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Steven Müller von der LG ovag Friedberg-Fauerbach fährt trotz einer bislang eher durchwachsenen Saison als einziger deutscher Einzelstarter in einer Sprintdisziplin zu den Olympischen Spielen nach Tokio.

Olympische Spiele in Tokio

Steven Müller fährt als dritter Athlet mit Wetterauer Bezug zu den Olympischen Spielen

  • Philipp Keßler
    VonPhilipp Keßler
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Es ist wohl einer der größten Träume jeden Sportlers: die Teilnahme an den Olympischen- Spielen. Für Sprinter Steven Müller von der LG ovag Friedberg-Fauerbach wird er nun in Erfüllung gehen.

Ganz glauben konnte Steven Müller es auch am Tag danach noch nicht. »Ich bin mehr oder weniger ausgerastet«, ließ sich der 200-Meter-Sprinter der LG ovag Friedberg-Fauerbach in einer Pressemitteilung des Vereins zitieren. Das Kuriose: Sein Leverkusener Sprinter-Kollege Aleixo Platini Menga war der Überbringer der Botschaft. »Er hat mich angerufen, als ich gerade auf dem Weg zum Training war und hat gesagt: ›Glückwunsch zu Tokio, Junge!‹ Ich dachte nur: ›Hä, wie Tokio?‹ Ich hatte von der gerade veröffentlichten Nominierungsliste noch gar nichts gewusst.« Müller ist damit nach dem Butzbacher Marc Weber (Rudern) und Kai Schäfer vom SV Fun-Ball Dortelweil (Badminton) der dritte Olympionik mit Bezug zur Wetterau.

Steven Müller qualifiziert sich über die Weltrangliste für die Olympischen Spiele

Für Müller wird damit einer der größten Träume eines jeden Sportlers wahr: einmal bei Olympischen Spielen an den Start gehen. Sein Trainer Otmar Velte, der Müller seit seinen sportlichen Anfängen im Alter von 21 Jahren bis jetzt, also knapp zehn Jahre, begleitet, setzt den Fokus bei aller Freude aber direkt nach vorn. »Klar, wir haben uns im Training kurz gefreut, aber nicht so überschwänglich wie damals bei EM oder WM, weil dafür das Jahr bislang noch nicht so gelaufen ist, wie wir uns da vorgestellt haben. Jetzt geht es nur darum, die Zeit zu nutzen, um die Saison doch noch gut zu Ende zu bekommen.«

Denn: Steven Müller hatte die vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) geforderte (und sehr ambitionierte) Norm von 20,24 Sekunden klar verfehlt. Auch für alle anderen deutschen Sprinter war diese Hürde zu groß. Doch es gibt einen zweiten Weg, sich für Olympischen Spiele zu qualifizieren: die Weltrangliste. Hier hatte Müller durch seine herausragende Saison 2019 einen Platz, den er bis zum Ende verteidigen konnte. So wurde er vom DOSB am Samstag als einer von insgesamt 90 Leichtathleten für die Spiele in der japanischen Hauptstadt nominiert. Der Startschuss über die 200 Meter in Tokio fällt für Steven Müller am 3. August um 11 Uhr Ortszeit.

Steven Müllers Trainer Otmar Velte setzt Fokus auf internationale Erfahrung

Aber danach ist keinesfalls Schluss: »Die Saison mit durch den frühen Termin der Olympischen Spiele sicher nicht mit diesen Rennen zu Ende gehen«, sagt Velte. »Wo die Wettkämpfe sein werden, bei denen er danach antritt, hängt nun davon ab, wie er sich in Tokio präsentiert. Für Steven ist Olympia eine Bühne, aber vor allem wieder eine internationale Erfahrung.«

Für den 30-Jährigen ist die Olympia-Nominierung ein weiterer unglaublicher Erfolg. Seit 2018 hat er keine internationale Meisterschaft verpasst: die Europameisterschaften in Berlin, die WM in Doha, die Team-EM in Polen und die Staffel-WM, ebenfalls in Polen, in diesem Jahr. Und trotzdem wird Olympia für den 30-Jährigen, der erst mit 21 mit der Leichtathletik anfing, »erst« sein fünfter Einsatz bei einem internationalen Großereignis. »Für die zehn Jahre, in denen er dabei ist, hat er alles erreicht. Jetzt geht es darum, weiter internationale Erfahrungen zu machen und über Olympia hinaus in einem Zeitraum der nächsten zwei oder drei Jahre international noch einmal richtig anzugreifen«, sagt sein Trainer. Das Besondere: Müller ist - wie bei der WM 2019 - der einzige deutsche Sprinter in einer Einzeldisziplin, die Bundesrepublik wird sonst nur bei der 4x-100-Meter-Staffel vertreten sein.

Steven Müllers Zeiten stimmen bislang in dieser Saison aber noch nicht

Für Müller selbst hätte der Vorlauf auf die wegen der Coronavirus-Pandemie verschobenen Olympischen Spiele allerdings besser sein können. Bei den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig wurde er zwar Vizemeister und gewann im Mai über die nicht olympische 4x200-Meter-Distanz bei den World Relays, doch die gelaufenen Zeiten halten sich bei einer Saisonbestmarke von 20,75 Sekunden (Weinheim) bislang noch in Grenzen. Aktuell laboriert er zudem noch an einer Rumpfverletzung. »Man muss klar sagen, dass er nur dabei ist, weil er 2019 so ein gutes Jahr hatte«, weiß auch Velte, der in den vergangenen Woche intensive Gespräche mit seinem Schützling geführt hat, nachdem er gemerkt habe, dass ihm die Balance zwischen dem intensiven Training und der aber nötigen Lockerheit für die Wettkämpfe - eigentlich seine Stärke - abhandengekommen ist. »Statt jedes Rennen als Geschenk anzunehmen, war jeder Lauf wie eine Verpflichtung für ihn, schnell zu rennen. Dabei geht es darum, den Moment zu genießen, ohne an die Folgen zu denken. Das ist genau das, woran wir jetzt arbeiten«, sagt Velte. Erste Fortschritte seien aber bereits erkennbar und die vergangenen zwei Jahre an gemeinsamen Training »sind ja nicht weg«. Der Coach ist sich daher sicher: »Steven ist in dieser Zeit deutlich leistungsfähiger geworden.«

Und auch Müller weiß, wem er diesen kometenhaften Aufstieg vom Nobody zum Olympia-Teilnehmer zu verdanken hat: »Ohne Otmar hätte ich das nicht gepackt, wäre ich nie so weit gekommen.« Nun ist das nächste gemeinsame Ziel erreicht, doch die Arbeit geht weiter. Die hängt jedoch auch davon ab, wie der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) plant: Ginge es nach Müller, würde er am liebsten in Deutschland weiter trainieren, sich im Trainingslager mit Velte den letzten Schliff holen und dann nur für ein paar Tage rund um sein(e) Rennen nach Tokio reisen. Eine Alternative wäre, sich den letzten Kick für die Form »auf dem Weg« nach Tokio zu holen. Sollte auch das nicht klappen und Müller müsste schon früher ins Land der aufgehenden Sonne reisen, würde er wie schon bei den vergangenen Großereignissen im Ausland ohne seinen Coach auskommen müssen. Denn Velte gehört nicht zum DLV-Trainer-Team und wird deshalb auch nicht vom Verband eingeladen. »Das ist nach wie vor eine Regelung, die ich nicht nachvollziehen kann«, sagt Velte. »Aber ich will Steven nicht aufbürden, mir eine Japan-Reise zu bezahlen, auch wenn er mir das angeboten hat.«

Und etwas Gutes könnte dieser Umstand laut Velte auch für Müller haben: »Vielleicht ist es diese Emanzipation vom Trainer, die wir in den vergangenen Jahren schon praktiziert haben, auch gut für ihn - er alleine gegen die Welt.«

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