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Transparent – aber mit Schwachstellen

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Von: Peter Hett

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Mit Beginn der Saison wurden Handball-Funktionäre und Akteure - auch in den regionalen Spielklassen - mit zahlreichen Änderungen im Regelwerk konfrontiert. Unter Spielern, Trainern, Zuschauern, Zeitnehmern, Sekretären und Referees war dies kontrovers diskutiert worden. Zum Jahreswechsel haben wir uns nun umgehört und nach den praktischen Erfahrungen im Umgang mit dem elektronischen Spielbericht (ESB) und den Regeländerungen gefragt.

In den Landesligen sowie der Bezirksoberliga der Männer wurde der Elektronische Spielbericht (ESB) eingeführt. Dies hatte für die Vereine grundlegende Veränderungen in den bis dahin gewohnten Abläufen im Spielbetrieb zur Folge. Der heimische Handball-bezirk hat den Vereinen deshalb in der aktuellen Spielzeit noch die Möglichkeit zur Einarbeitung eingeräumt, bevor die Umsetzung ab der Saison 2017/2018 in den Ober- und Landesligen der Jugend und in den Bezirksoberligen der Aktiven verbindlich erfolgt. Ab der Spielzeit 2018/2019 wird der ESB dann flächendeckend in Hessen eingeführt, also auch im Spielbetrieb aller Jugendmannschaften. Zum anderen haben fünf neue IHF-Regeln seit dem 1. Juli 2016 für alle Spielklassen des hessischen Handballverbands Gültigkeit.

Heiko Trinczek, Trainer TV Petterweil (Landesliga): »Im Zeitalter des Internets mit dem Verlangen, schnellstmöglich Infos zu Zwischenständen und Endergebnissen haben zu wollen, ist der ESB eine absolut gute Geschichte. Auch mir als Trainer kommt diese Möglichkeit zugute. Der Nachteil allerdings: Die Technik muss auch funktionieren. Während zwei unserer Auswärtsspiele kam es zu einem Systemausfall, was schließlich eine schwierige und teils lückenhafte Erfassung des Spielverlaufs zur Konsequenz hatte. Die neuen Regeln stiften in dieser Saison eine Menge Verwirrung. Mit Veränderungen, die insbesondere die Schiedsrichter und Zeitnehmer weiter fordern, kommt es auch zu mehr Fehlern und unklaren Entscheidungen. In den unteren und mittleren Ligen wird die Umstellungsphase länger dauern, da wir hier im Hobbybereich sind und nicht jeder den Handball mit nach Hause nimmt. Nach der Umstellungsphase wird man sehen, was die neuen Regeln bringen. Ich denke, dass sie nicht allzu große Auswirkungen haben und sehe persönlich Potenzial im Bereich, einen siebten Feldspieler einzuwechseln.« Gerhard Koffler, Trainer TG Friedberg (Landesliga): »Der ESB bringt große Vorteile. Man kann nun den Spielverlauf und die Torschützen der eigenen, aber auch der anderen Mannschaften gut nachvollziehen. Einmal ist der PC ausgefallen, und dann war das Spiel eben fünf Minuten unterbrochen. Zu den Regeländerungen kann ich in der Landesliga, anders als in der Bundesliga, keine großen Auswirkungen feststellen.« Wilfried Siegmund, Trainer TSV Griedel (Bezirksoberliga): »Insgesamt denke ich, der ESB bringt Transparenz. Ein paar Schwachpunkte gibt es dennoch: So hatten wir in einem Spiel eine technische Panne, und der alte Papierbogen musste wieder raus. Eindeutige Regeln fehlen hier aus meiner Sicht. Was die neuen Regeln anbetrifft, denke ich, sie werden den Handball beeinflussen. Leider! Insbesondere die Sieben-Feldspieler-Regel verändert den Handball aus meiner Sicht zum Nachteil. Unser Sport lebt vom Sechs-gegen-Sechs. Auch die Neutralisation einer Zeitstrafe ist von Nachteil. Die anderen Regeln sind aus meiner Sicht okay. Aber die Sieben-Feldspieler-Regel gehört abgeschafft, wenn der Handball wieder attraktiver werden soll. Wir als Zuschauer wollen ja keine Tore vom Torwart ins freie Tor sehen, sondern Zweikämpfe und schöne Kombinationen.« Martin Peschke, Trainer MSG Florstadt/Gettenau (Bezirksoberliga): »Der ESB schafft Transparenz, und ich bin ein Befürworter, wenn der ESB denn ausgereift ist. Leider gab es in der laufenden Saison Probleme. Die Zuverlässigkeit lässt zu wünschen übrig, oft fallen Laptops oder das Programm aus. Bezüglich der neuen Regeln halte ich die Regel beim Zeitspiel nicht für sinnvoll. Die abwehrende Mannschaft wird durch sechs weitere Pässe nicht belohnt. Drei Pässe hätten gereicht. Die Regel mit den letzten 30 Sekunden finde ich sehr passend, wobei die Regel nicht ausgereift ist. In einigen Ligen wurden schon Mittel angewendet, um einen Siebenmeter zu provozieren, um schnell wieder in Ballbesitz zu kommen.« Siggi Bläsche, Vorsitzender HSG Mörlen (Bezirksoberliga): »Vom ESB bin ich begeistert. Natürlich müssen die Zeitnehmer sich mit der neuen Technik anfreunden und auch bereit sein, aus Anfangsfehlern zu lernen. Aber es gibt kein Zurück mehr. Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Heimmannschaften in der Lage sind, den ESB live zu schalten. Dazu brauchen wir aber in der Zukunft auch die Unterstützung der Kommunen. Die Hallen müssen dringend mit freiem WLAN ausgestattet werden. Die neuen Regeln finden in der Bezirksoberliga kaum bis gar keine Anwendung. Weder blaue Karten noch einen massiver Einsatz des siebten Feldspielers konnte ich in der Vorrunde beobachten. Bisher haben die neuen Regeln unsere Spielklasse so gut wie nicht beeinflusst. Ein Hauptgrund ist sicher, dass die neu geschaffenen Möglichkeiten ein ausgiebiges Training erfordern. Dazu bleibt in unseren Klassen aber wenig Zeit.« Claus Well, Trainer HSG Münzenberg/Gambach (Bezirksoberliga): »Gerade wir sind durch den ESB deutlich in Nachteil geraten. Wir haben zwei Punkte gegen Mörlen verloren, die wir mit einem analogen Spielbericht niemals hätten verlieren können. Es klemmt noch auf allen Ebenen: Die Software hat sich als nicht sehr zuverlässig gezeigt, es gab zu wenige Schulungen, sodass nicht alle Funktionen des Programms bekannt sind. So hatten wir in fast allen Begegnungen, bis auf drei der Hinrunde, immer mindestens ein Problem mit dem ESB, egal ob zu Hause oder auswärts. Da muss der Verband auf jeden Fall gegensteuern, denn es werden für Vereine hier Probleme verursacht, die so hätten nicht sein müssen. Zu Beginn der Vorbereitung haben wir auch ein Spiel mit dem siebten Feldspieler ausprobiert, aber auch wir hatten damit eher Nachteile als Vorteile. In der Runde hat dies – bis auf Wetzlar und Pohlheim – kein Verein gespielt, und die beiden genannten Klubs hatten in unseren Begegnungen auch Nachteile. Unsere Torhüter konnten sich dagegen in die Torschützenliste eintragen. Ich halte diese Regel für nicht förderlich für den Handballsport und denke, dass diese Regel über kurz oder lang abgeschafft wird. Die Regel der letzten 30 Sekunden hat ja im Spiel Lumdatal gegen Friedberg dazu geführt, dass es einen Einspruch gab, der nun offiziell verhandelt wird, weil die Schiedsrichter eben nicht auf Siebenmeter in der letzten Sekunde entschieden hatten, obwohl ein Regelverstoß vorlag. Auch da herrscht auf allen Seiten Unsicherheit, da diese Fälle auch so oft nicht vorkommen.« Sven Tauber, Trainer TSV Södel (Bezirksoberliga): »Beim ESB war natürlich klar, dass es haken wird. Das Ergebnis, das am Ende nach dem Spiel herauskommt, gefällt mir sehr gut. Ich will es nicht mehr missen. Nachteile sind für mich, dass man fast eine Stunde vorher alles managen muss. Diese Zeit sollte in irgendeiner Form verkürzt werden. Von den neuen Regeln merkt man in der Bezirksoberliga kaum etwas. Wir selbst sind davon bisher noch nicht betroffen gewesen. Einzig in Wetzlar. Dort konnten wir drei Tore erzielen, als das Tor leer war. Zum Ende hin war diese Regel dann ein Vorteil, der dem TV Wetzlar geholfen hat, noch einen Punkt zu holen. Zeitspiel und blaue Karte sind bisher bei unseren Spielen kein Faktor gewesen.« Stefan Albus, Bezirksspielwart: »Der ESB funktioniert recht gut, vor allem während des Spiels. Hierzu gibt es auch positive Rückmeldungen. Die Probleme waren weitgehend Bedienungsfehler, beispielsweise Unachtsamkeiten beim Übertragen der Spielerlisten und dem damit verbundenen Laden der zentral hinterlegten Kaderlisten, fehlende Passwörter, ein Laptop ohne Stromversorgung. Hat ein Verein einen ESB-Beauftragten, der sich um die Sekretäre und das Laptop kümmert, dann gibt es kaum Probleme. Macht aber bei jedem Heimspiel ein anderer Sekretär erst seine Erfahrungen, dann sind die Fehler programmiert, vor allem wenn die Schulung bereits Monate zurückliegt. Informationen vom Verband an die Vereine kommen oft nicht bei den Verantwortlichen und den Sekretären an. Wie lässt es sich sonst erklären, dass manche Sekretäre nicht wissen, wie die Schiedsrichterkosten auf dem ESB einzutragen sind? Sicherlich gibt es am Programm selbst auch noch Verbesserungspotenzial, nicht alles ist selbsterklärend. Grundsätzlich sollte es möglich sein, den Zeitaufwand für die Eingaben des Sekretärs vor und nach dem Spiel auf jeweils maximal zehn Minuten zu reduzieren. Ich stehe dem ESB positiv gegenüber, als Spielwart und als ESB-Sekretär im eigenen Verein.«

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