+
Laut einer Studie hat kaum eine Sportart so wenige Jugendliche mit Migrationshintergrund wie Handball. Die Wetterauer Vereine wehren sich aber gegen den Vorwurf der geschlossenen Gesellschaft.

Handball

Wetterauer Handballer reagieren verärgert auf Integrations-Studie

  • schließen

Laut einer Studie hat nur jeder fünfte jugendliche Handballer einen Migrationshintergrund. Ist Handball eine geschlossene Gesellschaft? Die Wetterauer Vereine haben eine klare Meinung.

Handball ist eine geschlossene Gesellschaft. Diese Schlagzeile in der Freitagsausgabe der "Frankfurter Rundschau" saß. Grundlage für die These ist eine Studie der Universitäten Stuttgart und Bielefeld, welche die "Unterrepräsenz von Spielern mit Migrationshintergrund im Handball" untersuchte. Demnach hat nur jeder fünfte jugendliche Handballer, 20,4 Prozent, einen Migrationshintergrund. Unter den untersuchten Sportarten ist Handball das Schlusslicht.

Im Schnitt, so das Ergebnis der Studie, haben 46 Prozent der Jugendlichen in Sportvereinen einen Migrationshintergrund. Schottet sich der deutsche Handball wirklich ab? Auch bei den Wetterauer Handballern sind die Ergebnisse der Studie angekommen und haben für verärgerte Reaktionen gesorgt. An der Befragung unter rund 2000 Jugendlichen und Funktionären waren die heimischen Vereine nicht beteiligt, dabei hätten sie einiges zu erzählen gehabt.

Integrationsarbeit seit Jahrzehnten

Jürgen Weiß, Handball-Abteilungsleiter vom TSV Griedel, macht direkt deutlich: "Ich kann die geschlossene Gesellschaft nicht unterschreiben." Er ist in dieser Woche mit der A- und B-Jugend beim Partnerverein SKP Frýdek-Místek in der Tschechischen Republik unterwegs. Seit 2002 treffen sich die Handballer einmal im Jahr. Mit in der Griedeler Delegation dabei sind auch drei Syrer, die fester Teil des TSV-Nachwuchses sind. Auch in der Heimat setzen die TSV-Verantwortlichen viel in Bewegung. Vor vier Jahren wurde die damalige FSJlerin des TSV der Stadt Butzbach stundenweise zur Verfügung gestellt, um sich um die Menschen in den Flüchtlingsheimen zu kümmern. Der Verein verteilte Flyer und organisierte ein erstes Training. Der Iraker Ziad Rejab, der zwischen 2012 und 2015 für die TSV-Herren spielte und dessen Sohn mit in Tschechien dabei ist, war als Dolmetscher für das Arabische Gold wert. "Von denen, die damals dabei waren, spielen heute noch einige bei uns im Spielbetrieb. Ich bin schon seit 30 Jahren dabei, in der Zeit hatten wir viele Spieler mit türkischem Hintergrund und viele Kosovo-Albaner, die im Zuge der Balkankrise zu uns kamen", sagt Weiß.

Unbekannter Sport

Auch zur TG Friedberg haben zwei syrische Flüchtlinge den Weg gefunden. Einer von beiden ist Lehrer und ist an eine Friedberger Schule vermittelt worden, erzählt Abteilungsleiter Ulli Kaffenberger. Zudem wehrt er sich den Handball in Deutschland per se als "geschlossene Gesellschaft" zu sehen. "Wir leisten schon seit vielen Jahren Integrationsarbeit", sagt Kaffenberger. Oft kämen Menschen aus dem EU-Ausland zur TG, die man nicht nur im Verein integriere, sondern denen man auch im normalen Leben eine Stütze sei. Klar sei aber auch: "Handball ist aufgrund der Historie der Flüchtlingsländer bei den meisten Menschen unbekannt", sagt Kaffenberger. Er bezieht sich dabei auf den jüngsten Flüchtlingsstrom, mit dem viele Menschen aus Syrien, Irak und Afghanistan nach Deutschland kamen. Der Fußball sei nun mal fast überall auf der Welt die Nummer eins, in Vorderasien ist Handball nicht verbreitet.

Die Meinung teilt auch Siggi Bläsche, Abteilungsleiter der HSG Mörlen. Auch er wehrt sich gegen den unterschwelligen Vorwurf, nicht genug Integrationsarbeit zu leisten: "Albert Weil hat einer Gruppe von jungen Flüchtlingen Handball beigebracht, hat sie zu den Männer-Heimspielen mitgenommen. Es waren Pässe ausgestellt und von einen auf den anderen Tag waren die Jungs weg. Keiner weiß, was mit ihnen passiert ist", erzählt Bläsche. Überhaupt habe man in den Flüchtlingsheimen viel Werbung gemacht, allein die Resonanz blieb aus. Einerseits sei es gerade bei Mädchen, die in ihrer Herkunftsländern oft keinen Sport treiben durften, schwer, sie in die Vereine zu holen. Andererseits, weil Fußball die Nummer eins sei - auch bei den Flüchtlingen.

Fußball beliebter als Handball

Die Problematik zwischen Fußball und Handball wird auch in der Studie beleuchtet. Der Deutsche Handball-Bund habe die symbolische Grenzziehung zwischen Handball und Fußball mit Slogans wie "Bodychecks statt Millionenchecks" vertieft, lautet ein Ergebnis der Studie. Die unterschwellige Botschaft, die dadurch an die Jugendlichen gesendet würde: Wer Fußball liebt, ist beim Handball nicht willkommen.

Wie sehr diese Botschaften tatsächlich in den Köpfen der Flüchtlinge abschreckend wirken, falls sie denn überhaupt ankommen, ist fraglich. Nicht von der Hand zu weisen ist dagegen der erbitterte Kampf um Mitglieder, um die Existenz von Mannschaften und das Aufrechterhalten des Spielbetriebs. Schon allein deswegen müssen sich die Handballvereine öffnen, nicht nur gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, sagen Weiß, Kaffenberger und Bläsche.

Liest man sich durch die Mannschaftslisten der Wetterauer Nachwuchsteams, scheint die 20-Prozent-Quote den richtigen Nerv zu treffen. Aber der Handball in der Wetterau wirkt nicht wie eine geschlossene Gesellschaft. Würde er es sein, würde sich der Sport, der überall für seinen respektvollen Umgang geachtet wird, selbst in die Tasche lügen. Eher lässt sich ein Bild zeichnen, dass die Wetterauer Handballvereine mit einer geschlossen starken Integrationsarbeit zeigt.

Hier gibt es den Artikel "Geschlossene Gesellschaft" zum Nachlesen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare