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Beim FV Bad Vilbel hat Co-Trainer Ajdin Maksumic (r.) vorerst die Leitung des Trainings übernommen. Coach Amir Mustafic erholt sich von einer Corona-Infektion.

Coronavirus-Pandemie

Wetterauer Fußball-Hessenligisten in der Corona-Zwickmühle

  • Philipp Keßler
    VonPhilipp Keßler
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Der erste Spieltag in der Fußball-Hessenliga ist vorüber - und beide Wetterauer Teams haben schon Probleme aufgrund der Coronavirus-Pandemie. Über den Kampf der Klubs mit Gesundheitsämtern, den Regeln des Verbandes und der Verantwortung für ihre Spieler.

Ein abgesagtes Spiel und eine 0:2-Niederlage - der Auftakt in die neue Saison der Fußball-Hessenliga hätte für die Wetterauer Vereine Türk Gücü Friedberg und FV Bad Vilbel kaum schlechter laufen können. Der Hintergrund in beiden Fällen: Corona.

Während die Partie der Kreisstädter gegen den SC Waldgirmes aufgrund von elf Spielern in Quarantäne infolge eines erkrankten Spielers im Vorfeld abgesetzt worden war (Neuansetzung: Mittwoch, 22. September, 19.30 Uhr), mussten die Brunnenstädter trotz zweier Corona-Fälle unter den Spielern und dem erkrankten Trainer Amir Mustafic zu ihrem Auftaktspiel beim TuS Dietkirchen antreten - und verloren 0:2 im Limburger Stadtteil. Der Unterschied: Während die Friedberger Klassenleiter Thorsten Bastian (Rockenberg) rechtzeitig die erforderliche Mindestzahl von fünf Spielern, die erkrankt oder in Quarantäne sind, nachweisen konnten, schafften die Bad Vilbeler dies nicht.

Die Wetterauer Hessenligisten und das Warten auf das Gesundheitsamt

Obwohl der erste Fall im Süden der Wetterau bereits Anfang vergangener Woche bestätigt geworden war, lagen bis zum Beginn der Folgewoche keine Quarantäneverordnungen der zuständigen Gesundheitsämter vor, erklärte FV-Spielausschussvorsitzender Andreas Schlatter auf Nachfrage. »Dieses Dilemma hatte ich im vergangenen Jahr schon mehrfach«, berichtete er. »Keiner kann mir eine genaue Auskunft geben.« Die drei Corona-Fälle habe man dem Klassenleiter angezeigt, doch es fehlten schlicht zwei weitere, sodass Bastian die Partie nicht absetzen konnte. »Wie soll ein Verein da reagieren?«, fragt Schlatter, der eine kampflose Niederlage samt Strafe wegen Nichtantritt vermeiden wollte. Die Niederlage im Limburger Stadtteil sei allerdings weniger auf die Umstände, sondern mehr auf »Unvermögen auf dem Platz« zurückzuführen.

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Um das Restrisiko für die Mannschaft so gering wie möglich zu halten, seien die Spieler in der vergangenen Woche zweimal getestet worden - neben den drei genannten Fällen allesamt negativ. Aber: »Natürlich bestand ein Risiko für den Rest«, gibt Schlatter auf Nachfrage zu. »Es ist eben schwierig abzuschätzen, wie man es richtig macht«, sagt er. Dabei will er aber auch Verband und Klassenleiter keinen Vorwurf machen, auch wenn die Spielordnung unter Corona-Bedingungen eine »Zwickmühle« für die Vereine darstelle.

Aktuell geht man beim Klub vom Niddasportfeld davon aus, am kommenden Sonntag (15 Uhr) gegen den SC Waldgirmes zu spielen, entsprechend laufe das Training unter der Leitung von Co-Trainer Ajdin Maksumic normal weiter. Die Infizierten hätten zwar Symptome einer Corona-Erkrankung, ihnen gehe es aber den Umständen entsprechend gut. »Die Gesundheit ist das A und O«, betont Schlatter, sagte aber auch: »Es wäre angesichts des Spielplans aber auch gut, wenn es für uns weitergeht.«

Keine weiteren Corona-Fälle bei Türk Gücü Friedberg

Das hofft auch Türk-Gücü-Trainer Carsten Weber, der am Donnerstag den Großteil seiner Mannschaft wieder im Training zu versammeln hofft, um sich auf das Sonntagsspiel (15 Uhr) gegen den SC Hessen Dreieich vorzubereiten - nach einem weiteren vorherigen Corona-Test. Ob dann auch der Erkrankte, dem es den Umständen entsprechend »okay« gehe, wieder mit dabei ist, ist offen. Immerhin: Bis auf den einen positiven Fall, der in der vergangenen Woche bekannt wurde, gebe es keine weiteren Infizierten, sagte Weber. Nach dem positiven Testergebnis habe für den Klub und ihn aber die eigentliche Arbeit erst begonnen. »Ich hatte Kontakt mit vier Gesundheitsämtern, um die nötigen Nachweise zu besorgen. Aus den Kreisen Frankfurt und Groß-Gerau habe ich bis heute nichts bekommen«, erzählt er. »Es liegt also nicht immer an uns Klubs, wenn wir keine Nachweise liefern.«

Entsprechend plädiert er für die Einführung einer Frist, in der Vereine ein Spiel absetzen lassen und im Anschluss dem Klassenleiter ihre Corona-Nachweise nachreichen können, um etwaige Betrügereien mit vorgeschobenen (Verdachts-)Fällen auszuschließen - oder andernfalls die Partie am grünen Tisch zu verlieren. Von diesem Vorgehen ist man beim HFV angesichts des engen Spielplans kein Freund: »Man kann nicht erwarten, dass der Verband für alles eine Regelung findet, denn irgendwann sind auch die staatlichen Stellen mal gefordert«, sagt Klassenleiter Bastian. »Wir haben jetzt schon Probleme mit Spielansetzungen. Wenn wir dann noch mehrere Wochen warten, wird es ganz schwierig.«

Klassenleiter Bastian: Spielbetrieb ist abhängig von der Politik

Überhaupt sei man nach wie vor abhängig von der Politik - nicht nur in Sachen Quarantäneverordnung durch die Gesundheitsämter, sondern auch bei Fragen, wie viele Zuschauer zugelassen sind und bis zu welchen Corona-Kennzahlen überhaupt gespielt werden dürfte. Das sei in der Hessenliga mit dem »Sonderfall« des FC Bayern Alzenau jenseits der hessischen Landesgrenze zusätzlich schwierig. »Da liegt noch einiges im Argen«, glaubt Bastian mit Blick auf den weiteren Saisonverlauf, sagt aber auch: »Man wird nicht für jeden Fall eine Lösung finden.«

Vorerst scheinen die Vereine also weitgehend auf sich selbst gestellt zu sein. Die Wetterauer Klubs sind nach eigenen Angaben in Sachen Hygieneregeln noch einmal besonders sensibilisiert worden und wollen intern auch das Thema Impfen noch einmal auf die Agenda setzen, auch wenn man natürlich keinen Spieler dazu zwingen könne. Ob das reicht, den bis Mitte Dezember vorgesehenen Spielplan in Hessens höchster Spielklasse abarbeiten zu können, wird aber nur die Zukunft zeigen können. Oder wie Weber es ausdrückt: »Es sind schon verrückte Zeiten.«

Kommentar: 17 Monate – und nichts gelernt

Seit rund eineinhalb Jahren beherrscht die Coronavirus-Pandemie unseren Alltag – und damit auch den Amateurfußball. Schnelltests, Impfungen und Hygieneregeln helfen, wieder ein Stück sportliche Normalität zu ermöglichen. Doch das Risiko einer Ansteckung bleibt – auf den Sportplätzen, in den Vereinsheimen und in den Kabinen und Duschen. Dass es die Politik nicht geschafft hat, die Gesundheitsämter so auszustatten, dass Kontaktnachverfolgungen und Quarantäneverordnungen zeitnah erfolgen, gleicht einer Bankrotterklärung. Dass der Hessische Fußballverband sich an den politischen Gegebenheiten orientiert, ist zwar einerseits nachvollziehbar, andererseits aber angesichts der bekannten Probleme auch ein Stück weit blauäugig.

Die Folge sind ein erhöhtes Ansteckungsrisiko mit allen bekannten Folgen – von Superspreader-Events bis zu Long Covid bei Sportlern – und damit letztlich das Risiko eines weiteren Saisonabbruchs – dem dritten in Folge. Bleibt zu hoffen, dass es in einer gemeinsamen Anstrengung von Spielern, Trainern, Betreuern und Funktionären gelingt, mithilfe von flächendeckenden Impfungen, großzügigen Testreihen und lieber etwas zu strengen als etwas zu laschen Hygieneregeln aus den derzeitigen Einzelfällen nicht wieder einen Flächenbrand entstehen zu lassen. Doch dafür braucht es die Mithilfe aller – auf und neben dem Platz. Gelingt das nicht, könnten die bislang stets prophezeiten, aber glücklicherweise (noch) nicht eingetretenen Schreckensszenarien für den Amateursport noch kommen.

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