Carsten Weber geht in seine zweite Saison als Trainer von Fußball-Hessenligist Türk Gücü Friedberg. Sein Ziel: ein einstelliger Tabellenplatz. FOTO: CHUC
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Carsten Weber geht in seine zweite Saison als Trainer von Fußball-Hessenligist Türk Gücü Friedberg. Sein Ziel: ein einstelliger Tabellenplatz. FOTO: CHUC

Hessenliga

Türk Gücü Friedberg: So will Trainer Carsten Weber den Klub professionalisieren

  • Philipp Keßler
    vonPhilipp Keßler
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Die Saison im hessischen Amateurfußball soll Anfang September starten. Für Carsten Weber, Trainer von Türk Gücü Friedberg, kann das gar nicht schnell genug gehen, hat er in seinem zweiten Jahr in der Hessenliga mit den Wetterauer Kreisstädtern doch große Ziele.

Von einem "Übergangsjahr" sprach Carsten Weber, Trainer des Wetterauer Hessenligisten Türk Gücü Friedberg, zu Beginn der vergangenen Spielzeit. Ziel war es, den Klassenerhalt früh zu erreichen, um mit den Planungen für die neue Spielzeit zu beginnen. Dann kam die Coronavirus-Pandemie. Für Weber dennoch kein Grund für Ausreden: Das Team steht vor dem Laktattest am heutigem Samstag als Start in die Vorbereitung runderneuert da. Im Interview erklärt der 36-Jährige, wieso es den Umbruch gab, wie der Klub seine Identität bewahren will und, was man sich am Ober-Rosbacher Eisenkrain vorgenommen hat.

Herr Weber, elf Zugänge und zehn Abgänge sprechen für einen gewaltigen Umbruch im Kader. Wie ist es dazu gekommen?

Das war in der Summe nicht unbedingt so geplant. Wir wollten eigentlich einen etwas größeren Stamm an Spielern halten, aber es gab verschiedene Gründe, warum wir nun so viele Abgänge hatten. Letztlich haben wir aber die Planungen, die im Winter begonnen hatten, fortgesetzt. Ich bin mit diesem Kader jetzt sehr zufrieden und freue mich, mit diesem Team zu arbeiten. Wir haben fußballerisch eine hohe Qualität, und die Jungs sind charakterlich super. Sie haben teilweise langfristige Verträge unterschrieben, weil sie Lust auf unser Projekt haben. Das ist ein Weg, den ich die letzten Jahre bei Türk Gücü Friedberg etwas vermisst habe. Das alles war aber auch wahnsinnige Arbeit in den vergangenen fünf Monaten.

Zeit, die sie vor dem Start der vergangenen Saison nicht hatten…

Das stimmt, da war die Situation eine ganz andere. Ich bin Ende Mai gekommen, wir hatten zu dem Zeitpunkt vier Spieler, das Team war noch nicht gerettet, sodass wir einen Schnellschuss nach dem nächsten machen mussten und erst nach dem vierten oder fünften Spieltag überhaupt den Kader zusammen hatten. Dazu kam eine ganz schwierige Vorbereitung mit vielen Urlaubern - absurd für einen Hessenligisten.

Was war Ihnen bei der Auswahl der Neuzugänge wichtig?

Der Kern war für mich die Fähigkeit, sich in ein Kollektiv einzubringen und für den anderen zu laufen. Für mich ist es wichtig, eine Identität, einen Spirit auf die Platte zu bringen. Denn diese zehn oder 15 Prozent sind uns in der vergangenen Saison teilweise abgegangen. Die Spiele, in denen wir das mal hatten in der vergangenen Saison, haben wir meiner Meinung nach fast alle gewonnen. Dazwischen hatten wir aber desolate Auftritte. Das darf uns diese Saison nicht mehr passieren.

In der Vergangenheit haben türkischstämmige Spieler Türk Gücü Friedberg geprägt. Das fehlt nun erstmals. Verliert der Klub ein Stück Identität?

Ich habe den Verein so kennengelernt, dass er keinen Wert auf Nationalität legt. Dem Verein und dem Umfeld sind vielmehr der Charakter und das Wesen eines Spielers wichtig, es muss menschlich einfach passen. Wir haben genauso mit türkischstämmigen wie mit deutschen Spielern verhandelt, haben hier aber einfach keinen Vollzug melden können. Am Ende hat sich dieser Kader herauskristallisiert, ohne das wir von der ethnischen Zusammensetzung vorher eine konkrete Vorstellung gehabt hätten. Im Vorstand ist diese Frage zwar auch mal diskutiert worden, allerdings mit dem Ergebnis, nicht darauf zu achten. Wir wollen als Verein wahrgenommen werden wie jeder andere - in diesem Jahr mit einem sehr internationalen Kader.

Die Standortfaktoren des Klubs mit dem angemieteten Platz in Ober-Rosbach sind nicht ideal, gleichzeitig wurden die Kosten für den Kader nach eigenen Angaben gesenkt. Was waren Ihre Argumente in den Verhandlungen?

Der Verein ist ein Projekt, bei dem in den vergangenen Monaten auch viel im Umbruch gewesen ist. Spieler, die jetzt gekommen sind, haben erkannt, welche sportlichen Perspektiven wir bieten können, indem wir die Bestrebungen haben, uns Jahr für Jahr sportlich weiterzuentwickeln, aber auch in Sachen Infrastruktur den nächsten Schritt zu machen. Da sind wir natürlich auch davon abhängig, irgendwann in Friedberg spielen zu können. Außerdem haben die Spieler meiner Meinung nach gemerkt, dass hier etwas entsteht und sich sehr gut um sie gekümmert wird - in einem familiären Umfeld, die Hilfestellung für jegliche Probleme wie Ausbildung oder Studium bietet. Diese Wertschätzung über das Sportliche hinaus hat sicher viele Spieler überzeugt. Denn das ist der Punkt, an dem wir uns auch ein Stück weit von der Konkurrenz abheben wollen.

Was ist im Umfeld noch verändert worden?

Wir haben mit Julien Schmittberger einen neuen Mann in der Sportlichen Leitung, der Sinan Karanfil entlastet. Wir haben außerdem mit zwei Scouts eine Vereinbarung getroffen, die in Absprache den hessischen Raum für uns beobachten und eine Datenbank füttern. Mit Patrick Schorr haben wir zudem einen Spieler verpflichtet, der neben seinem Studium auch zunehmend in die Arbeit der Sportlichen Leitung integriert werden soll.

Sie sind mit dem Wunsch nach Professionalisierung angetreten. Wo stehen Sie aktuell?

Wir haben die ersten Schritte gemacht. Der Kader ist mit Blick auf die Altersstruktur, die Vielseitigkeit und die Charaktere so, dass man mit ihm erfolgreich Fußball spielen kann. Außerdem haben Verein und Umfeld gemerkt, dass die Anstöße von meinem Team und mir nicht verkehrt sind. Auch in der Rückmeldung der Spieler und in der Außendarstellung merkt man, dass diese Veränderungen greifen. Gleichzeitig ist der Verein sehr offen für Neues. Diese Öffnung ist der größte Schritt, den wir gemacht haben. Nun geht es darum, den neuen Input in den kommenden Jahren auch in die Strukturen umzusetzen. Dabei müssen wir auch das Umfeld mitnehmen. Dabei geht es auch darum, Vorurteile abzubauen.

Welche Rolle spielt Ihr neuer Co-Trainer Christopher Pilch, mit dem Sie auch schon in Nidda zusammengearbeitet haben?

Er hat ein extremes Netzwerk, ist sehr strukturiert, zeigt sehr viel Eigeninitiative und hat oft auch einen anderen Blick auf die Dinge. Kamber Koc hat mir im vergangenen Jahr auch extrem geholfen, aber er war eben auch noch unser zweiter Torhüter - musste also trainieren und sich auf Spiele vorbereiten. Deshalb konnte ich ihn nicht so einbinden, wie ich mir das von einem Co-Trainer wünsche, obwohl er von einer Einstellung her ein jederzeit ein absoluter Profi war.

Wie sind die Ziele - kurz-, mittel- und langfristig?

Für uns geht es darum, sportlich den nächsten Schritt zu machen. Wir wollen auf jeden Fall mehr Kontinuität reinbekommen und eine Weiterentwicklung sehen. Ich hoffe, wir können eine ruhigere Runde spielen, obwohl es so viele Absteiger gibt, indem wir uns einstellig platzieren können. In erster Linie geht es aber darum, im Hintergrund die Strukturen weiterzuentwickeln, die Zusammenarbeit mit der zweiten Mannschaft zu verbessern und im kommenden Jahr dann auch den Kader stabil zu halten. Dann ist es möglich, auch langfristig etwas zu entwickeln.

Die Liga wird nun größer. Wie sehen Sie das?

Die Liga wird in der Spitze sicher etwas schmaler, da die beiden besten Mannschaften aufgestiegen sind, und dadurch noch ausgeglichener als im Vorjahr - allgemein und auch hier in der Region.

Zum Abschluss ein Thema, um das man in diesen Tagen kaum herumkommt: Corona. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Wir als Verein haben in dieser Zeit einen sehr hohen Aufwand betrieben, und die Phase mit Blick auf die Strukuren voll genutzt, auch wenn wir natürlich lieber Fußball gespielt hätten. Es war also schon intensiv und anstrengend. Davon können wir in den kommenden Monaten und Jahren aber hoffentlich profitieren - auch in der Außendarstellung. Es soll deutlich werden, dass Türk Gücü Friedberg in der Hessenliga attraktiv ist - für Spieler, Zuschauer und die Region.

Und Anfang September geht es wieder los?

Das ist die große Hoffnung. Ich freue mich sehr darauf, die Jungs wiederzusehen, ihnen zu zeigen, was wir alles gemacht haben, und gemeinsam mit ihnen auf dem Platz zu stehen. Und natürlich haben die Spieler auch richtig Bock, wieder zu kicken, auch wenn die Vorbereitung sicher sehr intensiv wird.

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