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Positiv - und dann?

Wie Sportler in die Belastung zurückkehren sollten

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Wie sollten sich Leistungs- und Hobbysportler während und nach einer Corona-Infektion verhalten? Welche Risiken lauern bei zu früher und zu hoher Belastung? Sportwissenschaftler Krüger erklärt.

Für »hochgradig relevant« hält Prof. Dr. Karsten Krüger eine sportmedizinische Untersuchung nach überstandener Corona-Infektion - »das gilt für den Leistungssportler letztlich genauso wie für den ambitionierten Hobbysportler. Andernfalls gehe ich bewusst Risiken ein.«

Der Leiter der Abteilung für Leistungsphsyiologie und Sporttherapie an der JLU Gießen erklärt im Gespräch mit dieser Zeitung, warum die Gefahr beim Coronavirus oft unbemerkt schlummert.

Herr Prof. Dr. Krüger, haben Sie als Sportwissenschaftler im letzten halben Jahr häufiger Rückmeldungen von coronaerkrankten Sportlern bekommen, dass diese danach nicht mehr ihre vorherige Leistungsfähigkeit erreicht haben?

Ich habe Einzelfälle bei Sportlern erlebt, die nach einer ausgestandenen Covid-19 Infektion über längere Zeit Schwierigkeiten mit den Atemwegen hatten. Diese Fälle sollten klinisch und auch wissenschaftlich verfolgt werden, damit wir hier ein repräsentatives Bild erhalten.

Eine Faustregel gemäß dem Positionspapier »return to sports« des Deutschen Sportärztebundes lautet: Wer bei einer Corona-Infektion Symptome verspürt, sollte zwischen zwei und vier Wochen keinen Sport ausüben. Sollten auch coronainfizierte Sportler ohne jegliche Symptome für mindestens zwei Wochen mit dem Sport pausieren?

Ja - das Virus kann sensible Organe angreifen, ohne dass wir es merken. Bei der Lunge spürt man Beeinträchtigungen häufig. Sensibel wird es beim Herz. Das Herz erkrankt stumm, man merkt das nicht direkt. Viruserkrankungen, die nicht komplett ausgeheilt werden, können das Herz angreifen. Dieses Risiko besteht auch, wenn man keine klassischen Symptome zeigt. Wir können das beispielsweise von der Influenza herleiten. Bei Covid-19 kommt hinzu, dass potenzielle Langzeitfolgen unbekannt sind. Niemand sollte dieses Virus auf die leichte Schulter nehmen - erst recht nicht Leistungssportler, für die der Körper das Kapital ist.

Welches Risiko besteht konkret, wenn ich mit einem Virus im Körper Sport treibe?

Wer den infektiösen Körper hohen Belastungen aussetzt, riskiert, dass sich das Virus in tiefere Regionen ausbreitet - das kann bis zur Herzmuskelentzündung führen, die für den Leistungssportler das Karriereende bedeuten bzw. sogar lebensgefährlich sein kann. Wer symptomatisch an Covid-19 erkrankt ist und Leistungssport betreibt, sollte sich nach der Erkrankung definitiv einer sportmedizinischen Leistungsuntersuchung unterziehen. Das gilt auch für ambitionierte Hobbysportler.

Wird die Relevanz einer solchen Untersuchung in der Bevölkerung unterschätzt?

Klar ist: Ich halte das für hochgradig relevant. Der Leistungssportler geht körperlich an seine Grenzen und muss wissen, wie sein System unter hoher Belastung funktioniert. Er hat den Vorteil, dass er häufig ohnehin medizinisch betreut wird. Der Breitensportler geht mit einer Sporttauglichkeits-Untersuchung auf Nummer sicher. Das größte Risiko, unbemerkt eine Erkrankung zu verschleppen, liegt meiner Ansicht nach bei ambitionierten Sportlern, die nicht in ein Leistungs-Umfeld eingebettet sind, also keine regelmäßige professionelle Betreuung erfahren.

Weshalb ist das so?

Der klassische Gruppen- oder Verbandsligafußballer, die Landesliga-Handballerin oder der Oberliga-Basketballer üben in der Regel drei- bis viermal in der Woche intensiv Sport aus, bekommen aber keine Hinweise und sind für sich selbst verantwortlich. Auch in der jetzigen wettkampffreien Phase treiben sie ja Sport, zumindest sollten sie das, um ihren Bewegungsapparat in Form zu halten. Sie müssen ihre eigene Sensibilität stärken.

Was bedeutet das genau?

Das bedeutet: Nach überstandener Covid-19 Infektion ist mindestens ein Ruhe-EKG und eine körperliche Untersuchung ratsam, nach schweren oder langen Verläufen eine sportmedizinische Untersuchung mit Belastungs-EKG notwendig. Hart formuliert: Jeder, der das nicht macht, riskiert, unentdeckte Schäden zu verschleppen. Im schlimmsten Fall kann das zu solch dramatischen Szenen führen, wie wir sie gelegentlich auf Sportplätzen erleben: Dass jemand plötzlich zusammenbricht und im schlimmsten Fall sogar aufgrund einer Herzerkrankung ums Leben kommt.

An wen wende ich mich als Breitensportler, um die sportmedizinische Untersuchung durchzuführen?

Man sucht nach einem Sportmediziner in seinem Landkreis. Oft ist solch ein Check mittlerweile sogar kassenfinanziert. Ein sportmedizinisches Untersuchungszentrum wie das von Pascal Bauer am Uniklinikum bietet beispielsweise genau die Qualifikation, die notwendig ist.

Viele Menschen werden sich davor scheuen.

Ich wiederhole: Eine solche Untersuchung ist nicht nur für Leistungs-, sondern auch für Gesundheitssportler sinnvoll. Ab einem Alter von 40 Jahren sollte man diesen Check ohnehin in regelmäßigen Abständen durchführen. Ein Anruf beim Sportmediziner vor Ort mit Schilderung der überstandenen Corona-Infektion reicht im Grunde schon aus.

Wie läuft dieser Test ab?

Da gibt es feste Abläufe: Nach einem Ruhe-EKG folgt das Belastungs-EKG auf einem Fahrrad-Ergometer, in der Regel bis zur völligen Erschöpfung. Bei Menschen mit Vorerkrankungen wird zudem der Blutdruck gemessen, eine Laktatdiagnostik kann als Zusatz von interessierten Sportler/innen genutzt werden. Die Kosten schwanken, beginnend bei 60 bis 80 Euro, und sind je nach Equipment stark ausbaufähig.

Welche Erkenntnisse zieht man aus dem Ruhe- und Belastungs-EKG?

Aus einem Belastungs-EKG kann die Versorgung und Pumpfunktion des Herzens abgelesen, Herzrhythmusstörungen erkannt werden. Wenn keine Einschränkungen festgestellt werden, kann die Person guten Gewissens Sport treiben. Werden Spuren entdeckt, die auf Schäden hinweisen, sollte man abwarten und sich sportlich betrachtet Ruhe gönnen. Werden Schäden an Lunge oder Herz festgestellt, müssen diese weiter verfolgt werden. Man muss prüfen, inwieweit sie reparabel sind.

Wenn dieser Test, gerade nach einer Infektion mit dem Coronavirus, medizinisch betrachtet ratsam ist - weshalb nutzen ihn dann verhältnismäßig wenige Menschen?

Da greift das Präventionsparadoxum: Solange ich nichts merke, wird es mir schon gut gehen, mich wird es schon nicht erwischen. Dabei können Schäden durch Covid-19 unbemerkt entstehen.

Was raten Sie aus sportmedizinischer Sicht im Generellen während dieser Pandemie und des neuerlichen Lockdowns?

Regelmäßiges Sporttreiben, wenn man gesund ist, schützt nicht vor einer Infektion, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, einen milden Verlauf zu haben. Trotz der Beschränkungen sollten die Menschen körperlich aktiv bleiben. Ein aktiver Lebensstil bietet gewissermaßen Schutz vor Erkrankungen wie Übergewicht, Diabetes oder Bluthochdruck, die wiederum einen schweren Verlauf fördern. Regelmäßiger Sport verbessert die Funktion und Effektivität des Immunsystems. Das ist im Übrigen einer der Hauptgründe, weshalb Menschen über 80 Jahre besonders gefährdet sind: Die Immunfunktion altert mit und lässt nach. Die antivirale Funktion des Immunsystems lässt sich durch viel Bewegung länger aufrechterhalten.

Inwiefern können Sie schon auf belastbare Daten zugreifen, die Sporttreiben und die Auswirkungen von Covid-19 in Verbindung setzen?

Diese Daten liegen uns noch nicht vor. Bisher ziehen wir die meisten Schlussfolgerungen aus dem Umgang mit anderen Viruserkrankungen. Ich gehe davon aus, dass wir Ende 2021 erste belastbare Daten dazu haben werden. Für tiefgreifendere Erkenntnisse, welche Auswirkungen Covid-19 tatsächlich auf die Leistungsfähigkeit hat, müssen wir mit Virologen zusammenarbeiten. Die Forschung legt den Schwerpunkt momentan durchaus verständlich auf andere Themen wie die Impfung. Wir im Institut für Sportwissenschaft stellen uns derzeit unter anderem die Frage: Werden kranke Menschen durch die Pandemie noch kränker, weil sie sich weniger sportlich betätigen? Wir haben da unsere Sorgen. Die Pandemie wird uns noch lange beschäftigen.

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