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Finger weg vom Ball: Auch Tischtennis wird in Zeiten der Coronavirus-Pandemie im Breitensport nicht gespielt. SYMBOLFOTO: DPA

Tischtennis-Präsident prangert an: "Unser Problem ist der Verein"

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Andreas Hein, Präsident des Hessischen Tischtennis-Verbands; hat den Ausbruch der Pandemie in China hautnah miterlebt. Im Interview erklärt er den Saisonabbruch und das generelle Problem der stagnierenden Entwicklung im Tischtennis.

Alle vier Jahre, dann wenn Olympische Spiele stattfinden, rückt Tischtennis bundesweit ins Rampenlicht. Doch die Förderung von künftigen Spitzenspielerin, wie es die Petterweilerin Josefina Neumann-Rekziegel werden könnte, gestaltet sich schwierig. Dazu kommt nun die Coronavirus-Pandemie und verschärft das aus Sicht des Präsidenten des Hessischen Tischtennis-Verbands, Andreas Hain, größte Problem des Sports: die Organisation innerhalb der Vereine. Im Interview spricht er über die Hintergründe.

Andreas Hain, die Corona-Krise hat den Sport weltweit im Würgegriff. Wie sehr lähmt das Virus eine so trainingsintensive Sportart wie Tischtennis?

Letztlich findet gar nichts statt. Nur die Profis dürfen am Bundesstützpunkt in Düsseldorf trainieren und aktuell auch wieder die Topkader des DTTB. Unter strikter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln natürlich.

Dabei ist das Spiel über einen Tisch hinweg doch eigentlich prädestiniert für die neuen Anforderungen in Zeiten des Virus: Die Tische sind groß, der Abstand somit gewährleistet. Warum aber dürfen Tennisspieler trainieren, Tischtennisspieler aber nicht?

Ich denke, dass der Sport künftig klar kategorisiert wird. Wir müssen politisch erreichen, in eine Kategorie wie Tennis reinzukommen. Dafür haben wir im Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) eine Task Force gegründet. Mit ganz strengen Regeln wollen wir erreichen, wieder trainieren zu können.

Wie soll das aussehen?

Koordinieren müssen das Sportwarte der Vereine, die Zeitpläne erstellen, damit sich möglichst wenig Leute im Training treffen. Das sollte machbar sein, wenn um 19 Uhr zwei miteinander trainieren, um 20 Uhr die nächsten. Das Hauptproblem ist, dass beide den Ball anfassen müssen. Mit unterschiedlich markierten Bällen, die nur je ein Spieler anfasst, sollte auch das gehen. So könnten wir sogar Verbandsspiele bestreiten.

Aber im Doppel wird der Abstand nicht einzuhalten sein.

Und deshalb werden wir Doppel vorerst nicht mehr spielen können, genauso wenig wie Mixed. Wenn wir eine Verbandsrunde spielen wollen, werden wir das berücksichtigen müssen. Eine "normale" Verbandsrunde wird es 2020/21 wahrscheinlich nicht geben.

Bis auf die Bundesliga der Männer haben alle Ligen die Saison vorzeitig beendet haben. Dass der aktuelle Tabellenstand gewertet wurde, hat bei anderen Sportarten für Verdruss gesorgt. Welche Reaktionen haben Sie erhalten?

Es gab mehrere Ansätze. Ein sehr interessantes, aber kompliziertes Modell hatte sogar nicht gespielte Rückrunden-Spiele mit einkalkuliert, aber das wäre gemäß unserer Wettspielordnung nicht haltbar gewesen. Nach Prüfung von Justiziaren war auch eine Annullierung juristisch nicht möglich. Und da es sich schnell als keine Option herausstellte, die Saison zu Ende zu spielen, war die Wertung zum Stand am Stichtag des Abbruchs letztlich die beste Lösung. Die Alternative, nur die Vorrunde zu werten, wäre rechtlich auch möglich gewesen, doch in allen Diskussionen waren maximal 20 Prozent der Teilnehmer für diese Variante. An den Diskussionen waren über 100 Personen beteiligt.

Die Sporthallen bleiben vorerst geschlossen, an zielgerichtetes Training ist nicht zu denken. Wie denken Sie mit Blick auf die hessische Tischtennis-Szene darüber?

Wir hatten bislang die Trainer voll bezahlt, aber freigestellt. Nun gab es Überlegungen, Kurzarbeit zu beantragen. Doch, da wir jetzt wieder mit den Top-Kadern (Nationalmannschaften) anfangen können, werden wir für diese Spielerinnen und Spieler noch intensiver arbeiten. Ich bin mir sicher, dass bald auch die ersten Landeskader wieder trainieren können. Sollten wir auf Landesebene wieder einsteigen können, werden sicher auch einige Athleten aus der Region wie Anne Bundesmann oder Janina Kämmerer (TSV Langstadt) dazu gehören. Petrissa Solja kann ja sowieso jetzt schon trainieren. Doch trotz allem muss unser Hauptaugenmerk auf dem Vereinssport liegen, hier haben wir im Verband Richtlinien ausgearbeitet, damit es wieder losgehen kann. Die Vereine müssen gewährleisten, dass die Regeln eingehalten werden. Ganz wichtig ist, dass wir die Leute mitnehmen, dass sie merken, wir tun etwas für sie.

Das hessische Tischtennis hatte schon in Zeiten vor Corona Nachwuchsprobleme, werden die nun noch verschärft, weil nicht absehbar ist, wann wieder gespielt werden kann und auch die Nachwuchsgewinnung, etwa in Schulen, ausfällt?

Positiv ist: Der Freizeitsport boomt, gerade in diesen Zeiten, das sieht man auch am Sportartikelverkauf. Aber wir müssen bei einer Normalisierung der Lage mehr Leute in die Vereine bringen. Grundsätzlich gilt: Wenn wir Talente hatten, haben wir sie gut gemacht. Bei den Mädchen unter zwölf Jahren sind wir, nicht nur wegen Josefine Neumann-Reckziegel aus Petterweil, führend in Deutschland. In der U 15 hatten wir sieben Teilnehmerinnen am DTTB Top-12-Turnier. Aber im männlichen Bereich haben wir niemanden. In ganz Deutschland gibt es keinen Jungen, der mal eine Entwicklung nehmen kann wie Timo Boll, Patrick Franziska oder Dimitrij Ovtcharov.

Welche Ideen hatte der HTTV denn vor Corona, um wieder mehr Kinder und Jugendliche an die Platten zu bekommen?

Wir haben recht professionelle Strukturen aufgebaut, daran liegt es nicht. Wir haben ein sehr gutes Trainerteam. Wir haben durch die Erhöhung der Mannschafts-Startgebühren über 100 000 Euro zur Verfügung, die wir ausschließlich für Schul-AGs ausgeben. Wir besorgen Trainer, aber ein Verein muss uns in die Schulen begleiten. Jedes Jahr gibt es 80 bis 100 solcher Maßnahmen. Wir bekommen dadurch etwa 200 Kinder im Jahr in die Vereine. Aber unser Problem ist der Verein.

Warum?

Weil wir sehen, dass es nicht an der fehlenden Attraktivität des Sports liegt, sondern an den Organisationsstrukturen in den Vereinen. Wo ein Verein funktioniert, ist die Halle noch immer voll, oft gibt es Aufnahmestopps.

Um attraktiv für Jugendliche zu sein, sind Leuchtturmprojekte nötig. Fehlen die in Hessen?

Nein, als Topspieler kannst du bei den Männern in Fulda Bundesliga spielen, bei den Frauen in Langstadt. Wir haben auch immer wieder Topspieler, ein Fan Bo Meng (TTC RS Fulda) wird sicher unter die Top 50 der Welt kommen können. Aber wir haben eben keinen Timo Boll oder Patrick Franziska. Die kriegst du nur alle zehn Jahre. Aber es gibt noch ein Problem.

Und das wäre?

Shan Xiaona (Anm. d. Red.: gewann 2016 mit Deutschland Teamsilber bei Olympia in Rio), die in China geboren ist und dort Tischtennis erlernte, hat es mal treffend erklärt: Die Deutschen sollen ja so hart trainieren wie wir, aber der Unterschied ist, dass wir nicht noch in die Schule gehen mussten. Wir arbeiten daran, dass wir das Umfeld leistungssportgerechter machen können und haben gerade jetzt für Josie Neumann in Zusammenarbeit mit der Eliteschule des Sports in Frankfurt ein individuelles Konzept erarbeitet, was nicht einfach war. Japaner, Chinesen und Koreaner reisen mit Trainern und Lehrern um die Welt, erreichen mit 13 oder 14 Jahren die erweiterte Weltspitze und unsere Spielerinnen müssen in dem Alter diskutieren, ob sie am Sportunterricht teilnehmen müssen anstatt zu trainieren. FOTO: HTTV

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