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Strauch: »Kämpfen und checken, bis der Arzt kommt«

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Die Begeisterung in der Wetterau ist geweckt - erst recht nach dem mitreißenden Derby-Erfolg gegen Frankfurt am vergangenen Sonntag. Für den Playoff-Start des Eishockey-Oberligisten EC Bad Nauheim am Freitag (19.30 Uhr) gegen den EHC Klostersee wurden alleine am ersten Vorverkaufstag mehr als 500 Tickets abgesetzt.

»Jetzt zählt nur das Hier und Jetzt. Wer nicht mitzieht, der sitzt auf der Bank«, sagt Frank Carnevale, der EC-Trainer, vor dem Auftakt der Best-of-Five-Serie gegen den Fünften der Oberliga Süd. Die zweite Partie findet am Sonntag (17.30 Uhr) in Grafing statt. Eine Entscheidung fällt frühestens am Dienstag in Bad Nauheim.

Der Klub und die Mannschaft aus der 13 000-Einwohner-Stadt Grafing im Landkreis Ebersberg (rund 30 Kilometer östlich von München) sind in der Wetterau weitgehend unbekannt. Matthias Bergmann, den die Roten Teufel im Januar gerne in ihren Kader aufgenommen hätten, ist ebenso wie sein schussgewaltiger Verteidiger-Kollege Andreas Paderhuber aus den Zeiten bei den Starbulls Rosenheim hierzulande ein Begriff, Schlüsselspieler wie Michael Dorr (mit 72 Punkten bester Scorer der Oberliga Süd) und dessen US-amerikanischer Landsmann Patrick Cullen absolvieren ihre Debüt-Saison in Deutschland.

In der letzten Saison hatte der EHCK die Playoffs verpasst (glatte 0:3-Niederlage in der Süd-Ausscheidung gegen Füssen), hatte sich aber als Überraschungsmannschaft im Jahr zuvor mit Erfolgen gegen Dortmund und Bad Tölz bis ins Finale gekämpft, wo die Mannschaft schließlich dem SC Riessersee unterlegen war. Spieler wie Max Kaltenhauser, Valentin Scharpf oder auch Kapitän Gert Acker bilden noch heute das Gerüst im Kader von Doug Irwin, der die Grafinger als Coach ins Finale geführt hatte.

Die erste Runde im Deutschen Eishockey-Pokal hat den im Jahr 1957 gegründeten EHC Klostersee - benannt nach der Natureisfläche, die bis 1970 als Heimspielstätte gedient hatte - und den EC Bad Nauheim zusammengeführt. »Beide Mannschaften haben sich seitdem verändert und weiter entwickelt. Das hat jetzt keinerlei Bedeutung«, sagt RT-Trainer Frank Carnevale, dessen Mannschaft mit einem 4:2-Erfolg nach Hause gefahren war.

In den Reihen der Roten Teufel vereint Patrick Strauch die Qualitäten, die jetzt über ein Weiterkommen oder das Saison-Aus entscheiden. Routine, Scoring-Potenzial und Leidenschaft. »Er ist mein Krieger«, sagt Carnevale über den 32-jährigen Angreifer, der vom Zweitligisten Dresden nach Bad Nauheim gekommen war. »Er ist einer der Spieler, die man lieber in den eigenen Reihen hat.« Zweimal ist Strauch bereits von der dritten in die zweite Bundesliga aufgestiegen. Wie der gebürtige Kölner die aktuelle Situation bei den Roten Teufeln einschätzt, hat er bei einem Besuch in der WZ-Sportredaktion erzählt.

Patrick Strauch, die Roten Teufel haben im Laufe der Saison alle Facetten des Sports kennengelernt. Die Mannschaft hat Führungen verspielt, Rückstände ausgeglichen, auswärts enge Spiele nach Penaltyschießen gewonnen, ebenso aber zu Hause sportlich Prügel bezogen. Ist der erste Dreier im zehnten Derby am letzten Sonntag nun so etwas das positive i-Tüpfelchen vor dem Playoff-Beginn?

Patrick Strauch: Wir wollten diesen Heimvorteil unbedingt. Gerade in Bad Nauheim hat man doch im Vorjahr gesehen, welche Rolle das spielen kann. Das Wochenende mit den beiden Frankfurt-Spielen hatte bereits Playoff-Charakter, und ich bin froh, dass wir vor dem Viertelfinalbeginn noch mal richtig auf dem Prüfstand waren. Zu Hause zu spielen, hat nur Vorteile. Im eigenen Stadion macht’s uns als Spielern mehr Spaß, den Zuschauern auch, und zudem ist das natürlich auch finanziell wichtig. Außerdem glaube ich, dass kein Gegner gerne in Bad Nauheim antritt. Das Team hat am Sonntag eine Top-Leistung gezeigt, allen voran Thomas Ower, den ich für den besten Torwart der Liga halte. Wir nehmen viel Positives mit aus diesem Spiel.

Wie ist die Steigerung gegenüber der enttäuschenden Partie nur 48 Stunden zuvor in Frankfurt zu erklären?

Strauch: Das war einfach nicht unser Tag. Natürlich wollten wir uns anders präsentieren und Platz eins vorzeitig klarmachen. Wann hat man denn schon mal auswärts 1000 eigene Fans im Rücken? Der frühe Rückstand, die Spieldauer-Disziplinarstrafe – alles hat Frankfurt in die Karten gespielt. Zudem hatten wir kein Scheibenglück bei Rebounds und Abprallern. Das haben wir uns am Sonntag zurückerkämpft.

Sie zählen zu den Routiniers im Kader. Was können Sie Ihren Teamkollegen aus Ihren Playoff-Erfahrungen für die kommenden Tage mitgeben?

Strauch: Jetzt geht’s erst richtig los. Playoffs sind die schönste Zeit des Jahres. In den kommenden Wochen muss jeder bereit sein, sein Ego hinten anzustellen und alles dem Erfolg unterzuordnen, damit wir diese Zeit möglichst lange genießen und am Ende auch verdientermaßen feiern können. Nur als Mannschaft können wir erfolgreich sein. Die Playoffs gewinnt kein Thomas Ower, kein Chris Stanley und auch kein anderer alleine. Das Wichtigste ist der Kopf. Wir haben einen hoffentlich noch langen Weg vor uns und müssen die Spannung hochhalten, ohne die erforderliche Lockerheit zu verlieren; von Spiel zu Spiel, von Training zu Training.

Und wir müssen von Verletzungen verschont bleiben.

Sie haben mit Essen und Landsberg Meisterschaften gefeiert und sind in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Lassen sich Charaktere, Qualität und Geist in der Kabine mit jenen Mannschaften vergleichen?

Strauch: In Essen hatten wir damals ein Top-Team, das zusammengestellt war, um den Titel zu gewinnen. Da kann man keine Parallelen ziehen. Der Vergleich zu Landsberg passt da besser. Da hatten wir starke Persönlichkeiten im Kader, die den Weg aufgezeigt haben. Letztlich ist es aber doch egal, in welcher Sportart und in welcher Liga man sich befindet. Als Profi-Sportler tritt man an, um zu gewinnen. Der Titel ist unser Traum, das Größte. Auf dieses Ziel arbeiten wir seit dem Sommer hin.

Spüren Sie teamintern Veränderungen?

Strauch: Ja, die Vorfreude, eine gewisse Anspannung im Training ist spürbar. Entscheidend ist, die richtige Mischung aus Konzentration und Lockerheit zu finden, und da komme ich wieder auf die Bedeutung eines klaren Kopfes zurück. Wir müssen von Wechsel zu Wechsel denken. Die Kunst ist es, die Balance zu finden. Egal, ob Sieg oder Niederlage: Das nächste Spiel beginnt bei Null. Das hat man gerade am letzten Wochenende gesehen.

Welchen Faktoren rechnen Sie darüber hinaus besondere Bedeutung bei?

Strauch: Der Torhüter-Position beispielsweise. Ich bin froh, dass ein Thomas Ower bei uns spielt. Das ist ein großes Plus. Das Über- und Unterzahl-Spiel wird eine Rolle spielen und natürlich die Tagesform, ganz klar. Wichtig ist, dass wir in unser Spiel finden, dass wir Rückhalt spüren, wenn’s auch nicht gleich rund läuft. Wir müssen die Kleinigkeiten richtig machen.

Im Pokal konnten Sie einen ersten Eindruck von Grafing gewinnen; auch wenn dies inzwischen ein halbes Jahr zurückliegt.

Strauch: Eine dunkle Halle, kleine Kabinen. Darauf muss man sich erst einstellen. Im Kader stehen viele Einheimische. Die werden rennen, checken und kämpfen, bis der Arzt kommt. Ich denke, gerade in Grafing wird es schwer. Aber: Wir sind jetzt unter den letzten Acht - da gibt es keine leichten Gegner mehr.

Bereiten Sie sich auch individuell auf den Gegner vor, oder überlassen Sie diese Aufgabe einzig dem Trainer?

Strauch: Natürlich schaut man schon mal auf den Kader, wen man kennt, und macht sich seine Gedanken, was einen da so erwarten kann. Ansonsten vertraue ich Frank Carnevale. Er wird uns einstellen.

Welche Bedeutung kann denn die Trainer-Position in solch einer Serie bekommen?

Strauch: Wir haben mit Frank Carnevale einen sehr guten und cleveren Trainer und einen tollen Motivator, der gerade auch die jungen Spieler fördert. Wer hätte denn zu Saisonbeginn gedacht, dass sich beispielsweise Tim May und Sven Schlicht so positiv entwickeln? Er hat ihnen das Vertrauen geschenkt, und sie zahlen das mit Leistung zurück. Ja, der Trainer kann eine entscheidende Rolle spielen.

Nach dem Rücktritt von Andreas Ortwein war der sportliche Weg der Roten Teufel von zahlreichen Gerüchten um die Zukunft begleitet worden. Bislang konnten keine konkreten Zusagen für die Saison 2013/14 gemacht werden. Die Mannschaft zeigt sich aber scheinbar unbeeindruckt.

Strauch: Ja, oft werden im Januar Gespräche und Verhandlungen geführt. Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, uns damit zu beschäftigen. Natürlich haben wir die Unruhe mitbekommen, aber wir müssen uns gerade jetzt auf den Sport konzentrieren.

Der Oberliga-Meister gerät zum Spielball der Funktionäre. Der Verband will den Aufstieg in die 2. Bundesliga nicht zulassen.

Strauch: Sommertheater haben wir in jedem Jahr, das wird wohl auch diesmal nicht ausbleiben. Deshalb wird aber doch keiner weniger für den Erfolg tun. Unsere Aufgabe ist es, sportlich den Aufstieg zu realisieren. Alles andere liegt nicht in unserer Hand, das müssen andere klären. Den Verantwortlichen sollte aber bewusst sein, dass in der Konstellation der aktuellen Saison keinem geholfen ist. Die ambitionierten Klubs haben davon ebenso wenig wie die kleineren Vereine.

Das macht weder den Spielern noch den Fans Spaß. Und am Ende leidet der Sport. Die Zuschauer - erst recht der Gelegenheitsfan - wendet sich ab. Dann haben auch Frankfurt und Kassel keine vollen Hallen mehr.

Ist mit dieser Langeweile auch der Durchhänger zu erklären, den die Mannschaft nach der Zwischenrunden-Niederlage in Frankfurt hatte?

Strauch: Kein Spieler, keine Mannschaft kann acht Monate auf höchstem Level spielen. Sicherlich ist’s Ende Januar, Anfang Februar bei uns nicht rund gelaufen. Im Kader gab’s Veränderungen, dazu kamen die Niederlagen in den Derbys. Zudem hatten wir dennoch die Gewissheit, eine Platzierung unter den Top Vier. Lieber ein Tief im Januar, Februar als im März, April. Ich denke, wir haben uns gut dort rausgekämpft und das auch schon in der Endrunde gezeigt. Auch in der Halle gewinnt man nicht einfach mal so mit 4:1.

Sie sind Anfang Februar Vater geworden. Nehmen sie die Geburt Ihres Sohnes als Ablenkung oder Antrieb wahr?

Strauch: Das beflügelt enorm. Vor der Geburt war ich mit dem Kopf woanders, da hat auch meine Leistung nicht gestimmt. Jetzt ziehe ich daraus eine wahnsinnige Motivation.

In den Vor-Playoffs der Süd-Vereine haben nur zwei von vier Klubs den Heimvorteil genutzt. Peiting und Regensburg sind ausgeschieden. Können Heimvorteil und mögliche Prämien für ein Weiterkommen auch zur Belastung werden?

Strauch: Ich sehe im Heimvorteil grundsätzlich das Positive. Wir haben hoffentlich die Unterstützung der Zuschauer, uns steckt nicht die Busfahrt in den Knochen. Ich denke, zu Hause sind wir nur schwer zu schlagen.

Sie hatten in den vergangenen Jahren für Dresden in der 2. Bundesliga gespielt. Wie fällt Ihr Vergleich zur Oberliga und den Roten Teufeln aus?

Strauch: Sportlich sind das Welten. In der 2. Bundesliga musst Du 48 Spiele lang Vollgas geben und darfst Dir keine Auszeiten erlauben. Zudem spielen dort fünf statt zwei Ausländern. Das ist schon ein Unterschied. In Dresden hatten wir zudem Top-Rahmenbedingungen, was beispielsweise Kraft- und Trockentraining angeht. Dennoch: Bad Nauheim ist in meinen Augen zweitligatauglich und hat dort ja auch in der Vergangenheit gespielt. Und mit punktuellen Verstärkungen können wir auch sportlich mitspielen.

Das Interview führte Michael Nickolaus

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