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Jonatan Tesfaldet attackiert Kristian Gaudermann. Türk Gücü Friedberg kann in Stadtallendorf den favorisierten Gastgeber ägern, unterliegt aber knapp mit 0:1.

Fußball-Hessenliga

Türk Gücü Friedberg: Erschütterung über Rassismus nach Schweigeminute für Halle-Opfer

Einer Schweigeminute für die Opfer von Halle folgten rassistische Äußerungen. Türk Gücü Friedberg ist über die Geschehnisse während der Hessenliga-Partie in Stadtallendorf erschüttert.

Carsten Weber ist normalerweise die Ruhe in Person und nimmt sich nach den Spielen auch die nötige Zeit, um mit den Pressevertretern zu sprechen. Nach der knappen 0:1-Niederlage bei Eintracht Stadtallendorf war der engagierte Trainer von Türk Gücü Friedberg aber sehr kurz angebunden. Sein Statement dauerte lediglich 36 Sekunden, zum Spiel sagte der Coach nur einen Satz. Der Coach beschränkte sich ansonsten darauf, die unerfreulichen Begleitumstände während der Hessenliga-Begegnung im Herrenwaldstadion zu kommentieren: "Es ärgert mich maßlos, dass wir hier über 90 Minuten lang auf der Bank vom Stadtallendorfer Publikum mit rassistischen Äußerungen belagert wurden. Ich weiß nicht, warum hier eine Schweigeminute vor dem Spiel eingelegt wurde und dann werden wir mit Rassismus bis zum Gehtnichtmehr konfrontiert. Das ist für mich das Enttäuschendste von allem und das kann man auch durchaus schreiben", sagte er gegenüber der "Wetterauer Zeitung". 

Pressesprecher Sinan Karanfil bestätigt Webers Aussage über rassistische Ausfälle

Eigentlich wollte der erboste Trainer das Thema auf der Pressekonferenz ansprechen, erfuhr aber im Kabinengang, dass der ehemalige Regionalligist seit dem Abstieg keine mehr durchführt. Vor dem Anpfiff war besagte Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer des Mordanschlages in Halle an der Saale eingelegt worden. Der Stadionsprecher der Eintracht hatte den über 600 Zuschauern vorgelesen, dass man "Gewalt, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit strikt ablehnt." Diese Botschaft schien bei Teilen des Publikums offenbar auf taube Ohren zu gestoßen zu sein. 

Denn nach dem Anpfiff zeigten einige Zuschauer gegenüber den ausländischen beziehungsweise mit Migrationshintergrund ausgestatteten Fußballern von Türk Gücü Friedberg offen ihre Gesinnung. Vorfälle, die auch Friedbergs Pressesprecher Selim Karanfil nicht verharmlost wissen wollte: "Das war unterste Schublade. Von der ersten Sekunde an gab es nicht nur Pöbeleien, sondern auch von einer größeren Zuschauergruppe ausländerfeindliche Aussagen. Auch Familienmitglieder unserer Spieler wurden auf den Rängen angepöbelt." Angesprochen auf die Entgleisungen ihrer Zuschauer hätte ein Funktionär der Gastgeber laut Karanfil lediglich geantwortet, es handele sich nur um vereinzelte Idioten, die dafür bekannt wären.

Stadtallendorfer Vorstand verärgert: "Lassen uns in keine Ecke stellen"

Der Stadtallendorfer Vorstand hat nach eigener Aussage in Person von Vereinsboss Reiner Bremer erst am Sonntagmorgen von den Vorwürfen erfahren. "Es wäre gut, solche Beschimpfungen uns direkt anzuzeigen und nicht nach der aus sportlicher Sicht engen Schlussphase, der Presse diese Zeilen in den Notizblock zu diktieren", schreibt Bremer am Sonntagnachmittag in einer schriftlichen Stellungnahme. "Wir sind ein Verein, der Integration seit über 50 Jahren lebt, dessen Stadt über 70 Nationen beheimatet, der zu 52 Prozent Spieler mit Migrationshintergrund in den Jugendteams ausbildet, dessen Hessenliga-Team viele Spieler unterschiedlicher Nationen hat und der sogar seit vier Jahren eine Flüchtlingsmannschaft auf dem Sportgelände durch einen Vereinstrainer betreut. Normalerweise reden wir nicht über Integration, sondern leben sie. Wir lassen uns in keine Ecke stellen. Wenn wir von solchen Äußerungen gewusst hätten, wären wir sofort tätig geworden." 

Bremer suchte nach Bekanntwerden der Vorwürfen nach eigener Aussage sofort den telefonischen Kontakt zu Friedbergs Trainer Carsten Weber. Er habe um eine Beschreibung der beschuldigten Person(en) gebeten, die Weber allerdings nicht habe geben können. Des Weiteren habe Weber nicht ausschließen können, dass es überhaupt direkte "Fans" der Heimmannschaft gewesen waren, die für die Beleidigungen verantwortlich gewesen sein sollen. Der Ex-Regionalligist habe seinen Fan-Block nämlich - so Bremer - eigentlich auf der gegenüberliegenden Seite des Sportgeländes.

ace/phk

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