Warum wird Bad Nauheim Oberliga-Meister?

Alexander Baum zählt zum Inventar. Seit 2007 schon, im sechsten Jahr also, steht der Verteidiger beim Eishockey-Oberligisten EC Bad Nauheim unter Vertrag. Mit Matthias Baldys ist der 31-Jährige damit der dienstälteste Profi bei den Roten Teufeln.

Sein Wort hat mannschaftsintern Gewicht. Baum war Kapitän und trägt heute das "A" des Stellvertreters auf der Brust. Unter Trainer Frank Carnevale ist er - wie zuvor bei Fred Carroll - unumstritten. Nur in der Öffentlichkeit fehlt dem Rechtsschützen mitunter noch immer die Anerkennung. "Das muss ich akzeptieren", sagt Baum, der mit seiner Lebensgefährtin Denise in Nieder-Mörlen wohnt. Vor dem Endrunden-Auftakt mit den Spielen in Halle (Freitag, 20 Uhr) und gegen Rostock (Sonntag, 18.30 Uhr, Colonel-Knight-Stadion) hat WZ-Redakteur Michael Nickolaus bei einem Kaffee mit dem Abwehrspieler über Leistungsschwankungen, Derbys und einen tiefen Kader gesprochen.

Alexander Baum, in der Endrunde geht’s nun gegen Frankfurt, Halle und Rostock. Sie haben die vermeintlich schwere Gruppe erwischt.

Alexander Baum: Halle hat eine starke Mannschaft, und da sollten wir uns auch von dem vermeintlich schwächeren Niveau der Ost-Gruppe nicht irritieren lassen. Bei Frankfurt wissen wir, was auf uns zukommt, und Rostock hat uns im Vorjahr gezeigt, was alles passieren kann. Dennoch: Unser Ziel ist Rang eins.

Kassel und Frankfurt haben die Vor- und Zwischenrunde vor den Roten Teufeln abgeschlossen. Die Löwen konnten zweimal knapp bezwungen werden, gegen Kassel gab’s hingegen zuletzt zwei doch sehr deutliche Niederlagen. Worin unterscheiden sich beide Mannschaften? Und was fehlt, um Kassel auf Augenhöhe begegnen zu können?

Baum: Frankfurt liegt uns einfach besser. Die Löwen spielen einen ähnlichen Stil. Kassel hingegen steht defensiver und ist mit Spielern wie Petr Sikora und Manuel Klinge sehr, sehr konterstark. Wir kommen über Kampf und Arbeit. Das funktioniert aber nur, wenn jeder einzelne genau das tut, was ihm gesagt wird. Wenn auch nur einer aus der Reihe tanzt und vielleicht ein bisschen zu viel will, entstehen Lücken. In Spielen gegen Kassel haben wir zu oft die falschen Entscheidungen getroffen. Und das haben die Huskies konsequent genutzt. Ein Team von dieser Qualität können wir nur als Mannschaft schlagen. Und dann spielt es auch keine Rolle, ob ein Chris Stanley oder ein Josiah Anderson die Tore schießt.

Die Roten Teufel sind im Vorjahr auf Rostock getroffen, auch mit Halle haben sich die Wege in der Endrunde bereits gekreuzt. Worauf müssen Sie sich einstellen; gerade auswärts?

Baum: Beide Spiele versprechen eine tolle Atmosphäre. Rostock hat eine vergleichsweise kleine Halle. Wenn da 1000 Zuschauer kommen, ist das schon sehr eng und stimmungsvoll. Dazu kommt eine für uns in dieser Saison ungewohnt lange Anreise, die eine vernünftige Vorbereitung natürlich erschwert. Beide Mannschaften werden uns ein Kampfspiel anbieten; weniger vom System geprägt, eher auf Defensive ausgelegt.

Das sportliche Niveau der West-Gruppe wird höher eingeschätzt. Werden Sie gerade den Saale Bulls Halle im Auftaktspiel mit einem dem Ost-Meister bislang ungewohntem Tempo überraschen können?

Baum: Ich denke in der Tat, dass Halle und Rostock das Tempo, das wir aus unseren Derbys kennen, nicht über 60 Minuten halten können. Wenn es uns dazu gelingt, unsere Vorgaben umzusetzen, dann bin ich sehr optimistisch.

In den letzten Spielen war erkennbar die Luft raus. Müssen sich die Fans angesichts der jüngsten Resultate Sorgen machen oder führen Sie dies auf den Spielmodus zurück?

Baum: Das hängt mit dem Modus zusammen. Wenn man nur ein- oder zweimal im Monat wirklich gefordert wird, dann schleichen sich in den anderen Spielen Nachlässigkeiten schon mal ein. Der Kopf spielt eine große Rolle. Bei diesem Modus ist es wirklich schwer, die Motivation über Monate hoch zu halten. Höhen und Tiefen sind nun auch mal Bestandteil einer Saison. Wir hatten unsere schlechte Phase. Ich denke, das ist jetzt abgehakt. Man kann auch schon im Training in dieser Woche einen ganz anderen Elan spüren. Alles ist intensivier, fokussierter. Die Kunst ist es doch letztlich, in der entscheidenden Phase oben zu schwimmen.

Im letzten Jahr haben die Roten Teufel eine denkwürdige Endrunden-Partie in Rostock mit 9:10 verloren. Platz eins wurde verspielt. Wie beurteilen Sie diese Partie jetzt mit dem Abstand von zwölf Monaten? Was hat diese Partie, die noch immer als Knackpunkt gesehen wird, innerhalb der Mannschaft verändert?

Baum: Mit einer solchen Partie rechnet keiner. Rostock hatte so eine Wende wohl am wenigsten auf der Rechnung. Aber das ist Sport. Solche Dinge können passieren. Klar, wir haben Platz eins quasi verschenkt und mussten im Viertelfinale gegen Bad Tölz antreten. Wenn Du aber den Titel willst, musst Du ohnehin alle schlagen. Und dann ist’s egal, ob Bad Tölz im Viertelfinale oder im Finale der Gegner ist.

Frankfurt ist nach 60 Minuten in dieser Saison noch ungeschlagen. Kassel hat selbst mit einer Acht-Tore-Führung in Bad Nauheim mit drei Reihen agiert. Diese Mannschaften sind nun schon monatelang Vollgas gefahren. Kann sich das rächen?

Baum: Wir haben im Vorjahr gesehen, was passiert, wenn man immer nur auf die gleichen acht, neun Spieler setzt. Kassel und Frankfurt hatten vom ersten Tag an Druck, Druck, Druck. Wir werden sehen, wie sich dies in der Saisonendphase auswirkt, ob die Mannschaften physisch und psychisch ausgepowert sind. Unser Trainer hat immer auf einen breiten Kader gebaut und alle Spieler eingesetzt, so oft das möglich war.

Worin unterscheiden sich Frank Carnevale und sein Vorgänger Fred Carroll?

Baum: In erster Linie spielen wir einen anderen Stil. Wir kommen in diesem Jahr viel mehr über das kämpferische Element. Ich denke, Frank Carnevale kennt seine Spieler ganz genau und versteht es, sie in den richtigen Momenten einzusetzen. Bei Fred Carroll waren viele Abläufe über die Jahre hinweg eingefahren, man wusste, was kommt. Frank Carnevale besitzt zudem eine sehr große Autorität. Er geht auch mal den unbequemen Weg und kritisiert auch die Leistungsträger.

In dieser Woche ist die Aufstiegsfrage, die Kooperation zwischen der 2. Bundesliga und der Oberliga, in den Fokus gerückt. Wie wird diese Thematik von der Mannschaft aufgenommen?

Baum: Wir haben natürlich davon gehört. Aber in der Kabine ist das eigentlich kein Thema. Wir können nur den Sport beeinflussen, alles andere liegt nicht in unseren Händen. Unser Ziel ist der Titel, und die Paragraphen sind Sache der Funktionäre.

Im November ist Andreas Ortwein als Geschäftsführer zurückgetreten. Alleingesellschafter Wolfgang Kurz hat die Aufgaben übernommen. Die Mannschaft hat der Wechsel auf der Geschäftsführerposition scheinbar unbeeindruckt gelassen.

Baum: Für uns als Spieler war es wichtig, dass sich nichts verändert. Wir bekommen unser Geld, unser Material, keiner redet uns rein. Alles ist geblieben, wie es war. Deshalb war dies auch kein großes Thema.

Die Runde beginnt nun zum dritten Mal bei null.

Baum: Aber jetzt geht’s endlich auch um etwas. Einzig das Erreichen der bestmöglichen Ausgangsposition liegt nicht mehr in unseren Händen. Um den Platz von Kassel einzunehmen, sind wir auf Schützenhilfe angewiesen. Ansonsten liegt es jetzt an uns.

Jede Partie bekommt nun eine größere Bedeutung. Ist auch Ihre persönliche Vorbereitung anders, intensiver?

Baum: Das Flair im Training ist anders, intensiver. Die Mannschaft ist konzentrierter. In der Kabine wird weniger geflachst, es ist stiller; die Atmosphäre ist irgendwie anders. Aber auf den Gegner bereite ich mich individuell nicht speziell vor. Da vertraue ich dem Trainer.

Der Vorteil, von euphorischen Fans im eigenen Stadion angetrieben zu werden, kann schnell in einen Nachteil umschlagen, wenn es einmal nicht so läuft. Inwiefern nehmen Sie die Atmosphäre während eines Spiels wahr?

Baum: Das spürt man ganz schnell; im positiven wie im negativen Sinne. Wir registrieren, wenn das Publikum zufrieden ist oder unruhig wird. Umso wichtiger ist gerade in der jetzigen Phase die Unterstützung.

Sie spielen bereits im sechsten Jahr für die Roten Teufel und zählen von Beginn an zu den offensivstärksten Verteidigern. Dennoch fehlt Ihnen bei den Fans die Akzeptanz, die sie bei den Trainern haben.

Baum: Das ist nunmal so. Damit muss ich leben. In Bad Nauheim stehen beim Publikum nunmal die Kanadier im Fokus.

In den vergangenen Jahren haben sie den Großteil der Verantwortung in der Defensive getragen. Nun werden Sie durch Mike Schreiber sowie auch einen zweiten Kontingentspieler entlastet.

Baum: Ja. Die entscheidenden Minuten einer Partie sind besser aufgeteilt. Die Verantwortung ist breiter verteilt, und jeder kann auch mal Luft holen. Das ist wichtig.

Warum kann Bad Nauheim in diesem Jahr den Titel gewinnen?

Baum: Wir haben in diesem Jahr einen sehr tiefen Kader. Wir haben Jungs, die ein Spiel entscheiden können, und wir haben eine Reihe von Spielern, die die Drecksarbeit übernehmen. Wenn wir komplett sind und jeder seine Rolle ausfüllt, dann sind wir nur schwer zu schlagen. Wichtig ist eben, dass wir komplett antreten können.

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