Thomas Buß Zweiter bei "Deutschen"

Pusten, immer wieder pusten: Dass Luft durch einen Strohhalm blasen zu den wichtigsten Aufgaben eines Grasbahnrennfahrers gehören, erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich. Auf den zweiten nicht - denn genau den Durchblick benötigt der Friedberg-Fauerbacher Motorsportler Thomas Buß auf der meist dreckigen Rennstrecke:

Mit dem Pusten scrollt er er sein Bild auf dem Helm weiter und verschafft sich somit wieder freie Sicht, 18 zunächst saubere Bilder stehen zur Verfügung. "Bei manchen Strecken ist man ständig am pusten. Und wenn es nicht reicht, fährst du am Ende im Blindflug." Ob mit oder ohne Sicht, Buß fährt zumindest erfolgreich. Kürzlich sicherte er sich im Finale zur Deutschen Meisterschaft im norddeutschen Mulmshorn in der Klasse Nationale Lizenz Seitenwagen gemeinsam mit seinem Beifahrer Helmut Gärtner aus Klein-Krotzenburg den zweiten Rang.

Trotz der besten Platzierung bei den nationalen Titelkämpfen seit Beginn seiner Grasbahn-Karriere vor fünf Jahren war Buß nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis. "Es gab nur einen richtig griffigen Startplatz, und den hatte im Finallauf mein Hauptkonkurrent. Daher kam er besser weg, und im Verlaufe der vier Runden konnte ich ihn nicht mehr überholen", berichtet Buß. Nach zehn Rennläufen hatten sich die fünf punktbesten Fahrer für den finalen Lauf qualifiziert, bis zu diesem Zeitpunkt lagen die beiden Titelanwärter-Wagen mit Buß/Gärtner und Radtke/Labs aus Teterow punktgleich auf dem ersten Platz. "Die Norddeutschen hatten natürlich noch den Vorteil, die Bahn schon zu kennen", meint Buß, der erstmals auf dem Wümmering zwischen Bremen und Hamburg unterwegs war.

"Schneller als Motocross"

"Die Geschwindigkeit und die Action haben mich 2004 vom Motocross wegbewegt", erzählt Buß. "Ich bin einfach eher der Sprinter als der Langstreckler, meint der für den MSC Nidda und den MSC Klein-Krotzenburg startende Fahrer, der seit seinem zwölften Lebensjahr Motorsport betreibt. Beim Motocross werde teilweise "gefühlt stundenlang" gefahren, beim Bahnrennen sei es im Schnitt nach rund zwei Minuten vorbei. Buß fährt dabei auf unterschiedlichen Untergründen, dazu gehören Gras, Sand, Asche, Erde oder auch Torf. Die Bahnlängen variieren dabei zwischen 400 und 1000 Meter, gefahren wird immer linksherum und vier Runden pro Lauf.

Die Herausforderung bestehe nun darin, auf jedem Gelände das passende Setup für das Motorrad zu finden. "Jede Strecke ist vom Belag her etwas anders - zunächst der Belag an sich, und dann auch dessen Feuchtigkeitsgrad. Außerdem variiert der Scheitelpunkt der Kurve, so dass auch das Seitenwagenrad entsprechend steil eingestellt werden muss", erklärt Buß, der für diese Tätigkeiten immer mit seinem Team unterwegs ist. Zu diesem gehört insbesondere sein Nachbar Stefan Hohmann, Hansjörg Seipel von der Firma Oeltec aus Dorheim (stellt Schmierstoffe zur Verfügung) und Vater Walter Buß, der früher selbst Bahnrennen fuhr.

Sie sind als Mechaniker tätig und sorgen für die perfekte Einstellung der Maschine, die weitaus schneller und beschleunigungsstärker ist als Buß’ frühere Liebe, das Motocross. 500 Kubikzentimer Hubraum sorgen für maximal 13 000 Umdrehungen, in drei Sekunden beschleunigt die Maschine von 0 auf 100 km/h. "Da können es auf der Geraden schon mal 150 km/h werden", sagt Buß. Die Maschine ist zudem kaum gefedert und hat keine Bremsen.

Weiteres Handicap: Der Dreck des Vordermannes spritzt ständig auf das Visier, welches nach einer gewissen Zeit nicht mehr vollständig sauber zu bekommen ist. "Auf der Gerade kann man auch mal versetzt zum Vordermann fahren, aber spätestens in der Kurve geht das nicht mehr".

"Gute Portion Idealismus"

Freilich ist das Bahnrennen für den selbstständigen Buß, der einen Vertrieb für Verpflegungsautomaten in Fauerbach betreibt, "nur" ein Hobby - aber ein zeitintesives und kostspieliges. Von den gelegentlich erzielten meist dreistelligen Preisgeldern sowie der Unterstützung der Sponsoren können die Kosten für eine Saison von rund 25 000 bis 30 000 Euro bei weitem nicht gedeckt werden. "Da gehört schon eine gute Portion Idealismus dazu", sagt Buß, der zwischen 15 und 20 Wochenenden im Jahr unterwegs ist und dazu unter der Woche (fast) jede freie Minute zur Motorradpflege nutzt.

Freilich müsse auch die Familie mitspielen. Frau Vanessa und die fünfjährige Tochter Dana unterstützen Buß, wo sie nur können. "Sie kommen oft am Sonntag nach, während wir schon samstags hinfahren." Die Familie und eine kleine Fangemeinde gesellen sich dann unter die Zuschauer - teilweise, aber in dieser Höhe eher selten, bis zu 18 000 pro Renntag.

Nach dem gerade absolvierten Finale der Deutschen Meisterschaft steht nun für das Duo Buß/Gärtner wieder die Süddeutsche Bahnmeisterschaft im Vordergrund, bei der sie nach zwei Läufen in Führung liegen. Neun Läufe folgen noch, der erste davon an diesem Wochenende in Heringen an der hessisch-thüringischen Grenze. Auch dort wird Buß wieder pusten und pusten, um den Durchblick zu haben - weniger blasen muss er allerdings, wenn er an seiner Wunschposition fährt - nämlich auf Platz eins, ohne dreckspritzenden Vordermann. Michael Wiener

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