Unterwegs mit dem BVB-Fanclub: Einmal Süd, immer Süd

Jede Menge Kaltgetränke werden konsumiert. BVB-Lieder werden auch noch um 2 Uhr nachts im Bus gesungen. Zwischendrin geht’s (fast) auf die "Süd", für viele Mitglieder des BVB-Fanclubs Gießen der schönste Ort der Welt – und das alles unter dem Vereinsmotto "Unser ganzes Leben. Unser ganzer Stolz". Wir haben den Club auf der Fahrt nach Dortmund zum Spiel gegen Liverpool begleitet.

Es geht auf 2 Uhr in der Nacht zu, als der Reisebus den Autohof bei Haiger ansteuert. Aus dem CD-Spieler wummert "Heja BVB, Heja BVB". Einige Jungs in den hinteren Reihen haben noch immer nicht genug. Sie singen lautstark vom Europapokal. Vorne ist es ruhiger, einige dösen vor sich hin. Schließlich ist es mitten in der Nacht. Die ersten BVB-Fans steigen hier aus. Hinter ihnen liegt ein langer Tag. Um 15.30 Uhr hat Horst Schäty die ersten Schwarz-Gelben in Gießen zusammengetrommelt. Mittlerweile kauert Schäty in der ersten Reihe. Die Enttäuschung sitzt tief. 1:1, das war nix.

Schäty ist Vorsitzender des BVB-Fanclubs Gießen. Und das, seit der Verein 1994 gegründet wurde. Heute steht die Fahrt nach Dortmund an, zum emotionalen Europa League-Spiel des Ballspielverein Borussia 09 gegen den Liverpool FC. Gegen Jürgen Klopp, den Ex-Trainer. "Ein absolutes Highlight", sagt Schäty. Für ihn und den Fanclub noch schöner: Sie haben 45 Karten für das Spiel bekommen. Vor dem Getränkemarkt im Schiffenberger Tal steht der große Reisebus. "Wir sammeln in Ehringshausen und Haiger weitere Mitfahrer ein", sagt Horst, wie alle den ehemaligen Kultspieler und -trainer aus dem Kreis Gießen rufen.

Fast 250 Mitglieder zählt der Fanclub, ist damit größter und ältester in Hessen. Das Einzugsgebiet ist Mittelhessen; von Reichelsheim über Bad Nauheim, Butzbach und freilich Gießen; weiter geht’s über Wetzlar bis Haiger. Schäty erklärt: "Wir haben mal über eine Umbenennung nachgedacht. Doch der Fanclub Gießen hat sich etabliert."

BVB-Lieder laufen über die Boxen, der eine oder andere Gesang wird angestimmt. In diesen Momenten ist es richtig laut im Bus. Überall knallen die Kronkorken, der Gerstensaft läuft unermüdlich in die Kehlen. Die Stimmung ist gelöst. Kaum jemand, der (noch) nicht schwarz-gelbe Kluft trägt. Dann greift Karsten Ehrich zum Mikrofon. "So, wir verteilen jetzt die Karten." Eine geübte Prozedur. Ehrich, Beisitzer im Verein und nach eigenen Angaben Mädchen für alles, ruft nacheinander die Namen auf und kassiert; Schäty verteilt das wohl begehrteste Stück Papier des Tages. Einmal gibt’s zu dem schwarz-gelben noch einen rot-weißen Karton. Ein Gießener fliegt am kommenden Donnerstag zum Rückspiel nach Liverpool. Ein paar neidische Blicke erntet er dafür.

"BVB gibt mir die Ruhe"

Dass sich der Verein so etabliert hat, ist Horst Schätys Verdienst. Unermüdlich rackert er, zieht andere mit, hält das Vereinsheim in Schuss, ist die Schnittstelle zwischen dem "Kartenzuweiser" BVB und den Abnehmern, den Mitgliedern. Niko Weisenfeld, Student aus Marburg, bezeichnet Schäty als seinen fußballerischen Ziehvater und sagt: "Horst hat großen Anteil daran, dass der Fanclub für viele wie eine Familie ist. Er lebt den BVB."

Der Bus fährt auf den Parkplatz am Signal-Iduna-Park vor. Schals, Jacken und Fahnen werden eingepackt, das Gruppenfoto folgt (siehe unten). Leider ohne Kapitän Schäty, er war schon früher ausgestiegen. Kaum ist das Foto im Kasten, strömen die BVB-Gläubigen in Richtung ihres Tempels. Unter ihnen auch Roland Schwab aus Gambach. Er war schon in den 1960ern im Stadion, als sich der BVB noch mit 1860 München duellierte. "Meine Frau hat mich zu meinem 60. Geburtstag im Fanclub angemeldet", erzählt Schwab. "Die Fahrten machen mir immer sehr viel Spaß. Aber auch das Vereinsleben drumherum."

Da haben die Organisatoren einiges zu bieten. Der Verein arrangiert ein großes Fußballturnier, das Sommerfest, Winterwandern oder Weihnachtsfeier und Public Viewing im Vereinsheim. Dort gibt es auch gemeinsame Arbeitseinsätze, um alles in Schuss zu halten. "Die Fahrten sind nur ein kleiner Teil unseres Vereinslebens", sagt Schäty mit ein bisschen Stolz. Der Vorsitzende ist in Schwerte geboren, besuchte schon als kleiner Bub die Spiele in der Roten Erde. Als es ihn schon lange nach Gießen verschlagen hatte, lernte er in Pohlheim den früheren BVB-Vizepräsidenten Ernst Breer kennen. "Das hat neues Feuer in mir entfacht und war Grundstein für einen BVB-Fanclub in Gießen".

Die Südtribüne ist schon weit vor Spielbeginn gut gefüllt. Die Anspannung steigt. Die Fanclub-Mitglieder haben ihre Plätze in Block 87 eingenommen, direkt neben der Südtribüne. "Da unten in Block 11 stehen wir immer. Mittendrin. Einmal Süd, immer Süd", sagt Rüdiger Hofmann aus Wetzlar. Zu seiner Kleingruppe gehören Sohn Carsten, dessen Freundin Jessica Hoffmann, deren Vater Günter, Dominik Groß und Christina Mülich (siehe Foto).

Der frühere Berufskraftfahrer Günter Hoffmann aus Butzbach kam durch Carsten und Rüdiger Hofmann in den Fanclub. Er ist in Dortmund aufgewachsen und genießt heute die perfekt organisierten Fahrten zum Signal-Iduna-Park. Für die dreifache Mutter Christina Mülich aus Wettenberg hat der BVB erst vor wenigen Jahren große Bedeutung erlangt. 2011 war sie mit ihrem Sohn erstmals beim Spiel – und infizierte sich sofort mit dem BVB-Virus. "Die Kinder sind jetzt aus dem Haus. Ich denke nur an den BVB. Er gibt mir Ruhe. Ich habe schon viel mitgemacht im Leben, das kann ich beim Stadionbesuch alles hinter mir lassen. Morgen bauen wir alle Überstunden ab", sagt sie – und bereut es auch nicht, wenn sie nach einem Spiel drei Tage nicht mehr sprechen kann.

Laut wird es bei den Gießener Borussen-Anhängern vor und während des Spiels oft. Zum einen wird viel gesungen, man spürt das Beben der größten Tribüne der Welt; Gänsehaut-Moment ist am Donnerstag sicherlich die Fußball-Hymne "You’ll never walk alone", von allen Zuschauern inbrünstig gesungen. Zum anderen muss der Frust rausgelassen werden. "Das gibt’s doch gar nicht", dröhnt es von Mülichs Platz, als der Schiedsrichter mal wieder die wohl falsche Entscheidung aus Sicht der BVB-Fans gewählt hat.

Aber auch Marco Reus bekommt sein Fett weg. Schlusspfiff. 1:1. Kein BVB-Sieg, keine Zufriedenheit.

Pünktlich um 23.30 Uhr reiht sich der Gießener Bus in den kilometerlangen Stau ein. Vorne rechts hat wieder Horst Schäty Platz genommen. Mit finsterer Miene. Diese ist kaum sichtbar durch seine tief sitzende "Pöhler"-Schirmmütze. "Ich hatte heute morgen schon kein gutes Gefühl. Deswegen gab’s auch nicht so viel Aktivität von mir am Busmikro", erklärt Schäty und verschränkt frustriert die Arme. Richtig rund geht’s noch lange in den hinteren Reihen, dort ist keiner müde. Morgen werden sie wieder singen. Im Vereinsheim beim Derby. Gibt’s ein Sieg gegen die verhassten Blauen, ist auch der Horst wieder euphorischer und lässt die Kronkorken öfter ploppen.

09 Fakten zum BVB 09-Fanclub

Gründung: Im Sommer 1994 wurde der Fanclub ins Leben gerufen. Ein Jahr später folgte die Aufnahme ins Vereinsregister. Vorsitzender ist seither Horst Schäty

Südtribünenmeister: Im Juni 2003 wurde die Fanclub-Mannschaft Südtribünenmeister, war also bester kickender BVB-Fanclub Deutschlands.

Fernsehpräsenz: Die größte mediale Aufmerksamkeit erhielt der Klub vor dem Champions-League-Finale 2013 mit Fernsehberichten über die Reise nach London.

Florian Kringe: Der Ex-Profi ist Ehrenmitglied im Gießener BVB-Fanclub.

Nummer 1: Der Gießener Fanclub ist der älteste und größte BVB-Fanclub Hessens. Aktuell verfügt er über 250 Mitglieder.

Vereinsheim: Kultstätte des Fanclubs, Public Viewing-Arena. Mittlerweile mit Kameras ausgestattet, nach diversen Einbruchversuchen.

Vereinsslogan: "Unser ganzes Leben. Unser ganzer Stolz." Gehört zu den Songtexten auf der Süd. Findet sich auf jeder Vereinsjacke der Fanclub-Mitglieder.

Miss Borussia 1999: Patricia Licher, Mitglied im BVB-Fanclub Gießen.

Soziales Engagement: Der Club spendet/e immer wieder, beispielsweise für die Deutsche Krebshilfe, Hinterbliebene des Zugunglücks von Stadtallendorf im Jahr 1997 oder Erdbebenopfer in Indien.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare