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Von der Leiste bis zum unteren Rippenbogen sind die Körpermitten verbunden. Die Tänzer sind sich physisch sehr nah.

Tuchfühlung auf dem Parkett

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Der richtige Körperkontakt ist im ambitionierten Tanzsport das A und O. Patrick und Tina tanzen seit 2010 zusammen. Mittlerweile gehören sie der höchsten Turnierklasse an. Im Gespräch erzählen die beiden Sportler, wie sie mit so viel physischer Nähe umgehen und wie ihre Ehepartner damit klarkommen.

Das Licht ist gedimmt im Übungsraum. Aus den Boxen erklingen leise die ersten Takte vom Schmachtfetzen "Moon River". Patrick* und Tina* stehen sich gegenüber, kommen langsam aufeinander zu. Er fordert sie standardtypisch auf, ihre Position einzunehmen. Sie steht in seinem rechten Arm. Ihre Körper haben von der Leiste bis zum unteren Rippenbogen leichten Kontakt. Der Herr führt die Dame in die ersten Schritte, nur die Töne des knarzenden Parketts mischen sich gelegentlich mit der Musik.

Was sich so romantisch anhört, ist Teil einer Tanzpartnerschaft. Wäre es eine Filmszene, würde sich der Zuschauer wohl unbedingt auch eine private Liaison der beiden Protagonisten wünschen. Aber davon sind sie weit entfernt. "Ich glaube, unterschiedlicher könnten unsere Persönlichkeiten nicht sein", erklärt die 50-Jährige. Und dennoch verbindet sie und ihren Sportpartner die Passion fürs Tanzen. Seit neun Jahren sind sie schon gemeinsam auf deutschen und internationalen Parketten unterwegs - mittlerweile in der höchsten Klasse auf Amateurebene. Bewegt man sich auf diesem Niveau, ist enger Körperkontakt unabdingbar. Es ist eine Nähe, wie man sie sonst wohl nur zu einem geliebten Menschen hat. Privat aber haben Tina und Patrick jeweils andere Lebenspartner, sind sogar verheiratet.

Als Tanzpaar treffen sie sich derzeit zweimal am Wochenende zum Training, an Wochentagen eher selten. Das hat Gründe: "Zwischen uns liegt eine große Entfernung. Wenn wir nach einem langen Arbeitstag noch eine Stunde durch den Berufsverkehr müssen und dann im Training aufeinanderprallen, kann Furchtbares passieren", verrät Patrick. Das wirkt sich auf die Stimmung in den Übungseinheiten aus. "Jeder meint es gut und gibt sein Bestes", sagt Tina. "Aber man kann es in der Situation nicht immer annehmen oder verdauen, wenn der andere helfen will, korrigieren will."

Einmal im Monat stehen Privatstunden an. Hin und wieder kommt ein Endrundentraining dazu. Dabei steht "nur" das Durchtanzen der fünf Standardtänze in Turnierlänge (90 bis 120 Sekunden pro Tanz) auf dem Programm. Es dient der Kondition und Wettkampfsimulation. "Diese Art des Trainings wäre auch an Wochentagen denkbar. Da muss man weniger miteinander arbeiten", verdeutlicht Patrick noch mal die Grenzsituationen, in die die beiden Tanzpartner manchmal geraten. Die bleiben auch nach mehreren Teilnahmen an deutschen Meisterschaften und einer Stippvisite im englischen Tanzmekka Blackpool nicht völlig aus.

Überhaupt kein Problem für das Turnierpaar ist die elementare körperliche Nähe. Beide sind sehr leistungsorientiert, mitunter sogar verbissen. Der enge Kontakt ist die Voraussetzung für technisch sauberes Standardtanzen. "Man kann nicht fühlen, was das Gegenüber will, wenn man in der Körpermitte nicht verbunden ist. Da kann man nicht mit dem Arm herumrühren", erklärt Tina die typische Führung.

Ihr Tanzpartner geht sogar noch weiter. "Auf sexueller Ebene ist Tina für mich ein Neutrum. Wenn ich sie als bildhübsche Frau wahrnehmen würde, dann würde ich irgendwann als Mann reagieren. Das funktioniert nicht", erklärt der einstige Personal Trainer, der früher ausschließlich Frauen als Kunden betreute und sich ebenfalls in Professionalität üben musste, "um nicht auf die Anzüglichkeiten der Damen zu reagieren, die gerne mit dem Trainer zusammen sein wollten". Natürlich verstehen Patrick und Tina die Charakteristik des Tanzens durchaus als das Einswerden von zwei Individuen, als Kreation von harmonischen Bewegungen, als Zusammenspiel vom Rahmen bietenden Mann und der Rahmen füllenden Frau. Den Begriff des Neutrums wollen sie im sexuellen Zusammenhang verstanden wissen, nicht jedoch im tänzerischen.

Dennoch kennen beide auch andere Verhältnisse: Tina tanzt seit ihrem 18. Lebensjahr und hatte mehrere Tanzpartnerschaften. Als sie in der B-Klasse war - "beide waren Single" - hat es auf einmal doch gefunkt. "Das war aber schwierig. Du nimmst den Stress mit nach Hause." Patrick tanzte zunächst mit seiner ersten Frau. Er sagt: "Das hat nicht so gut geklappt." Irgendwann meldete er sich auf der Online-Tanzbörse des Verbands an - und wurde kontaktiert.

Wie es aussieht, haben Patrick und Tina nun das für sie passende Setting gefunden, wenngleich im Training manchmal die Fetzen fliegen. Aber das hat sich gebessert. Auf beiden Seiten stellt sich aber auch die Frage, wie die heutigen Ehepartner mit der Situation umgehen. Denn die Tänzer agieren nicht nur auf der Fläche hautnah mit dem anderen. Sie verbringen sehr viel Zeit miteinander, ziehen sich vor und nach dem Sport in einer Kabine um, helfen sich gegenseitig in die Turnierkleidung. Bei bestimmten Entfernungen zum Turnierort ist eine Übernachtung sinnvoll. Da nutzen Patrick und Tina meistens ein gemeinsames Doppelzimmer in der Unterkunft.

Für die Ehepartner offenbar kein Problem. "Meine Frau hat mich so kennengelernt. Das gehört zu mir. Sie weiß, in welche Richtung das nur für mich gehen kann", berichtet Patrick, gibt aber auch zu, wie wichtig es für seine Frau war, von Tinas Bindung zu erfahren. Für deren Ehemann stellt ihr Faible ebenfalls kein Problem dar, betont Tina, geht dieser doch ebenfalls einem zeitintensiven Hobby nach. Um auch den Lebenspartner teilhaben zu lassen an der eigenen Passion und zu zeigen, mit wem man dieses Interesse teilt, gab es bei den beiden Ehepaaren schon Treffen zu viert - damit jeder den anderen besser kennenlernt. Die Beziehung zwischen zwei nicht miteinander liierten Sportpartnern kann also durchaus auch eine Viererkonstellation sein.

Aber die sollte so einigermaßen funktionieren. Eine Dame hatte Patrick vor Jahren in der Online-Tanzpartner-Börse angeschrieben und ihm aufgrund der weiten Anfahrt nach Nordhessen einen Schlafplatz nach dem Training in ihrem Haus angeboten. "Von diesem Angebot hatte ich meiner Frau auch erzählt. Sie fand das gar nicht so toll", erzählt der Mittfünfziger. Ein Probetraining hat niemals stattgefunden. Stattdessen meldete sich Tina...

* Namen von der Redaktion geändert

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