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Ein selten gewordenes Bild: Weil die Sportwelt in Zeiten der Coronavirus-Krise stillsteht, gehen auch immer weniger Athleten in die Physiotherapiepraxen. FOTOS: DPA/PM

"Sportler kommen fast keine mehr"

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Kein Sport heißt auch: keine Verletzungen. Doch was ist mit denen, die sich vor der Coronavirus-Krise verletzten, vielleicht sogar schwer? Physiotherapie-praxen sind weiterhin geöffnet, nur hat sich das Terminbuch bereits erheblich geleert.

Treibe Sport oder bleibe gesund. Den Spruch hat jeder schon einmal gehört, der mit einer Verletzung von Training oder Spiel nach Hause kam. Jene, die es härter erwischt hat, landen zwangsläufig im Laufe ihrer Reha in einer Physiotherapiepraxis, vielleicht sogar in Nieder-Wöllstadt bei Robert Boller.

Doch in Zeiten der Coronavirus-Krise gestaltet sich ein effizientes Aufbauprogramm schwierig. Das bekommen Boller und seine Kollegen gerade deutlich zu spüren. Bei ihm geben sich normalerweise Fußball-Regionalliga-Profis aus Gießen, Leichtathleten aus Friedberg-Fauerbach und Assenheim oder auch Amateur-Volleyballer die Klinke in die Hand. "Sportler kommen momentan fast keine mehr", sagt Boller, was angesichts der ausgesetzten Spiel- und Trainingsbetriebe nicht überrascht. "Insgesamt sind bis zu 40 Prozent unserer Termine in den vergangenen Wochen durch die Patienten abgesagt worden", sagt der 64-Jährige.

In der Praxis wird normalerweise das Reha-Training angeleitet und der Fortschritt beobachtet, "die Sportler bekommen je nach Stand der Behandlung auch Hausaufgaben mit", sagt Boller, der über zwei Jahrzehnte die deutsche Leichtathletik-Nationalmannschaft betreute. Nur sei es natürlich schwieriger, den Prozess zu unterstützen, wenn man aus Furcht vor einer Infektion nicht in die Praxis komme, sagt Boller. Doch die meisten hätten zu viel Angst, sich doch mit dem Coronavirus zu infizieren, und blieben deshalb lieber zu Hause. Oder sie bekommen, wie im Fall der Fußballer des FC Gießen, individuelle Trainingspläne vom Arbeitgeber. Das ist angesichts der aktuellen Lage auch keine Überraschung.

Manche wiederum dächten, so schreibt es der Spitzenverband der Heilmittelverbände, zu denen die Physiotherapeuten gehören, in einer Mitteilung, die Praxen seien aufgrund des Kontaktverbots geschlossen. Physiotherapie gehört aber zum systemrelevanten Kern der Gesundheitsversorgung, das Gegenteil ist also der Fall.

Boller und sein Team hätten zudem alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen. "Wir sind in der glücklichen Lage, keine Kabinen, sondern Behandlungsräume zur Verfügung zu haben. Gerade die Dauerpatienten können so ohne weiteren Aufenthalt in der Praxis behandelt werden", sagt Boller, und fügt lachend an: "Desinfektionsmittel haben wir auch noch genug." Auch Hausbesuche bietet er, insbesondere bei Dauerpatienten, weiter an: "Ich kann die Leute doch nicht im Stich lassen."

Und letztlich geht es auch um seine eigene Praxis und seine Mitarbeiter. Diese sei momentan zwar nicht existenzgefährdet, allerdings hat der Spitzenverband der Heilmittelverbände Alarm geschlagen. Müssten Praxen schließen, wäre auch die Versorgung in Zukunft nicht mehr gewährleistet, heißt es.

Und so schließt sich der paradoxe Kreis. Solange der Sport stillsteht, gibt es keine Sportverletzungen. Denn, wie jeder weiß: Treibe Sport oder bleibe gesund.

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