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West-Vorrunde nur eine Farce?

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Andreas Ortwein war erst nicht ganz sicher, dann aber doch völlig überzeugt. Gesprochen habe man zwar nicht darüber, aber, natürlich, die Punkte werden übernommen.

Alles andere mache ja auch keinen Sinn, beantwortete der Geschäftsführer des EC Bad Nauheim nach der Termintagung der Eishockey-Oberliga West am Samstag vor einer Woche schließlich die Frage, ob die Zähler aus der Hauptrunde (bis Ende Dezember) auch die Endrunde der besten Acht (bis Mitte Februar) beeinflussen werden.

Bestätigen konnten diese Einschätzung aber weder die Recherchen auf stets gut informierten Homepages, noch Rücksprachen mit einigen Fach-Kollegen. Diese Thematik war in keinem der zahlreichen Fan-Foren angesprochen worden. Selbst am Dienstagmorgen räumte Matthias Scholze, der Pressesprecher der Frankfurter Löwen, ein: »Diese Frage haben wir uns auch schon gestellt.«

Am Abend schließlich bestätigte Markus Schweer, der zuständige Obmann des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, eine Meldung des EHC Dortmund: Die bis 31. Dezember errungenen Zähler verfallen, die Endrunde beginnt bei Null. Dies sei Wunsch der Vereine gewesen, so Schweer.

»Eine Farce«, entgegnet unterdessen Ortwein und fürchtet nun eine von hohem wirtschaftlichen Aufwand begleitete Vorrunde um die vielzitierte »Goldene Ananas«, ehe im Januar quasi ein Re-Start der Saison erfolgt. Gemeinsam mit Wolfgang Kurz hatte Ortwein die Interessen der Roten Teufel im Kreis der Funktionäre vertreten - und auch der Alleingesellschafter wollte von einer Meinungsbildung an jenem vorvergangenen Samstag in Dortmund nichts wissen. »Da ist überhaupt keiner gefragt worden«, versichert er. Der Anruf Schweers in der WZ-Sportredaktion hat schließlich eine emotionale Diskussion über das Für und Wider der Punkte-Mitnahme in Gang gesetzt.

»Titelkampf vermarkten«

Man wollte keine verkappte Doppelrunde spielen. Das sei die mehrheitliche Meinung der Vereine gewesen, sagt Schweer nach unzähligen Vorgesprächen. »Im letzten Jahr waren die ersten vier Plätze im Grunde genommen doch schon im Dezember vergeben. Da haben wir gesehen, wohin es führen kann, wenn einige Mannschaften zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlagen sind. Jetzt haben wir auch im Januar und Februar Spannung.

« Schon in der Vergangenheit sei schließlich nach diesem Modell gespielt worden, und zudem werde in der Hauptrunde der offizielle West-Meister und ein Startplatz im DEB-Pokal ausgespielt, verteidigt der Lünener den Modus. Die Erfahrungen hätten obendrein gezeigt, dass der West-Meister-Titel ein durchaus erstrebenswertes Ziel sei. In Neuss, Herne und Dortmund wären die Zuschauerzahlen in dieser Saisonphase nachweislich nach oben geschnellt. Selbst in Dortmund, wo gemeinhin die Besucherzahl im mittleren dreistelligen Bereich liegt, habe er die Trophäe vor 1200 Fans übergeben können. Der Titelkampf müsse von den Klubs nur eben entsprechend vermarktet und gepuscht werden. Das garantiere einen Schub im Dezember. Und außerdem: »Allen kann man es ohnehin nicht recht machen.«

22 bessere Testspiele

In Bad Nauheim lassen derlei Aussagen die Pulsfrequenz enorm steigen. Die Roten Teufel, die ihren Kader ebenso frühzeitig wie qualitativ hochwertig zusammengestellt haben und lediglich noch zwei Namen in den Angriffsreihen veröffentlichen werden, fürchten zu der ohnehin um zwei Partien verringerten Anzahl an Heimspielen jetzt Zuschauer-Einbußen in einer letztlich nahezu bedeutungslosen Hauptrunde, die Entschuldigungen zulässt: Für Spieler, die mit gedrosseltem Ehrgeiz in die Partien gehen, für Zuschauer, die zuhause bleiben, weil sie genau dies nicht sehen wollen. Hessische Derbys werden den Zuschauerschnitt zwar mutmaßlich nach oben treiben, den zum Weiterkommen erforderlichen achten Rang würde der letztjährige Playoff-Halbfinalist aus Bad Nauheim allerdings auch weit weniger kostenintensiv erreichen. Überspitzt gesagt könnte Trainer Fred Carroll in 22 besseren Testspielen wohl guten Gewissens auf seinen ersten Block verzichten - und dürfte dennoch die Endrunden-Qualifikation erreichen.

Geld wird in Bad Nauheim im Herbst quasi zum Fenster hinaus geworfen - Mittel, die die bislang personell noch zurückhaltenden Konkurrenz möglicherweise spart, um diese im Januar einzusetzen, wenn die Top-Klubs wettrüsten und nachverpflichten werden. »Hätten wir diesen Modus im Frühjahr gekannt, hätten wir anders gehandelt und zunächst unter anderem auf einen zweiten Kontingentspieler verzichtet«, sagt Ortwein mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch.

Einer spielt falsch

Doch: Haben denn die Vereine überhaupt entschieden, oder wurde dieses Modell vom Verband diktiert? »Die Anfrage von - ich glaube, es war - Königsborn, ob man die Punkte denn streiche, blieb ohne Gegenstimme«, behauptet Schweer; eine Anfrage, die weder Bad Nauheim noch Frankfurt mitbekommen haben wollen. »Wenn es diese Anfrage wirklich gab, dann muss ich mir den Schuh anziehen, nicht reagiert zu haben«, weiß Ortwein, sagt aber auch: »Dann haben aber zehn andere Vereine ebenfalls nichts mitbekommen. Eine Diskussion dazu gab es nicht.«

Dass er diese nicht selbst angeregt hat, habe einen ganz einfachen Grund: »Für mich war eine Mitnahme der Punkte selbstverständlich. Ich habe keine Diskussionsgrundlage gesehen.«

Einer sagt offenbar nicht die ganze Wahrheit. Ein möglicher Grund der unterschiedlichen Darstellung: Die strittige Anfrage aus Königsborn könnte parallel zur Spielplan-Ausgabe erfolgt und beim Studium der Termine und der Suche nach Tauschmöglichkeiten überhört worden sein. »Wer auf der Tagung nicht zuhört, der darf sich im Nachhinhein auch nicht beschweren«, sagt LEV-Obmann Schweer.

Einstimmigkeit entscheidet

In Frankfurt und Duisburg haben am Mittwoch Michael Bresagk und Matthias Roos Initiative ergriffen. Bei den vermeintlichen Top-Klubs (auch Dortmund wird inzwischen ein Umdenken nachgesagt) wird die Mitnahme der Punkte jedenfalls favorisiert, um den Spielen bis Dezember auch abseits aller Derby-Rivalität auch eine sportliche Bedeutung zukommen zu lassen. Zehn Klubs, so sagen Gerüchte, habe man von einer nachträglichen Modusänderung überzeugen können. Widerspruch kommt da allerdings prompt aus dem Ligenbüro. »Essen und Ratingen haben mich bei meiner Nachfrage telefonisch gemaßregelt - zu Recht im übrigen.

Wo kommen wir denn hin, wenn das bei einer Tagung Besprochene nicht mehr zählt? Dann können wir künftig jeden Buchstaben der Bestimmungen nachträglich in Frage stellen.« Der Eishockey-Obmann, der sich auf WZ-Nachfrage auch einer Bonus-Punkte-Regelung in Anlehnung an die österreichische Liga nicht verschließen wollte (»man hätte in großer Runde über fast alles sprechen können, aber eben bei der Tagung und nicht jetzt«), weist auf eine Einstimmigkeit als Voraussetzung zur Modusänderung hin. Während der Tagung hatte die einfache Mehrheit genügt. Zwar gebe es Klubs wie Aufsteiger Herford, die sich - so oder so - einer Mehrheit anschließen würden. »Doch eine Einstimmigkeit«, sagt Schweer nach erneuter Rücksprache mit einem halben Dutzend Klubs, »ist nunmal nicht gegeben.«

»Jetzt ist Feierabend«

Mit einer Zwölfer-Konkurrenz hat die West-Staffel bereits im zweiten Jahr nach der Reform die erst für die Spielzeit 2012/2013 erhoffte Soll-Stärke erreicht, als einzige der insgesamt vier Gruppen (Nord, Ost, Süd). Die Neulinge Frankfurt und Kassel werden zudem die Zuschauerzahl schönen. Auf diese Liga könne man durchaus stolz sein, und diesen Erfolg wolle er sich auch jetzt nicht kaputt reden lassen, sagt Schweer und zieht für sich einen Schlussstrich unter das Thema Spielmodus 2011/2012. »Jetzt ist Feierabend. Die Sitzung ist gelaufen.«

Sollten - woran in Bad Nauheim niemand zweifelt - die Initiativen von Frankfurt und Duisburg tatsächlich aber eine breite Mehrheit für eine nachträgliche Änderung in den Durchführungsbestimmungen ergeben, sollte der Verband aller Paragraphen zum Trotz allerdings Fingerspitzengefühl zeigen und sein Modell im Sinne der Klubs, deren wirtschaftlichen Bedenken und deren sportlichen Ehrgeiz modifizieren. Sonst wird das Thema Punkt-Mitnahme die West-Staffel die komplette Hauptrunde hindurch bis Ende Dezember begleiten. Und das kann auch nicht im Sinne des Verbandes sein.

Michael Nickolaus

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