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Diskussionen nach strittigen Entscheidungen gibt es immer wieder. Nicht selten sind daran Zuschauer beteiligt, die auch vor Beleidigungen gegenüber dem Schiedsrichter nicht zurückschrecken. SYMBOLBILD: CHUC

Fußball

Warum es immer weniger Schiedsrichter gibt

Der Schiedsrichtermangel bei den Amateuren ist spürbar. Anfeindungen und Gewalt gegen die Referees sind keine Seltenheit. Auch in der Wetterau macht sich diese Entwicklung bemerkbar.

Lautes Geschrei hallt vom Spielfeldrand über den Rasen. Wütende Sportplatzbesucher reißen fassungslos die Arme in die Höhe. In einer Verbandsligapartie war der Fußballer ihres Vereins nach einem Zweikampf zu Boden gegangen und liegen geblieben. Der junge Schiedsrichter ließ jedoch weiterlaufen und pfiff nicht. Von den aufgebrachten Zuschauern gehen teils wüste Beschimpfungen in Richtung des Unparteiischen, der nur wenige Meter entfernt steht und diese Anschuldigungen nur scheinbar überhört.

Viel ausrichten gegen solche »Fans« können die Spielleiter ohnehin nicht. Sie können nur hoffen, dass ihre Partien halbwegs fair zugehen und es zu keinen Ausschreitungen oder Anfeindungen vonseiten der Zuschauer oder auch der Spieler gegen sie kommt. »Ich habe das Gefühl, dass die Gewalt nach Corona auf den Sportplätzen noch mal zugenommen hat. Wie das teilweise ausufert, ist schon erschreckend. Dabei sollten wir doch alle froh sein, überhaupt wieder spielen zu können«, kritisiert Sebastian Poth, Schiedsrichterobmann des Büdinger Fußballkreises, die teils rauen Umgangsformen mit den Referees, die für viele ja schon zum Sonntag gehören wie die Butter aufs Brötchen.

Laut einer DFB-Statistik aus dem Sommer 2020 sind Gewaltvorfälle und Diskriminierungen gegen die Unparteiischen im Amateurbereich in der Saison 2019/2020 zwar leicht zurückgegangen, traten jedoch immer noch bei 0,45 Prozent aller Spiele auf. In der Spielzeit zuvor waren es noch 0,48 Prozent. Das klingt nach wenig, ist in absoluten Zahlen aber noch immer zu viel. An den Spitzenwochenenden werden in Deutschland rund 60 000 Fußballspiele ausgetragen. Statistisch gesehen werden dabei demnach 270 Gewalt- oder Diskriminierungsvorfälle gemeldet. Es wäre wünschenswert, wenn diese Zahl künftig gegen Null tendiert.

Das beste Beispiel für die aktuelle Gewaltpräsens im heimischen Amateurfußball ist der Vorfall in der Kreisliga C Friedberg (Gruppe 2) im Spiel zwischen der SKG Erbstadt und der SG Rosbach/Ockstadt II von Ende August. Nachdem der Schiedsrichter einem Gästeakteur nach fünf Minuten die Rote Karte gezeigt hatte, ging dieser auf den Referee zu und brachte ihn zu Fall. Das Kreissportgericht belegte den Spieler mit einer Sperre von 28 Spielen.

»Natürlich hat es früher auch Gewalt im Fußball gegeben, aber heute ist das ganze medial noch präsenter. Heute kann man ja überall nachlesen, wo und wann etwas passiert. Viele Schiris wollen dann einfach nicht mehr pfeifen«, erklärt René Filges, der Friedberger Kreisschiedsrichterobmann.

Doch sind solche Übergriffe keineswegs das einzige Problem, dass das Schiedsrichterwesen hat. Viele Regionen haben mit einem großen Schiedsrichtermangel zu kämpfen. Es fällt schwer, den potenziellen Nachwuchs für eine solche Tätigkeit zu begeistern. Viele geben ihr Amt verständlicherweise aber gerade wegen jener Anfeindungen schnell wieder auf. Das Nachwuchsproblem steht also einmal für sich, ist zum anderen aber auch die Konsequenz der zunehmenden Übergriffe.

So mussten die diesjährigen Neulingslehrgänge der Kreise Friedberg (aktuell insgesamt 140 Referees) und Büdingen (aktuell 101 Unparteiische) aufgrund zu geringer Anmeldezahlen sogar zusammengelegt werden. »Früher hatten wir 30 bis 35 Leute bei den Neulingslehrgängen, heute sind es keine zehn mehr. Das ganze entwickelt sich so, dass wir nicht mehr alle Spiele besetzen können«, sagt Filges.

Patenmodell und Tandemmodell als Lösungsansätze

Ähnlich sieht es auch im Kreis Büdingen aus: »Wir müssen donnerstags schon schauen, welche Spiele wir am Sonntag besetzen können. Oftmals wird das sehr eng. Das liegt daran, dass wir in den letzten zwei bis drei Jahren einfach zu wenig ausbilden konnten«, berichtet Poth.

Um wieder mehr Schiedsrichter zu gewinnen und auch zu halten, wird in beiden Kreisen seit einiger Zeit das sogenannte Patenmodell angewendet. Bei diesem wird den neu ausgebildeten Referees ein Pate zur Seite gestellt, der sie am Anfang ihrer Laufbahn unterstützen und gegebenenfalls nach Anfeindungen wieder aufbauen soll.

Im Kreis Friedberg wird zusätzlich auf das Tandemmodell gesetzt, das in Büdingen in der Vergangenheit auch schon zur Anwendung kam und in Zukunft wieder eingeführt werden soll. Bei diesem wird ein Spiel ab der C-Jugend aufwärts (Kreis Friedberg) von zwei Unparteiischen geleitet. Ein erfahrener in der ersten Halbzeit und der Neuling (in der Regel bis 20 Jahre alt) im zweiten Abschnitt. So kann der erfahrene Schiedsrichter den jüngeren beobachten und ihm nach der Partie Tipps und Ratschläge geben.

Beide Modelle können als gute Ansätze gelten, um den rückläufigen Zahlen wieder auf die Sprünge zu helfen. Dennoch muss der Appell auch ganz klar an jene Zuschauer und Spieler gehen, die sich zu Beschimpfungen und Anfeindungen gegenüber den Spielleitern hinreißen lassen. Denn ohne die Referees hat der Fußball keine Zukunft.

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