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Gute Laune beim Kaffee im "Pane e Vino" am Aliceplatz in Bad Nauheim: Dag Heydecker (links) und WZ-Sportredakteur Michael Nickolaus.

Spitzenfunktionär

Der Steinfurther Dag Heydecker hat seinen Traumjob im Profi-Sport

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Der Steinfurther Dag Heydecker ist im Profi-Sport zu Hause. Der Wetterauer hat zehn Jahre Erstliga-Eishockey und weitere zehn Jahre Profi-Fußball aus nächster Nähe miterlebt. Nun macht er eine Pause - und verfolgt die Diskussion um den EC Bad Nauheim und die neue Arena interessiert mit. 

Dag Heydecker ist im Profi-Sport zu Hause. Zehn Jahre lang Erstliga-Eishockey, zehn Jahre Fußball-Bundesliga - Meistertitel, internationaler Wettbewerb. Der Steinfurther hat sich jetzt eine Auszeit genommen. Bei einem Besuch in der Heimat spricht der Marketing-Experte über die Dominanz des Fußballs, die Nischen von Eishockey und Handball sowie die Chancen, die eine Multifunktionsarena in Bad Nauheim bietet.

Herr Heydecker, Sie haben bis Jahresende zwei Jahrzehnte lang ununterbrochen im Profi-Geschäft gearbeitet. Jetzt, nach vier Monaten Pause: Juckt’s nicht schon wieder? Fehlt da nicht irgendetwas?

Dag Heydecker:Nein. Ich genieße die Auszeit. Ich wollte ursprünglich nach zehn schönen Jahren in Mainz eine Pause machen, reflektieren. Im Leben gibt es schließlich noch andere Dinge als Fußball und Eishockey. Dann kam das Angebot vom SV Sandhausen. Ich kannte den Verein, weil ich lange in Walldorf, quasi in der Nachbarschaft, gelebt habe. Der erneute Umzug hatte auch einen familiären Hintergrund, und ich bin voller Energie an die Aufgabe. Im Nachhinein - und da ist man immer schlauer - war’s ein Fehler. Es hat einfach nicht gepasst.

Fußball-Bundesliga, Deutsche Eishockey-Liga, europäische Spiele, nationale Titel mit den Mannheimer Adlern - das klingt nach einem Traumjob. Wie können Sie bei permanenten Druck- und Stresssituationen abschalten?

Heydecker:Wenn man in der Bundesliga arbeiten kann oder in der DEL, ist das in erster Linie natürlich ein Traumjob. Dass ich ein Typ bin, der 24 Stunden am Tag versucht, sich mit seiner Arbeit auseinanderzusetzen, führt dazu, dass man irgendwann mal die Akkus aufladen muss. Man verliert schon relativ viel Energie, und eine gewisse Distanz schafft schon einen anderen Blick auf die Dinge. Manches sehe ich jetzt etwas differenzierter, aber das ist normal.

Dag Heydecker ist 58 Jahre alt. Der Steinfurther war bis 1993 Redakteur dieser Zeitung, leitete anschließend ein Eishockey-Fachmagazin und kam 1998 als Verantwortlicher für Marketing und Medien zu den Adlern Mannheim. Von 2000 bis 2005 begleitete Heydecker parallel zur Arbeit beim Klub der Deutschen Eishockey-Liga noch als Geschäftsführer die Anfänge des später so steilen Aufstiegs des Fußball-Bundesligisten 1899 Hoffenheim und war von 2003 an für den Vertrieb und das Marketing der SAP-Arena in Mannheim (eröffnet 2005) verantwortlich. Von 2008 an verantwortete der Familienvater als Geschäftsführer das Marketing beim 1. FSV Mainz 05. Von April bis Dezember 2018 war Heydecker für den SV Sandhausen tätig.

Sie haben zwei Sportarten in allen Facetten kennengelernt. Woher rührt diese Strahlkraft des Fußballs?

Heydecker:Ich finde es schade, dass der Profi-Fußball inzwischen eine solche erdrückende Dominanz hat. Ich kann mich noch an Amateur-Duelle im Kreis Friedberg mit vierstelligen Zuschauerzahlen erinnern. Heute ist man über dreistellige Zahlen froh. Der Profi-Fußball ist eben ein mediales Großereignis geworden.

Welche Chancen haben andere Sportarten? Wie kann Eishockey von Silbermedaillengewinn bei den Olympischen Spielen oder der Handball von einer Heim-WM profitieren?

Heydecker:Olympia-Silber der Eishockey-Nationalmannschaft ist ja vergleichbar mit der College-Mannschaft der USA, die 1980 Gold geholt hat. Eine der größten Sensationen aller Zeiten. Mit der Silbermedaille, in meinen Augen ebenfalls ein Wunder, lässt sich eine Sportart sicherlich über einen gewissen Zeitraum pushen. Aber die DEL-Finalspiele zwischen Mannheim und München fanden weder in der ARD noch im ZDF Beachtung. Das verstehe ich nicht. Handball wurde zuletzt in meinen Augen ein bisschen glorifiziert, weil die WM im eigenen Land ausgetragen worden ist. Sportlich war das nicht das, was man sich eigentlich erhofft hatte. Der Fußball ist dominant, auch wegen den einfachen Regeln und einem sehr guten Marketing-Konzept. Mitunter ist mir das ein bisschen zu viel an Perfektionismus.

Nennen Sie uns ein Beispiel!

Heydecker:Im März 2016 hatten wir mit Mainz 05 das Heimspiel gegen den FC Bayern. Nach zehn Minuten stand es 1:1. Das Stadion war mit 34.000 Zuschauern lange ausverkauft, doch zu diesem Zeitpunkt waren noch keine 20000 Zuschauer im Stadion, weil es rund um die Arena Unfälle und entsprechend Staus gegeben hatte. Früher hätte man den Anstoß eine halbe Stunde verschoben. Hier wurde argumentiert, dass das Spiel in 180 Ländern live übertragen wird und pünktlich angepfiffen werden muss. Das meine ich damit, das Fernsehen diktiert selbst in einer solchen Ausnahmesituation den Spielplan und hier die Anstoßzeit.

Welche Möglichkeiten haben Handball oder Eishockey?

Heydecker:Ich schaue viel Eishockey und Handball und denke, König Fußball kann auch von diesen tollen Sportarten lernen. In beiden Sportarten haben Regeländerungen die Attraktivität und das Tempo deutlich erhöht. Auffällig ist der faire Umgang untereinander und mit den Schiedsrichtern. In den ersten beiden Fußball-Ligen wird den Unparteiischen noch zu wenig Respekt entgegengebracht. Im deutschen Fußball wird jeder Pfiff kritisiert und diskutiert, mich stört das. Man muss nur mal in die englische Premier League schauen. Da wird kaum gemeckert. Oder haben Sie mal beim Eishockey oder Handball erlebt, dass die Spieler permanent hinter den Schiedsrichtern hinterherlaufen und reklamieren?!

Im Fußball wie im Eishockey wurde der Videobeweis eingeführt. Warum funktioniert die Umsetzung im Eishockey, während beim Fußball noch mehr als ohnehin schon diskutiert wird?

Heydecker:Der Eishockey-Sport setzt das sehr gut um. Da geht’s um die banale Frage: Ist’s ein Tor oder nicht? Was vorher passiert, wird nicht geprüft. Das ist eine klare Haltung. Beim Fußball halte ich es mit Christian Streich vom SC Freiburg. Der sagte: ›Vielleicht gibt’s nun mehr Gerechtigkeit, aber früher war es schöner.‹ Heute jubelt ein Spieler nach einem Tor doch gar nicht richtig, sondern schaut sich erst mal um, ob vielleicht ein Foul oder Abseits diskutiert werden könnte. Meiner Meinung nach sollte der Videobeweis nur bei krassen Fehlentscheidungen angewendet werden. Und bei Handspielen muss ohnehin ganz dringend eine neue klare Linie herbei.

Vor allem im Fußball geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Welche Perspektive haben kleine Klubs wie Mainz, Augsburg oder eben Freiburg? Lassen sich Fans und Werbepartner mit Abstiegskampf und Mittelmaß auf Dauer bei Laune halten?

Heydecker:Na ja, das Wort Mittelmaß ist relativ. Der FSV Mainz 05 hat zweimal an der Europa-League teilgenommen, auch für Augsburg oder Freiburg ist das alle paar Jahre das Highlight. Klubs wie diese müssen sich auf ein gutes Scouting und auf eine überragende Nachwuchsarbeit konzentrieren. Und das ist an diesen Standorten auch gegeben. Die besten Spieler wird man marktgerecht verkaufen müssen. Vereine wie Freiburg, Bremen, Mainz folgen dabei einer klaren Philosophie und tauschen nicht ständig Führungspersonal aus. Am Ende sind die Erfolgsaussichten umso geringer, je höher die Fluktuation.

Die Top-Klubs beschäftigen sich immer wieder mit einer europäischen Super-Liga. Wird der Sport da nicht aus wirtschaftlichen Zwecken überdreht?

Heydecker:Ich glaube, dass eine solche Liga kommen wird. Wenn Juventus Turin oder der FC Bayern München zum x-ten Mal in Folge nationale Meister werden, ist das eben unspektakulär. Da wünscht man sich Konstellationen wie in der Premier League, in der es Spitz auf Knopf zugeht. Vielleicht ist eine Super-Liga in zehn Jahren so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr darüber reden.

Sie waren kürzlich in Liverpool. Wie haben Sie dort den Fußball und Jürgen Klopp erlebt, den Sie aus Ihrer Zeit in Mainz kennen?

Heydecker:Eine pulsierende Stadt, die Beatles und natürlich die Reds sind dort Lebenselixier. Nach dem unfassbaren 4:0 gegen Barcelona ist Kloppo dort ein Fußball-Gott. Er kann es einfach, er begeistert und motiviert, seine Ausstrahlung ist einmalig. Ich habe am Dienstag bei jedem Tor laut gejubelt. Das war eine Sternstunde des Fußballs; ebenso wie das Eintracht-Spiel bei Chelsea.

In Mannheim und Mainz haben Sie jeweils den Umzug in ein modernes Stadion begleitet. Welche Chancen bietet eine neue Spielstätte, gerade mit dem Blick auf die Diskussion, die in Bad Nauheim bezüglich einer Multifunktionshalle geführt wird?

Heydecker:Mit dem heutigen Eisstadion hat Bad Nauheim im Profi-Sport auf Dauer keine Überlebenschance. Früher sagte man, beim Eishockey muss man frieren. Das mag mal charmant gewesen sein. Doch die Zeiten haben sich geändert. Je mehr neue, geschlossene Stadien gebaut werden, desto größer wird die Sehnsucht danach, ebenfalls eine solche Arena zu bekommen. Der EC leistet - aus der Distanz betrachtet - eine sehr gute Arbeit. Ohne ein modernes Stadien wird’s nicht möglich sein, dieses Level zu halten.

Sie sind in die Organisation des Event-Games eingebunden. Könnten Sie sich vorstellen, auch darüber hinaus, beim EC Bad Nauheim tätig zu werden?

Heydecker:Man soll ja niemals nie sagen. Wenn ich in Bad Nauheim bin, werde ich oft auf den EC angesprochen. Ich unterstütze die Roten Teufel gerne im Rahmen meiner Möglichkeiten. Alles andere muss man sehen. Ich will nun meine Zeit nutzen, um Dinge zu tun, die mir Spaß machen. Momentan kommt jedenfalls keine Langeweile auf.

Welche Aufgabe könnte Sie grundsätzlich reizen?

Heydecker:Eine Aufgabe muss mich begeistern können, vorzugsweise im Sport. Ich hatte das Glück, überwiegend positive Jahre in einem Team mit motivierten Mitarbeitern verbracht zu haben. Ich möchte in einer Gruppe arbeiten, die Dinge umsetzen möchte, will eine Perspektive erkennen können. Vieles erfordert Geduld. Da darf man sich nicht von Spiel zu Spiel abhängig machen.

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