Amaliya Sharoyan über 400 Meter Hürden bei der Europameisterschaft 2010 in Barcelona.
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Amaliya Sharoyan über 400 Meter Hürden bei der Europameisterschaft 2010 in Barcelona.

Porträt einer Leistungssportlerin

Aus Jerewan in die Wetterau: Warum eine armenische Olympionikin als Trainerin beim SV Fun-Ball Dortelweil als Trainerin arbeitet

  • Philipp Keßler
    vonPhilipp Keßler
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Einst gehörte sie zur Spitze ihres Landes, war bei Welt- und Europa- meisterschaften sowie bei Olympischen Spielen am Start, ist noch heute ein bekanntes Gesicht in ihrer Heimat Armenien. Nun ist sie als Trainerin für den SV Fun-Ball Dortelweil kaum mehr wegzudenken: Amaliya Sharoyan.

Kurzstrecke, Mittelstrecke, Weitsprung: Wenn es um Leichtathletik geht, hat Amaliya Shayoran viele Talente - und die setzt sie seit April vergangenen Jahres in Dortelweil ein. Schließlich hat die 32-Jährige als mehrfache Welt-, Europameisterschafts- und Olympiateilnehmerin reichlich Erfahrungen im Leistungssport.

Amaliya Sharoyan: Die Leichtathletik als Liebe auf den zweiten Blick

In der siebten Klasse kommt Shayoran in ihrer armenischen Heimat über die Schule zur Leichtathletik. Zuvor hatte es sie bereits als Turnerin, Akrobatin und als Volleyballerin versucht. »Turnen habe ich nie richtig gemocht, der Spagat hat immer weh getan«, erzählt sie mit einem Lachen. »Auch als Akrobatin im Zirkus ging es irgendwann nicht weiter und beim Volleyball habe ich gemerkt, dass ich nicht der Typ für Mannschaftssport bin - ich wollte selbst für meine Leistungen verantwortlich sein. Mit Leichtathletik hatte ich außerdem den Vorteil, dass ich ins Stadion laufen konnte.«

Doch auch dort ist sie zunächst nicht glücklich. »Die ersten beiden Trainingseinheiten haben mir nicht gefallen, aber eine Klassenkameradin hat erzählt, dass man beim Wettkampf Geschenke bekommt, wenn man gewinnt. Da ich wusste, dass ich besser als sie bin, bin ich weiter hingegangen«, erzählt sie und lacht erneut. Es ist der Startschuss für eine Leidenschaft, die bis heute anhält. Teils zweimal pro Tag, sieben Tage die Woche trainiert Sharoyan, zunächst die Sprintdisziplinen und Weitsprung, später auch über Mittelstrecken- und Hürdendistanzen. Ihr eigentliches Ziel: der Mehrkampf, die Spezialität ihres damaligen Trainers Boris Mirzoyan. Doch in Armenien fehlt es an einer Hochsprunganlage, überhaupt sind die Bedingungen nicht ideal. »Wir hatten keine Tartanbahn über eine Stadionrunde, die Umkleiden waren alt und dreckig, die Halle im Winter war nicht beheizt. Wir hatten teils mehrere Lagen Klamotten übereinander an, um überhaupt trainieren zu können«, erzählt sie. Doch ihr Trainer überredet sie immer wieder, am Ball zu bleiben - mit Erfolg. »Ich habe gespürt, wie ich mich von Woche zu Woche weiterentwickelt habe«, sagt sie heute. 2005 wurde Sharoyan in den Nationalkader berufen und fokussiert sich fortan auf die 400-Meter-Strecke - mit und ohne Hürden.

Beim Einlauf bei den Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro, wo sie im Weitsprung an den Start ging, hat Amaliya Sharoyan sichtlich Spaß. Für das Foto hatte sie sich eine kirgisische Kopfbedeckung ausgeliehen.

Amaliya Sharoyan: Erster EM-Auftritt endet mit einem Rückschlag

2010 absolviert sie ihr Studium als Sportlehrerin an der Sportuniversität Jerewan mit dem Schwerpunkt Leichtathletik und schließt als Beste ihres Jahrgangs ab. Im selben Jahr folgt ihr erster Auftritt bei der EM in Barcelona - doch der läuft alles andere als optimal. »Ich war sehr aufgeregt und hatte den Wunsch, schnell zu laufen und an meinen Gegnerinnen dran zu bleiben«, beschreibt Sharoyan die Situation beim Start der 400 Meter Hürden. Doch bereits am dritten Hindernis stürzt sie. »Ich hatte den falschen Rhythmus, habe zwischen den Hürden einen Schritt zu wenig gemacht. Aber ich wollte unbedingt weiterlaufen. Erst im Ziel habe ich gemerkt, dass ich mir auf der heißen Tartanbahn die Hände und Knie blutig geschlagen hatte.«

Trotz des Rückschlags bleibt Shayoran dran, stellt in den folgenden Jahren einige Landesrekorde auf, die heute noch Bestand haben. 2010 zieht sie mit ihrem Mann nach Russland, trainiert dort - auch weil eine weibliche Leichtathletin, die nicht selten leicht bekleidet Wettkämpfe bestreitet, in ihrer konservativen Heimat nicht unbedingt dem Idealbild einer verheirateten Frau entspricht. Nach der verpassten Olympia-Qualifikation für London 2012 denkt Sharoyan ans Aufhören: »Ich war sehr enttäuscht, nicht dorthin zu können, habe acht Monate lange gar nichts gemacht, aber ich habe gemerkt, dass ich einfach noch nicht fertig war«, sagt sie heute.

Amaliya Sharoyan: Ein olympischer Traum mit Wehrmutstropfen

Sie wechselt zum Weitsprung und schafft 2016 früh die internationale Norm für Olympia. Es geht ins brasilianische Rio de Janeiro. Doch bereits in der Vorbereitung verletzt sie sich an der Achillessehne, verbringt etliche Stunden bei der Physiotherapie. Beim Wettkampf muss sie ihren Anlauf verkürzen, verpasst als 44. mit 5,95 Metern ihre Bestweite um 77 Zentimeter. »Ich wollte unbedingt zu Olympia, aber ich hätte gerne gesund teilgenommen«, sagt Sharoyan, die mit einem Platz unter den besten 20 geliebäugelt hatte. »Trotzdem war es sehr schön«, erinnert sie sich. Und auch ein Andenken an die Spiele hat sie noch: Jeder Athlet bekam von einem Sponsor ein Smartphone mit fünf eingravierten Ringen auf Vorder- und Rückseite - sie benutzt es noch heute. »Ich hebe es auf, egal, ob es irgendwann noch funktioniert oder nicht«, sagt sie. 2018 beendet sie mit einem für ihre Verhältnisse enttäuschenden Rennen in Mannheim endgültig ihre Karriere, in der die Achillessehne nicht die einzige Verletzungsproblematik gewesen ist. Ein wehmütiger Blick zurück gilt nur der verpassten Chance als Mehrkämpferin - und der Tatsache, dass sie erst mit 14 Jahren zur Leichtathletik kam.

Ihrem Lieblingssport ist sie dennoch verbunden geblieben: Bereits 2017 kommt sie für die Auslandstrainerakademie des Deutschen Leichtathletikverbandes nach Mainz, vier Monaten Sprachkurs folgt eine theoretische und praktische Ausbildung zur Trainerin in allen Disziplinen, die sie Mitte 2018 erfolgreich abschließt. Sie kehrt zunächst nach Armenien zurück, doch die »Samtene Revolution« von 2018 hat viel verändert, für Trainer gibt es kaum noch Stellen. Über den Dortelweiler Zehnkämpfer Thomas Stewens, den sie während ihrer Ausbildung kennengelernt hatte, als dieser selbst in Mainz trainierte, kehrt sie nach Deutschland zurück. Ich habe sie als Trainerin erlebt und gedacht, dass sie das alles sehr gut macht. Wir sind in Kontakt geblieben, und es war ein Jammer, dass sie keine Stelle bekam. Also habe ich ihr die Tür aufgemacht«, erklärt der mehrfache Altersklassenweltmeister Stewens. Seitdem arbeitet sie als Trainerin beim SV Fun-Ball, hatte zwischenzeitlich eine Stelle als Sportlehrerin an der Dortelweiler Regenbogenschule und ist inzwischen auch als Übungsleiterin für Kaderathleten des Hessischen Leichtathletikverbandes eine feste Größe. »Ich fühle mich hier sehr wohl«, sagt Sharoyan heute. Der Weg zurück nach Armenien liegt ihr daher aktuell fern.

Amaliya Sharoyan will ein Vorbild für den Nachwuchs sein

Doch auch um das Schicksal »ihres« Sports in der Heimat sorgt sie sich. Als 2018 der 2800. Jahrestag von Jerewan gefeiert wird, stellt Sharoyan einen eigenen Wettkampf für Nachwuchsathleten auf die Beine. »Wenn ich ins Stadion gehe und meinen Namen sage, kennen die Leute mich«, sagt sie. Gerade den Jüngeren will sie ein Vorbild sein, sie will sie motivieren und inspirieren - wie sie es inzwischen mit ihren Schützlingen in Deutschland macht. »Früher habe ich immer mehr gemacht, als mein Trainer verlangt hat - auch weil es Spaß gemacht hat. Aber ich weiß, dass man im Leben immer kämpfen muss. Es gibt kein gutes Ergebnis ohne harte Arbeit«, sagt sie. »Ich trainiere noch heute mit meinen Athleten, sie sollen besser sein als ich.«

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