Unbezahlbar günstig

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(jd). Als Mohamadou Idrissou in der 64. Minute des Hessenliga-Spiels des SC Viktoria Griesheim bei Buchonia Flieden eingewechselt wurde, wehte in seinem neuen Team gleich ein anderer Wind. "Ich habe jeden Ball verlängert, das hat die Jungs mitgezogen", sagt Mo Idrissou in seiner selbstbewussten Art.

Das Tor zum 1:1-Ausgleich in der Nachspielzeit erzielte mit Younes Breir zwar ein anderer Griesheimer. Doch an den restlichen 30 Spieltagen der hessischen Beletage will es der langjährige Bundesliga-Profi (27 Tore in 139 Erstliga-Spielen, 68 in 164 Zweitliga-Partien) mit Stationen bei Eintracht Frankfurt, in Wehen, Freiburg, Kaiserslautern, Duisburg und Mönchengladbach noch mal wissen. Im fast biblischen Stürmeralter von 40 Jahren ist es für den Kameruner (6 Tore in 39 Länderspielen) ein Neustart und ein Aufstieg gleichermaßen.

Denn mit der fünftklassigen Hessenliga hat sich der extrovertierte Angreifer wieder um eine Klasse verbessert: Sein jüngstes Intermezzo beim sechstklassigen Verbandsligisten Rot-Weiss Frankfurt war im Frühjahr wegen Corona nach nur einem Einsatz jäh unter- und schließlich abgebrochen worden. "Ich hatte meine Schuhe schon abgestellt", blickt er zurück.

Gut, dass er zu dieser Zeit gerade einen weiteren Neubeginn angeleiert hatte. Der ihn schließlich auch an den Griesheimer Hegelsberg, wo Idrissou am Samstag beim 3:0 gegen den Hünfelder SV sein Heimdebüt erneut als Joker gab, führte.

Denn seit Januar betreibt Idrissou, der in Frankfurt lebt, eine Agentur in Düsseldorf. Fußballer beraten, Fußballer vermitteln - so umreißt er den Zweck seiner neuen Firma. "Das ist das, was ich kann", ist er überzeugt. "Das hätte ich schon früher machen sollen." "Früher" heißt, in den späten Jahren seiner Karriere, als sich der 1,91-Hüne unternehmerisch abseits der schönsten Nebensache der Welt verrannte.

"Ich habe Fehler gemacht", gesteht er unumwunden ein. Der Plan, mit einer Modekollektion durchzustarten, ging kolossal schief, "ich hatte die falschen Leute neben mir, habe 500 000 Euro verloren". Juristisch sei der Fall inzwischen abgeschlossen. Auch die Sache mit der Abschiebehaft in Österreich, wo es nach Gastspielen in Kufstein und Leoben Probleme mit Pass und Aufenthaltserlaubnis gab, ist abgehakt. Und einiges mehr, was ihm vor allem die "Bild"-Zeitung gern vorhielt, an deren Arbeitsweise er kein gutes Haar lässt. "Ich habe Fehler gemacht", wiederholt der Kicker, "doch dass ich von den Medien verarscht werde, das habe ich nicht verdient". So wurde ihm nach seiner Rückkehr aus Österreich Anfang des Jahres nachgesagt, er sei pleite und müsse bei einem Freund auf der Couch schlafen. Richtig sei hingegen: "Ich habe von einem Freund eine Wohnung gemietet. Und wenn ich mal mit dem Fahrrad fahre, heißt es, meine Autos seien weg. Sie sind aber noch da."

Zu einer Autovermietung ging Idrissou im Vorfeld eines Geschäftstermins in Düsseldorf kürzlich trotzdem - der Anfang vom Kapitel Griesheim. "Das war eine komische, aber auch coole Geschichte", findet er. Denn beim Autovermieter arbeitet Ertan Tarakci, Jugendleiter des SC Viktoria. Der erkannte den früheren Star und übergab praktisch an Ramssi Rettaily, den Co-Trainer der ersten Mannschaft. "Den kannte ich schon von früher", erzählt Idrissou.

Rettaily ließ fortan nicht locker, zumal die Auffrischung des alten Kontakts mit dem Griesheimer Verlust eines anderen Stürmers zusammenfiel: Der regionalligaerfahrene Younes Bahssou hatte dem Verein die Vertragsauflösung nach den ersten Spieltagen angeboten. Bahssou, den ebenfalls Rettaily zur Viktoria gelotst hatte, kann beruflich bedingt nicht mehr oft genug trainieren. Ein Vakuum in der abstiegsbedrohten Griesheimer Mannschaft, in der mehrere junge Stürmer erst noch in die Rolle eines Hessenliga-Torjägers wachsen müssen.

Der Coach an der Seite von Chef-Trainer und Ex-Darmstadt-Profi Richard Hasa packte Idrissou kurzerhand ins Auto und nahm ihn mit an den Hegelsberg. "Ich habe mir zunächst selbst nicht vorstellen können, dass er das machen will", gibt Rettaily zu. Nun ist der Co-Trainer "glücklich, dass Mo bei uns ist, ist für uns unbezahlbar".

Stichwort "(un)bezahlbar": Viel Geld bekommen soll Idrissou in Griesheim nicht, sagen Verein und Spieler. Wer den Viktoria-Etat kennt, den ambitionierte Verbandsligisten locker übertreffen, neigt dazu, das zu glauben.

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