Türk Gücü verfehlt das Saisonziel Klassenerhalt

Erst der FC Ober-Rosbach, dann der SC Dortelweil - und nun Türk Gücü Friedberg. Der Meister der Gruppenliga Frankfurt West kommt erneut aus der Wetterau. Warum die Kreisstädter den Sprung in die Verbandsliga schafften:

Unverhofft kommt oft, sagt der Volksmund. Bezogen auf die sportlichen Resultate der Gruppenliga Frankfurt-West, kann man diese Weisheit glatt als Untertreibung bezeichnen. Dort kam unverhofft in den letzten drei Meisterschaftsrunden viel öfter, als es die Kenner der Szene erwartet hatten. Und zwar sehr zur Freude des Fußballkreises Friedberg: Nach dem FC Ober-Rosbach (Saison 2010/2011) und dem SC Dortelweil (2011/2012) stellte die Wetterau in der ersten überregionalen Liga nämlich zum dritten Mal in Serie den (Überraschungs)-Meister. Aufsteiger Türk Gücü Friedberg, der Neuland betrat, stahl unter den Direktiven von Erfolgscoach Savas Yasaroglu (geht ins vierte Trainerjahr) den eigentlichen Titelaspiranten FC Kalbach, SG Ober-Erlenbach oder Spvgg. 02 Griesheim ab Anfang August 2012 bis Ende Mai 2013 jedenfalls glatt die Show, machte im 25. Jahr seines Bestehens den Durchmarsch in die Verbandsliga Süd mit einem geradezu sensationell hoch anmutenden 13-Punkte-Polster gegenüber der Konkurrenz aus den Kreisen Frankfurt und Hochtaunus perfekt und durfte dabei den zweiten Aufstieg in Folge schon vier Spieltage vor dem Saisonende, am 1. Mai nach dem 2:0-Auswärtssieg in der Nachholpartie bei der FG Seckbach, ausgelassen feiern.

Die Experten staunten nicht schlecht, und auch in den eigenen Reihen der Kreisstädter, die im Sommer vergangenen Jahres ausschließlich den Klassenerhalt als Ziel ausgegeben hatten, brauchte man trotz der sich schon früh abzeichnenden Dominanz eine ganze Weile, um die Zielvorgaben gewaltig nach oben zu korrigieren. "Die Phase bis zur Winterpause diente quasi als Schnupperkurs. Getreu der Devise: Mal sehen, wie es in neuer sportlicher Umgebung so läuft", erinnert sich Savas Yasaroglu. Dann jedoch habe man der veränderten Situation Rechnung getragen: "Uns war klar, wir können es packen". Unterm Strich standen nach 28 Siegen, zwei Unentschieden und nur vier Niederlagen imposante 85 Zähler zu Buche. Eine Ausbeute, die ohne eine bärenstarke Defensive (nur 17 Gegentreffer in 34 Duellen) und einer nahezu fleckenfreien Auswärtsbilanz (16 Siege, nur eine Niederlage in Ober-Erlenbach) wohl kaum machbar gewesen wäre. "Stimmt", bestätigt der 35-jährige Übungsleiter, "aber das ist nicht alles".

Nach Yasaroglus Ansicht seien weitere Faktoren für den gelungenen Coup ebenfalls von nicht geringer Bedeutung gewesen: "Taktisch gesehen, konnten wir auf Grund des relativ großen Kaders variabel reagieren und uns somit auf den Gegner stets optimal einstellen. Die Mannschaft hat in fast allen Spielen die vorher ausgegebene Marschroute eins zu eins umgesetzt". Zudem hätten verletzte Spieler, von denen es während der Runde eine ganze Reihe gab (Emre Yasaroglu, Anane, Günay, Uyanik, Clark), keineswegs die Qualität gedrückt.

Anders formuliert: Beim diesjährigen Gruppenliga-Meister, wo es ohnehin keine Stammplatzgarantie gab und auf Trainingseindrücke großen Wert gelegt wurde, hatte man nach den Neuzugängen in Person von Vollblutstürmer William Anane (13 Saisontore), Abwehrchef Alexander Clark und Emre Yasaroglu (kamen vom Mitte-Verbandsligisten VfB Unterliederbach), Celil Günay und Ivan Pejic (ehemals SV Steinfurth) sowie Keeper Kamber Koc (Eintracht Wetzlar) mit den späteren Verpflichtungen der Außenverteidiger Oguz Akkas (Türk Gücü Frankfurt) und Markus Pioch (Viktoria Urberach) sowie Mittelfeldspieler Adrian Saletnik (Kickers Obertshausen) weitere Asse aus dem Ärmel gezogen.

Alle Neuzugänge schlagen ein

Und das Tollste daran: Alle Cracks, die geholt wurden, erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen zu 100 Prozent und bildeten zusammen mit Innenverteidiger Cyril Ngolumuo, Abwehrspieler Ramil Taitschinov, "Leitwolf" Menderes "Otto" Yasaroglu (9 Treffer) sowie Firat Can, Murat Sentürk, Ugur Ürün (6 Goals), Marc Witte (13), Alit Usic (9), Ibrahim Uyanik, Bünyamin Yaya und Ersatzkeeper Sercan Kaplan eine für den Gegner schwer auszurechnende und deshalb nur selten zu bezwingende Einheit.

Ergebnisbezogen sah das nach 34 Gruppenliga-Auftritten, darunter nicht weniger als 23 Spiele ohne Gegentor, folgendermaßen aus: Vier Siegen und zwei Heimniederlagen (0:1 gegen Vatanspor Bad Homburg, 1:3 gegen Westend Frankfurt) ließen TG-Coach Savas Yasaroglu und seine Leute vom 7. September bis zum 16. April phänomenale 59 (von 63 möglichen) Punkte aus 21 ungeschlagenen Spielen folgen, darunter die so wichtigen Erfolge über Kalbach (4:1 am 21. Oktober) sowie eine Woche später in Griesheim (3:1). Da fiel die 0:3-Pleite in Ober-Erlenbach, erlitten am 21. April, nicht mehr ins Gewicht, denn Türk Gücü Friedberg war seinen Rivalen bereits weit enteilt und durfte schon zehn Tage später durch den Sieg in Seckbach in Sachen Titelgewinn Vollzug melden.

Vier Wochen anschließendes Schaulaufen wurde dann am 30. Mai auf dem Friedberger Burgfeld mit dem zweiten Triumph gegen Seckbach (5:0) erfolgreich beendet. Interessant: Auch gegen die "Friedberger" Gruppenliga-Konkurrenten ließ der künftige Verbandsligisten durchgehend nichts anbrennen, denn in diesbezüglich acht Spielen behielten die Friedberger acht Mal die Oberhand: Man bezwang den FC Ober-Rosbach (4:0, 2:0) und den SV Gronau (2:1, 2:1)) genauso doppelt, wie den SV Nieder-Wöllstadt (2:0, 1:0) und den SV Nieder-Weisel (1:0, 2:0).

Rein sportlich gesehen, lief’s für die TG-Fußballer mit dem qualitativen Sprung aus der heimischen Kreisoberliga in die Verbandsliga Süd also ausgesprochen rund. Um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen, wie es Ober-Rosbach und Dortelweil beschieden war (nach Aufstieg gleich wieder abgestiegen), hat sich der ranghöchste Kreisstadt-Klub um Verstärkungen bemüht. Mit Erfolg, denn die Offensivcracks Patrick Berschick (SV Nieder-Weisel), André Stoss (SC Dortelweil) und Fatih Uslu (KSV Klein-Karben) sowie Mittelfeldspieler Mohamed Hadifa (SSV Lindheim) stehen als Neuzugänge fest. "Kann sein, dass wir noch einen oder zwei Spieler fürs defensive Mittelfeld holen", verrät Savas Yasaroglu, der ab dem 23.

Juni (Trainingsauftakt) auf die Dienste von Ramil Taitschinov (TSV Bad Nauheim), Firat Can, Ivan Pejic (beide Ziel unbekannt) und Ibrahim Uyanik (Laufbahnende) verzichten muss.

Für Klubchef Ramazan Kaplan, die im Spielausschuss tätigen Hamit Demiroglu, Yasin Cirak und Taner Yüce, alle Vereinsmitglieder sowie für den Coach selbst freilich ebenso wichtig: Es gilt, die Nachwuchsarbeit, die sich aktuell ausschließlich auf den A- und B-Jugendbereich erstreckt, weiter auszubauen und – natürlich – die unbefriedigende Sportplatz-Situation irgendwie zu verbessern. Man suche, so Savas Yasaroglu, das Gespräch mit der Stadt Friedberg: "Türk Gücü-Heimspiele, die wegen schlechter Platzverhältnisse vor Ort in Ober-Wöllstadt, Klein-Karben, Massenheim oder Bruchenbrücken ausgetragen werden mussten, waren bekanntlich an der Tagesordnung. So geht’s nicht weiter".

Frage und Antwort, die sich daraus ergeben, lauten aus der Sicht des Gruppenliga-Meisters der Saison 2012/2013 deshalb wie folgt: Verbandsliga-Fußball auf dem Ossenheimer Sportgelände? Da sind bessere Lösungen, die auch für die Stadt Friedberg bezüglich einer werbewirksamen Eigen-Darstellung von Bedeutung sein sollten, durchaus denkbar. Uwe Born

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