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Sportkreis-Vorsitzender Wulf: "Wenn wir nicht Flagge zeigen, wer dann?!"

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Die Coronavirus-Pandemie betrifft den gesamten organisierten Sport: kein Training, kein Wettkampf, keine Sitzung. Doch die Vereine sollen sich nicht allein gelassen fühlen. Dafür kämpft auch der Sportkreis Wetterau um den Vorsitzenden Jörg K. Wulf.

Auch den Sportkreis Wetterau hat es erwischt: Aufgrund der Coronavirus-Pandemie ist die Geschäftsstelle in Echzell für Publikumsverkehr bis auf Weiteres geschlossen, die drei Mitarbeiterinnen befinden sich ebenso wie der Vorsitzende Jörg K. Wulf im Homeoffice - nur der Briefkasten wird alle zwei Tage geleert und das Band vom Telefon abgehört. Im Interview spricht der Karbener Wulf über die Herausforderungen der Krise für den organisierten Sport, die Chancen für Vereine und wie es ist, als 75-Jähriger selbst zur Risikogruppe zu gehören.

Herr Wulf, der Coronavirus-Krise sind auch bei Sportkreis Veranstaltungen zum Opfer gefallen, allen voran der Hessentag. Wie gehen Sie damit um?

Der Hessentag wäre in der Tat das Thema schlechthin in den nächsten Wochen gewesen. Wir haben den beteiligten Vereinen zwischendurch schon mitgeteilt gehabt, dass wir mit einer Absage rechnen. Das Programm stand zu gut 90 Prozent, die Tage waren mit Angeboten gefüllt. Da bleibt mir nur jetzt um Verständnis zu werben und mich für den bisherigen Einsatz zu danken. Es ist traurig für die Vereine, aber auch für uns als Sportkreis und den Landessportbund (lsbh, Anm. d. Red.), weil fast alle vorbereitet war. Immerhin finanziell ist die Absage kein Problem, weil bislang kaum Kosten entstanden sind. Die Absage war noch rechtzeitig.

Gleichzeitig standen im Sportkreis aber auch weitere Veranstaltungen wie Fortbildungen oder der Sportkreistag auf der Tagesordnung…

Im Gefolge der politischen Entscheidungen haben wir alles, was in unserem Jahres-Flyer bis Mai angekündigt war, abgesagt - auch solche Veranstaltungen, die nur in unseren Räumlichkeiten hätten stattfinden sollen. Das gilt auch für den Sportkreistag. Allerdings waren alle Posten sowieso für drei Jahre bis 2021 gewählt und auch die Tatsache, dass der Rechenschaftsbericht nicht vorgelegt wurde, ist von der Satzung her kein Problem. Es geht also normal weiter. Ich muss nur mit den Juristen des lsbh klären, ob der Sportkreistag nachgeholt werden muss oder wir auf den regulären Termin 2021 ausweichen.

Wie ist die Lage in Ihrem Tagesgeschäft?

Unsere drei Mitarbeiterinnen sind im Homeoffice. Hier haben wir auch von technischer Seite eine gute Lösung gefunden. Wir sind also weiterhin einsatzfähig, es bleibt nichts liegen - und wir sind froh, keine Kurzarbeit zu brauchen.

Wie erleben Sie diesen "neuen" Arbeitsalltag?

Es ist nicht mehr ganz so hektisch wie sonst, weil wir keine Seminare vor- und nachzubereiten bzw. selbst durchzuführen haben. Dennoch haben wir gut zu tun, vor allem mit den vorbereiteten Anträgen für Investitionen, die wir nun abarbeiten und an lsbh und Ministerium weiterleiten. Wir müssen nur schauen, wie die Vereine ihre Bewilligungsbescheide bekommen - zur Not müssen wir das eben postalisch machen.

Wie nehmen Sie das Krisenmanagement von lbsh und Politik in Richtung Sport wahr?

Grundsätzlich gut. Die Maßnahmen zur Kurzarbeit oder für Klein- und Solounternehmen lassen sich beispielsweise auch in Vereinen einbinden, auch einen Gewinnausfall durch eingeplante Kursgebühren bei gleichzeitig weiterlaufenden Kosten anzumelden, ist möglich, auch wenn dies natürlich vor allem größere Vereine mit einem kommerziellen Angebot betrifft. Die Vereine sollten sich bloß nicht scheuen, einen Antrag zu stellen. Es hilft, diese schwierige Zeit etwas abzufedern. Ob das bislang Beschlossene allerdings für alle reicht, daran habe ich erhebliche Zweifel.

Wie sollte sich der organisierte Sport innerhalb der Gesellschaft verhalten?

Der Sport ist die größte Personengesellschaft - wenn wir nicht Flagge zeigen, wer dann?! Daher hat mich das Engagement, das viele Vereine seit Anfang an zeigen, nicht sonderlich überrascht. Es wäre eher schön, von Vereinen zu hören, die sonst sehr auf ihren Sport an sich fixiert sind. Das zeigt mir, es gibt eine große Gemeinschaft, die zusammensteht und in der Lage, der Gesellschaft als Ganzes etwas Gutes zu tun. Das gilt es auch publik zu machen.

Könnte die Krise auch eine Chance zur Veränderung sein?

Es wäre wünschenswert, wenn Verantwortliche in der aktuelle Lage erkennen, dass es auch anders geht - zum Beispiel mithilfe der Digitalisierung. Große Vereine machen es schon lange vor, dass Sitzungen auch über Internet stattfinden oder Protokolle auch digital herausgegeben werden können, statt dass jeder persönlich unterschreibt. Seine IT-Infrastruktur auszubauen verringert den Aufwand der Ehrenamtlichen und erhöht die Chancen, auch Jüngere für die Vorstandsarbeit zu gewinnen. Ich kann verstehen, dass gerade viele Ältere damit ein Problem haben, aber vielleicht merken sie es jetzt, wenn es nicht anders geht, dass das auch eine Chance ist.

Was sind aus Ihrer Sicht weitere Zukunftsthemen?

Natürlich wird es nach der Krise erst einmal darum gehen, die Situation nachzubearbeiten, etwa in finanzieller Sicht. Ich denke, die Krise zeigt, dass unsere Gesellschaft - und damit auch der Sport - insgesamt auf gläsernen Füßen steht. Das liegt daran, dass wir eine Anspruchsgesellschaft sind, die nicht auf eine Krise vorbereitet war. Wie kann man es sonst erklären, dass Geschäfte schon nach wenigen Wochen insolvent sind oder die Schutzbekleidung in Krankenhäusern nur ein paar Tage reicht? Ich denke, hier muss ein Umdenkprozess angestoßen werden - auch in den Sportvereinen und -verbänden. Es braucht Polster. Doch das wird nicht einfach werden, denn jeder gibt gerne Geld aus, wenn es erst da ist.

Wie gehen Sie persönlich mit der Situation um?

Ich bin zwar von 100 nicht auf null heruntergefahren, aber auf zehn. Ich habe kaum noch menschliche Kontakte, der Kalender ist sehr dünn - egal, ob das die Gremien, in denen ich sitze, betrifft oder den Karbener SV als meinen Sportverein. Da ich mit 75 Jahren selbst zur Risikogruppe gehöre, gehe ich außer zum Einkaufen nur noch zum Spazierengehen mit meiner Frau raus. Was sehr erstaunlich für mich ist: Auch das geht. Mein Rat an alle lautet daher: Seid vorsichtig, geht euch aus dem Weg und besorgt euch eine Maske, die ihr richtig benutzt. Es kommen auch wieder andere Zeiten.

Wann rechnen Sie mit der Rückkehr zur Normalität - im Sport aber auch ganz allgemein?

Das ist natürlich eine ganz schwierige Frage, über die ich nur spekulieren kann. Ganz persönlich gehe ich davon aus, dass wir Anfang Mai beginnen werden, in mehreren Stufen wieder auf Normalbetrieb hochzufahren. Bis alles wieder normal ist, wird es aber August oder September sein. Das wäre mein Wunsch. Und natürlich wünsche ich mir auch, dass unsere Vereine es schaffen, bis dahin ihre Mitglieder zu binden - etwa mit Online-Angeboten. Denn man kann trotz allem schon Sport treiben, was auch mental sehr wichtig ist. Immerhin dürfen wir das noch draußen - nicht so wie die Leute in Paris. Denn das sind dann Situationen, in denen die Zustimmung zu den Maßnahmen der Regierung bröckeln kann - und das wäre sehr gefährlich.

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