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Seit Jahren die Stimme des Handballs in der ARD: der Ober-Mörler Florian Naß, der auch bei der gerade zu Ende gegangenen Weltmeisterschaft im Einsatz war. (Foto: imago)

Handball-WM

Die Stimme des Handballs: Wetterauer Florian Naß bei der Handball-WM im Einsatz

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Er sieht die Stars ganz nah und ist die Stimme des Handballs. Der Ober-Mörlen Florian Naß kommentiert als TV-Journalist die großen Sportereignisse der Welt , wie etwa die Handball-WM.

Florian Naß hat bereits zwei große Titel mit der deutschen Handball-Nationalmannschaft erlebt: das Wintermärchen 2007 mit dem Gewinn der Heim-WM und den überraschenden Triumph der "Bad Boys" bei den Europameisterschaften 2016. Auch wenn es in diesem Jahr nicht für den Titel gereicht hat, war Naß wieder an der Seite der deutschen Handballer. Grund genug, den 50-Jährigen nach seiner Rückkehr in seine Heimat Ober-Mörlen um ein Interview zu bitten – ein Gespräch über den Handballsport, Emotionen und Objektivität als Fernsehjournalist und die große Chance für Amateurvereine, aus der WM Kapital zu schlagen.

Olympia, Fußball-WM, Tour de France sowie Handball-Europa- und -Weltmeisterschaften. Sie waren bereits bei unzähligen großen Sportereignissen im Einsatz. Wo steht in Ihrem persönlichen Ranking die Handball-WM 2019 und was war bisher Ihr absolutes Karrierehighlight?

Florian Naß: Es ist schwer, dort ein Ranking vorzunehmen, denn ich investiere in alle Übertragungen sehr viel Arbeit. Daher muss ich das unabhängig vom Ausgang sehen. Letztlich ist es für mich eine große Anerkennung, von den größten Sportereignissen der Welt berichten zu dürfen. Aber als Handballer waren für mich die WM 2007, die EM 2016 und das gerade beendete Turnier natürlich herausragende Erlebnisse.

Handball hat inzwischen das Potenzial zum Massenphänomen und ist eine echte TV-Sportart geworden

Florian Naß

Als 26-Jähriger haben Sie 1993 das entscheidende Spiel um die deutsche Meisterschaft zwischen der SG Wallau/Massenheim und dem VfL Gummersbach als erstes Live-Spiel kommentiert. Was hat sich seither an der Atmosphäre beim Handball verändert?

Naß: Man kann die Übertragung eines Bundesligaspiels nicht mit einer WM vergleichen. Aber ich erinnere mich, dass ich damals tagelang vor diesem Spiel nicht schlafen konnte – vor Aufregung! Das ist heute natürlich anders. Das Spiel selbst hat sich enorm verändert. Es ist schneller und dynamischer geworden und damit auch noch erlebbarer für den Zuschauer. Das gilt speziell für Menschen, die sonst nie zum Handball gehen. Handball hat inzwischen das Potenzial zum Massenphänomen und ist eine echte TV-Sportart geworden.

Von einem Reporter erwartet man, dass er Unparteilichkeit und Coolness an den Tag legt. Wie viele Emotionen sind dennoch bei Ihnen, als leidenschaftlicher Handballer, bei Spielen mit dabei und wie gehen Sie damit um?

Naß: Emotion und Objektivität sind ja kein Widerspruch. Es ist für mich die Grundlage meiner Arbeit. Der Zuschauer darf durchaus spüren, dass ich mich über einen Erfolg der deutschen Mannschaft freue. Warum auch nicht? Aber es geht um die Anerkennung aller Beteiligten: der Spieler und auch der Schiedsrichter. Es geht um Erklärungen für Zuschauer, die gerade bei einer WM erstmals Handball schauen. Die emotionale Kommentierung ist dabei für mich kein Stilmittel, bei dem ich mich verbiege. Sie gehört zu mir und meiner Leidenschaft für meinen Beruf.

Auch wenn der große Wurf nicht gelungen ist: In den vergangenen zwei Wochen wurde ein Funke für den Handball entfacht. Wie kann der "Verein um die Ecke" daraus langfristig profitieren und vor allem den Nachwuchs für die Sportart begeistern, um wieder mehr Zulauf zu haben?

Naß: Die Vereine müssen ihre Türen öffnen. Und zwar ganz banal: Auf den Internetseiten der Vereine muss jetzt die Einladung für alle interessierten Kinder stehen: Kommt zu uns, das sind unsere Trainingszeiten. Anfänger willkommen. Und der Handball muss dringend wieder im Schulsport eine Heimat finden. Dabei können die Vereine auch übrigens helfen und unterstützen.

Die deutsche Bundesliga muss sich der Verantwortung für den Nachwuchs bewusst sein

Florian Naß

Nach dem Halbfinale hat jeder vom Norweger Sander Sagosen gesprochen. Sie kennen sich in der deutschen Handballszene bestens aus und verfolgen auch die nachrückende Jugend: Haben wir Talente, die in der Lage sind, in den kommenden Jahren eine ähnliche Rolle einzunehmen?

Naß: Wir haben auch in den kommenden Jahren reichlich Talente, die nachrücken werden. Aber die Nachwuchsförderung im deutschen Handball setzt aus meiner Sicht mehr auf das Kollektiv, als auf die Suche nach dem Superstar. Junge deutsche Spieler haben zudem eine große Hürde zu nehmen, denn sie müssen auf dem Weg in die Bundesliga den Konkurrenzkampf mit gut ausgebildeten ausländischen Spielern, speziell aus Skandinavien, aufnehmen. Diese haben im Alter von 19 oder 20 Jahren bereits Erstligaerfahrung in ihrer Heimat gesammelt. Die Bundesliga muss sich dieser Verantwortung für den Nachwuchs bewusst sein.

Info

Familie Naß - Ein Leben für den Handball

Florian Naß wurde in Frankfurt geboren, wohnt aber seit einiger Zeit in Ober-Mörlen. Dort hatte er auch sportlich seine letzte Heimat: Er war zuletzt Handballer bei der HSG Mörlen, nachdem er zuvor höherklassig gespielt hatte – ebenso wie sein Bruder Klemens, der beim TV 05/07 Hüttenberg aktiv war. Auch seine Frau Dorthe Wiedenhöft-Naß war jahrelang aktive Handballerin: Sie hat rund 500 Bundesligaspiele für den TV Lützellinden und den TV Mainzlar absolviert und war an vier deutschen Meisterschaften, vier Pokalsiegen und einem Gewinn des Europapokals der Landesmeisterinnen beteiligt. Ihr gemeinsamer Sohn Henrik spielt aktuell in Hüttenberg in der A-Jugend-Bundesligamannschaft und wurde bereits in die Hessenauswahl berufen, ihre Tochter Marieke ist bei der HSG Dutenhofen/Münchholzhausen in der Landesliga Frauen aktiv.

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