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Kunstrasenplätze und deren Verfüllung mit Gummigranult - wie hier in Nieder-Wöllstadt - sind in die Diskussion geraten.

Kunstrasen in der Kritik

Wegen Mikroplastik: Wie die EU den Wetterauer Amateurfußball gefährden könnte

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Vereine und Kommunen sind aufgeschreckt: Dem Kunstrasen mit Kunststoffgranulat droht das Ende. Der Grund: Mikroplastik - und eine neue Studie.

Kunstrasen und Granulat stehen zum wiederholten Mal in der Diskussion. Neu ist diesmal der Ansatz. Hatten Experten in Gutachten bislang auf mögliche gesundheitliche Risiken hingewiesen, ist nun der Umweltschutz ein zentrales Thema. Jetzt könnte ein Beschluss der EU den Amateur- und Jugendfußball vielerorts gefährden - auch in der Wetterau. Hier gibt es die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Worum geht es in der aktuellen Kunstrasen-Diskussion?

Laut einer aktuellen Studie des Fraunhofer-Instituts sind Kunstrasenplätze mit Gummigranulat-Füllung eine der größten Quellen von Mikroplastik in Deutschland. Auf jedem Kunstrasen lagern - laut Institut - etwa 30 Tonnen dieses Granulats. Wind und Regen tragen es von den Fußballplätzen in die Gewässer und auf die Felder. So würden pro Jahr "bis zu 10 000 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt" gelangen, sagt Projektleiter Jürgen Bertling. Die EU-Kommission beauftragte zuletzt die Europäische Chemikalienagentur ECHA, Maßnahmen zu entwickeln, um den Einsatz von Mikroplastik zu verhindern. Diese Agentur empfiehlt nun ein Verbot dieser Partikel bis 2022. Das Kunstrasen-Granulat wäre von diesem Verbot betroffen - und der Amateurfußball hätte ein Problem.

Was wäre die Konsequenz, sollte die EU das Granulat verbieten?

Dann müssten alle Kunstrasenplätze mit Granulat bis 2022 saniert werden. Doch: Noch ist nichts beschlossen, und es gibt triftige Gründe dafür, dass mit Übergangsfristen zu rechnen ist. Der Deutsche Fußball-Bund plädiert in einer offiziellen Stellungnahme beispielsweise für sechs Jahre als Umrüstungszeit, "um die hohen Investitionen für die Sanierungen leisten und gleichzeitig den Sport aufrechterhalten zu können".

Mit welche alternativen Material können Kunstrasenplätze gefüllt werden?

Das Gummigranulat gelangt in die Kanalisation.

Eine Sanierungswelle könnte über den europäischen Amateurfußball schwappen, noch ist unklar, wie das finanziert werden soll. Käme es zum radikalen Verbot ab 2022, müsste das Granulat abgesaugt und entsorgt und durch Quarzsand oder Kork ersetzt werden. Christoph Kucsera ist Technischer Leiter von Schmitt Intergreen Sportstättenbau mit Sitz in Langgöns. Er weiß, was eine solche Sanierung kosten würde. "Zwischen 45 000 und 50 000 Euro pro Platz - und das dauert etwa eineinhalb bis zwei Wochen." Das Gespür für die Thematik ist mittlerweile vorhanden. Das bestätigt Kucsera: "Die letzten vier Aufträge für neue Kunstrasenplätze sind jeweils umgestiegen auf Kork als Füllmaterial." Niemand will nun noch das Risiko eingehen, einen Platz zu bauen, der in drei Jahren EU-weit verboten ist.

Wie reagiert Prüflabor Sportstättenbau auf die Debatte?

Das Prüflabor für Sportstättenbau, "Labor Lehmacher/Schneider", hat im Zuge der hitzigen Diskussion ein entschleunigendes Schreiben an alle Kommunen und Verwaltungen gesendet. Das Schreiben liegt dieser Zeitung vor, dort heißt es unter anderem: "Das Szenario (Radikalverbot ab 2022, Anm. d. Red.) ... ist aus Erfahrungen mit anderen Branchen eher unwahrscheinlich. Es kann Ausnahmegenehmigungen oder Übergangsregelungen geben. Alles andere wäre ungewöhnlich und ist in der EU noch nicht vorgekommen. So fahren beispielsweise auch heute noch Euro-1-Autos über die Straßen, obwohl inzwischen die Euro-6-Norm gilt. Eine Fristverlängerung von bis zu sechs Jahren ist üblich, um der Industrie die Chance zur Entwicklung alternativer Produkte zu geben."

Was sagt der Polytan, der führende Hersteller?

"Die Fraunhofer-Studie hat europäische Zahlen und Granulatmengen verwendet, die in Deutschland allein durch die Bauweise nicht möglich sind. Das hat Fraunhofer auch eingeräumt, genauso, dass es sich bei den Werten um Schätzungen handelt. Wir kommen auf ein Zehntel der Werte und sind mit dem Institut im Austausch", sagt Tobias Müller, Leiter Kommunikation des Unternehmens aus Burgheim. "Der größte Teil des Granulats bleibt auf der Umrandung des Platzes, wird auf gefegt und wieder eingestreut oder entsorgt. Außerdem gibt es Rückhaltesysteme, die das Granulat auffangen. Nur ein geringer Teil verlässt den Platz."

Inwiefern ist der Fußballkreis Friedberg betroffen?

Die Zahl der Kunstrasenplätze wächst; vor allem im Süden der Wetterau. Die Stadt Bad Vilbel hat Kunstrasenfelder in der Kernstadt, in Gronau, Dortelweil und demnächst auch auf dem Heilsberg. Die Stadt Karben hat Kunstrasenplätze den Ortsteilen Klein-Karben, Groß-Karben und Rendel. Dazu kommen Trainingsplätze in Burg-Gräfenrode und künftig in Kloppenheim (in Planung). Weiter nördlich liegt Kunstrasen auf den Plätzen in Ober- und Nieder-Wöllstadt, in Ober-Rosbach sowie in den Städten Friedberg (Burgfeld sowie demnächst in Fauerbach) und Bad Nauheim (Waldstadion und Rödgen). Im Norden verfügt einzig die Gemeine Wölfersheim über einen Kunstrasen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind die Plätze alle mit Granulat befüllt. In der Summe wäre als rund ein Viertel aller Fußballvereine im Kreis betroffen.

Wie reagiert der Hessische Fußball-Verband?

HFV-Präsident Stefan Reuß sagt: "Viele Vereine sind erst durch ihren Kunstrasenplatz in der Lage, der Zahl an Nachwuchsmannschaften überhaupt Trainingsmöglichkeiten zu bieten." Zudem befürchtet er, dass der durch die Witterungsverhältnisse ohnehin schwierig aufrechtzuerhaltende Spielbetrieb durch ein EU-Verbot ebenfalls gefährdet ist. "Wir gehen davon aus, dass die neuen Kunstrasenplätze, die in den letzten fünf bis zehn Jahren gebaut wurden, häufig mit Gummigranulat gepflegt werden."

Was sagen die Städte, in denen Kunstrasen liegt oder geplant ist ?

Stichwort Mikroplastik

Als Mikroplastik werden Fasern und Partikel aus Kunststoff mit einem Durchmesser unter 5 Millimetern bezeichnet, die entweder direkt oder als Abbauprodukte in die Umwelt gelangen. Inzwischen ist Mikroplastik bereits an beinahe jedem Ort auf der Welt nachweisbar – egal ob zu Land oder zu See. So ist es längst auf verschiedensten Wegen in die menschliche Nahrungskette gelangt. Laut einer Studie des Fraunhoferinstituts gehört die Verwehung von Sport- und Spielplätzen (Kunstrasen) neben dem Abrieb von Reifen, der Freisetzung bei der Abfallentsorgung oder der Emission durch Kunststoffverpackungen und Textilwäschen hierzulande zu den größten Verursachern von Mikroplastik in der Umwelt. Insgesamt sollen deutschlandweit etwa 330 000 Tonnen Mikroplastik pro Jahr freigesetzt werden, die fast nicht auf natürlichem Wege abgebaut werden. Die langfristigen Folgen auf Menschen, Tiere und Umwelt ließen sich noch nicht abschätzen, schreiben die Forscher. Sie schätzen, dass der Mensch in Zukunft die Emissionen um das 27-fache senken muss, um ökologische und gesundheitliche Risiken auf ein Mindestmaß zu senken.

Yannik Schwander, Pressesprecher der Stadt Bad Vilbel, verweist auf WZ-Nachfrage zunächst einmal auf die "Umweltverträglichkeit des Granultats". Entsprechend Gutachten des Herstellers habe man vorliegen. Schwander sagt aber auch: "Wenn man irgendwann gezwungen wird, müsste man selbstverständlich reagieren. Und natürlich: Wenn es zu diesem Zeitpunkt andere Alternativen gibt, können wir uns vorstellen, auch auf diese zu setzen." In der Nachbarstadt Karben verweist man auf unterschiedliche Qualitätsstufen des Granulats. "Auf allen Plätzen wurde Neugummi verwendet. Von der Problematik, dass Recyclinggummi mit krebserregenden Schadstoffen belastet sein könnte, ist in Karben kein Platz getroffen", informiert Michael Soborka aus dem Fachbereich Stadtplanung, Bauen, Verkehr. "Alle Großspielfelder wurden mit Kunstrasenfloren mit gekräuselter Faser ausgeführt. Sollte es im Jahr 2022 zum Verbot für Gummigranulat kommen ist es technisch möglich, das Granulat zu entfernen und durch Sand oder Kork zu ersetzten. Wir werden aufgrund der Planungsunsicherheit künftig keine Kunstrasenspielfelder mit Gummigranulat mehr bauen. Für den nächsten projektierten Trainingsplatz in Kloppenheim wollen wir statt Gummigranulat ein mit Kork verfülltes System ausprobieren", heißt es in einem Schreiben weiter. Die Stadt Bad Nauheim hat sich beim Kunstrasenbau von Rainer Ernst, dem "Rasenflüsterer" des Deutschen Fußball-Bundes, beraten lassen. 2010 wurde das Spielfeld im Ortsteil Rödgen angelegt; mit gekräuselten Fasern". "Uns wurde Robustheit versprochen. Das hat sich bestätigt", sagt Fachdienstleiter Volker Buchholz. Zwei Tonnen Granulat zum Nachfüllen habe man seinerzeit dazu erhalten und bislang – neun Jahre später – noch nichts nachbestellen müssen. Im Waldstadion liege ein sandverfüllter Kunstrasen; diese Variante habe man bewusst auch für den Hockeyverein gewählt.

Was sagen die Vereine, die ihre Heimspiele auf Kunstrasen austragen?

"Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird", meint Walter Nebel, der Pressesprecher des SV Nieder-Wöllstadt. Dort liegt seit etwas mehr als einem Jahr ein Kunstrasen mit Granulat-Füllung. Neun Jugendmannschaften mit mehr als 120 Kindern seien als Spielgemeinschaft mit Ober-Wöllstadt, teils mit Ilbenstadt und Kaichen gemeldet. Der Trainings- und Spielbetrieb finde fast ausnahmslos in Nieder-Wöllstadt statt. "Wenn die EU hier reglementiert, dann muss sie auch Verantwortung übernehmen. Schließlich handelt es sich um eine flächendeckende Thematik." In Ober-Rosbach, wo der Fußball-Club - mit Zuschüssen - die Finanzierung des Kunstrasens im Jahr 2011 selbst übernommen hat, kennt Christoph Käding als Vorsitzender die Bedenken gegen Gummigranulat. "Immer wieder mal treten Eltern an uns heran. Die gesundheitliche Unbedenklichkeit haben wir uns durch den Hersteller aber bestätigen lassen. Sollten nun Umweltaspekte eine Veränderungen erzwingen, müssten wir uns natürlich Gedanken machen."

Im Interview: Das sagt der Technischer Leiter einer Firma, die Kunstrasenplätze baut

Christoph Kucsera ist Technischer Leiter von Schmitt Intergreen Sportstättenbau mit Sitz in Langgöns. Das Unternehmen baut Kunstrasenplätze in der Region, Kuscera nimmt hier exklusiv Stellung zur Thematik. 

Herr Kucsera, wie reagieren Sie auf die Meldung, dass Gummigranulat auf Kunstrasenplätzen ab 2022 verboten werden könnte? 

Christoph Kucsera: Die Studie hat bei den Mengen überzogen. Die Berechnungen von 10 000 Tonnen Mikroplastik pro Jahr beziehen sich eher auf die holländische Baustruktur mit einem größeren Granulatanteil. Aber natürlich sollten wir versuchen, dass möglichst wenig Mikroplastik in die Umwelt gelangt. Aufgrund des möglichen Verbots beraten wir gerade viele Auftraggeber, welche Alternativen es gibt. 

Sollten Umstrukturierungen der Kunstrasen-Füllung von Gummigranulat zu Quarzsand oder Kork unumgänglich werden: Was kostet solch eine Sanierung? 

Kucsera: Das Granulat abzusaugen und zu entsorgen und gleichzeitig den Platz mit beispielsweise Kork aufzufüllen, wird zwischen 45 000 und 50 000 Euro kosten. Das ist ein Prozess, der zwischen eineinhalb und zwei Wochen dauert. Aber: Nicht jeder Rasen gibt es her, dass man ihn mit Sand füllt. Dadurch wird der Platz sehr hart. 

Spüren Sie denn schon jetzt eine Veränderung der Wahrnehmung bei neuen Aufträgen? 

Kucsera: Auf jeden Fall. Die letzten vier Aufträge sind schon auf Kork als Füllmaterial für den Kunstrasen umgestiegen. Wir weisen zudem alle Auftraggeber auf die neuen Gegebenheiten hin. 

Eine potenzielle Sanierungswelle würde Ihnen doch sehr viele neue Aufträge garantieren oder? 

Kucsera: Solch einen speziellen Austausch haben wir bislang noch nicht durchgeführt. Wenn es aber eine solche Flut an Sanierungsanträgen tatsächlich geben sollte, werden wir überlegen, uns die notwendige Technik anzuschaffen. Aber das Gummigranulat muss dann ja auch nach gesetzlichen Vorgaben entsorgt werden. Das ist ein nicht zu unterschätzender Posten.

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