Frauen- oder ein Männerspiel pfeifen?

Das sind völlig unterschiedliche Spiele, das kann man nicht vergleichen. Bei den Männern bin ich mehr gefordert - es gibt mehr Zweikämpfe, ich muss schneller laufen und mehr Entscheidungen treffen. Da ist einfach mehr Geschwindigkeit drin. Bei den Frauen laufe ich zwar nicht weniger, aber anders.

Eine Frau als Schiedsrichterin bei einem Männerspiel. Hatten Sie dabei schon mal Probleme?

Überhaupt nicht. Ich habe in den vergangenen neun Jahren sehr positive Erfahrungen gemacht. Natürlich steht da meistens die obligatorische Rentnerclique, die etwas skeptisch ist, wenn ich mit meiner Tasche auf den Platz komme, die dann aber auch so fair ist und nach dem Spiel noch etwas mit mir trinkt. Außerdem lege ich meinen Fokus voll auf das Spielgeschehen. Ich kann sowieso nicht alles hören, was rund um den Sportplatz gesagt wird.

In der vergangenen Saison waren verbale und körperliche Übergriffe auf Unparteiische mehrfach ein Thema in Hessen. Ist Ihnen so etwas auch schon widerfahren?

Zum Glück nicht. Meine Erfahrung ist, dass viele Vereine sehr gut mit Schiedsrichtern umgehen. Ich hatte noch nie Angst, auf den Sportplatz zu gehen. Solche Eskalationen hängen leider oft auch an Zuschauern, die sich teilweise mal fragen sollten, was sie als erwachsene Menschen selbst so alles gegenüber den Gegnern, anderen Fans oder den Schiedsrichtern und ihren Assistenten vom Stapel lassen.

Wie treten Sie als Schiedsrichterin auf?

Frauen an der Pfeife

2194 der insgesamt 56 680 Schiedsrichter in der Saison 2018/19 waren laut dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) weiblich. Ihr Anteil lag demnach bei rund 3,9 Prozent – Tendenz steigend, wenn auch langsam. 2005 waren laut DFB nur etwa 2,2 Prozent der Unparteiischen Frauen gewesen. Einen Anteil daran könnten auch prominente Schiedsrichterinnen wie Bibiana Steinhaus haben. Die niedersächsische Polizeibeamtin ist in der Saison 2017/18 als erste Frau in die Schiedsrichterliste der Männer-Bundesliga aufgenommen worden. In der vergangenen Saison war sie unter den Unparteiischen in der 1. und 2. Liga die einzige Frau – mit 45 männlichen Kollegen.

Ich kommuniziere von vorneherein auf Augenhöhe mit allen, stelle aber auch klar, dass ich die Spielleiterin bin und die Regeln durchsetze. Auch während des Spiels kommuniziere ich sehr viel und kann so oft präventiv eingreifen, wenn ein Spieler heißzulaufen droht. Ich glaube, mir hilft außerdem, dass ich dank meiner Eltern selbst relativ geerdet bin und auch weiß, dass auch ich Fehler mache. Mein größtes Lob ist es, wenn hinterher keiner noch etwas von mir will oder am besten niemand über den Schiedsrichter, sondern nur über das Spiel redet.

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