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Publikumsmagnet Eintracht Frankfurt: Wenn im Stadtwald der Ball rollt, schauen die Amateurvereine in die Röhre - oder stehen selbst in der Fankurve.

Von wegen

Das steckt wirklich hinter dem Mitgliederboom im Amateurfußball

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Dem Amateurfußball wird ein schleichender Tod prognostiziert. Die aktuellsten Zahlen zeigen aber einen deutlichen Mitlgieder-Zuwachs in den hessischen Fußballvereinen. Das hat einen kuriosen Grund.

Es ist eine bemerkenswerte Zahl. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der Mitglieder in den hessischen Fußballvereinen um 13 418 angestiegen. Dabei wird überall über den Rückgang von Mannschaften geklagt, überall werden Spielgemeinschaften gebildet, um überhaupt den Spielbetrieb sicher zu stellen - auch im Fußballkreis Friedberg.

Insgesamt sind in Hessen zum Jahreswechsel 527 494 Fußballer in den 2133 Vereinen gezählt worden. Das macht im Schnitt rund 250 Mitglieder pro Verein. Geht es dem Amateurfußball also doch prächtig, oder ist alles nur ein trügerischer Schein? Die Wahrheit liegt im heimischen Fußballkreis in der Mitte - und rund 35 Kilometer weiter südlich.

Friedberger Fußball steht gut da

Im Vergleich steht der heimische Fußball noch ganz gut da. Als einer von nur drei Kreisen verzeichnete der Friedberger Fußball einen zugegebenermaßen minimalen Zuwachs, 93 Mitglieder sind es nun mehr. Mit der SKG Albanischer Verein Wetterau Friedberg ist ein neuer Verein dazugekommen und Inter Reichelsheim hat nach einjähriger Abstinenz wieder eine Männermannschaft gemeldet. Mit der Jugendmannschaft Kickers Horlofftal hat sich auch im Nachwuchs etwas getan. Andererseits wurde zu dieser Saison das Norweger-Modell in der C-Liga eingeführt, um die Zahl der Spielabsagen wegen zu weniger Spieler einzudämmen. Direkt am ersten Spieltag fand die neue Regel Anwendung.

Der Trend in der Wetterau zeigt insgesamt trotzdem nach unten. "Wir spüren überall, dass es immer weniger Fußballer gibt", sagt Kreisfußballwart Thorsten Bastian. Die Zahl der tatsächlich aktiven Kicker im Friedberger Fußballkreis dürfte angesichts der berühmten "Karteileichen" deutlich unter den 26 543 Mitgliedern liegen. Wer nicht mehr gegen den Ball tritt, tritt oft dennoch nicht aus dem Verein aus. Der Name bleibt in der Statistik.

Entwicklung bei A-Jugend macht Sorgen

Vor allem die Entwicklung bei den A-Jugendlichen macht Bastian Sorgen. Von den 13 Teams in der Kreisliga, von denen mehr als die Hälfte aus einer Spielgemeinschaft gebildet werden, würden erfahrungsgemäß einige während der Saison zurückziehen. "Wie sollen wir so die Männermannschaften auffüllen? Da wird es künftig große Löcher geben", sagt Bastian.

Und wie passt das nun mit dem deutlichen Mitgliederzuwachs zwischen den Neujahrstagen 2018 und 2019 zusammen? Die bemerkenswerte Steigerung der Mitgliederzahlen hat ihren Ursprung in Frankfurt. Innerhalb eines Jahres ist dort die Mitgliederzahl um 17 106 gestiegen - obwohl kein Verein dazu kam. In Friedberger Beritt gibt es im Vergleich zu Frankfurt 17 Vereine mehr, aber nun 56 123 Mitglieder weniger.

Eintracht Frankfurt hübscht Statistik auf

Verantwortlich ist eine Erfolgsgeschichte, die mit einem Pokalsieg vor einem Jahr begann und dann (fast) Europa eroberte. Denn auch Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt zählt natürlich als hessischer Fußballverein und hübscht die Statistik ordentlich auf. Wer als Fan seine Vereinsverbundenheit demonstrieren will oder mehr Chancen auf Tickets für die Spiele im Stadtwald haben will, wird Mitglied.

Im Mai teilte die Eintracht mit, dass seit Januar 2018 die Mitgliederzahl um 25 000 Menschen gewachsen ist. Von wegen, im hessischen Fußball gibt es einen kleinen Boom. Diesen gibt es ausschließlich bei einem Verein. Zieht man die neuen Eintrachtler ab, steht hessenweit ein fettes Minus.

Lieber Eintracht Frankfurt statt Sportplatz

Was die nackten Mitgliederzahlen logischerweise auch nicht verraten, ist die Häufigkeit von Spielabsagen, weil im Frankfurter Stadtwald der Bundesliga-Ball rollt. "Natürlich fährt der ein oder andere sonntags lieber zur Eintracht", sagt Bastian. Auch an der Seitenlinie wird schnell deutlich, wann sich die Bundesliga-Übertragungen mit den Spielen des lokalen Fußballes überschneidet. Der Leidtragende auf allen Ebenen ist der Amateurfußball. Da helfen auch keine Statistiken, die dem heimischen Fußball eine tolle Welt vorgaukeln.

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