IMG_20210125_164642_BURS_4c
+
Thomas Sommer sitzt mit dem HSG-Vorsitzenden Martin Schindler (r.) in einer offenen Grillhütte am Bingenheimer Sportplatz. Das Gespräch mit WZ-Mitarbeiter Peter Hett (nicht im Bild) findet wegen Corona im Freien statt.

Handball

Sommer bringt Sonne

  • vonPeter Hett
    schließen

Oft hält stellt das Leben die Menschen vor große Hindernisse. Sich davon nicht entmutigen zu lassen, ist eine Fähigkeit - andere gar zu motivieren eine Kunst. Thomas Sommer macht es vor.

Für Thomas Sommer gab es eine große Überraschung, als er am 9. Januar seinen Briefkasten leerte. Er, der 36-jährige Handball-Enthusiast aus Reichelsheim-Heuchelheim, hatte Post vom Deutschen Handball Bund erhalten. Im Rahmen der Ehrenamtskampagne des Verbands war er für sein Engagement bei der HSG Gedern/Nidda geehrt worden, was mit der erhaltenen Urkunde dokumentiert ist. Für einen Menschen wie ihn, der vom Leben nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst wurde und seinem Umfeld trotz seiner Behinderung mit unglaublicher Lebensfreude als Motivator dient, ist es eine hochverdiente Auszeichnung. Gemeinsam mit seinem Mentor Rolf Winter, durch den er auch den Weg zum Handball fand, unterstützt er die HSG Gedern/Nidda seit Jahren in vielfältiger Art und Weise.

Dabei zeigt sich die HSG als Verein, der nicht nur über Inklusion nachdenkt und darüber spricht, sondern sie auch lebt. »Neben Thomas haben wir noch weitere Menschen mit Behinderung, die wir in unsere Abläufe einbinden«, erklärt Martin Schindler, der Vorsitzende. Gemeinsam mit seiner Spielerin Leonie Nowak, die mittlerweile in Halle-Neustadt in der Bundesliga spielt, hatte er Sommer dem DHB zur Ehrung vorgeschlagen. Dass dies zu Recht erfolgte, beweist ein Blick auf einige der vielen Aktivitäten mit denen der Mittdreißiger die HSG unterstützt. Bei Heimspielen der in der 3. Liga spielenden Frauenmannschaft übernimmt er den Aufbau von Tribüne und Werbeflächen, verteilt Trommeln und Klatschpappen, kümmert sich um die Versorgung von Schiedsrichtern und Gastmannschaften, hilft mit beim Aufbau der Lounge (Zelt) vor der Halle, fungiert als Wischer und ist Ansprechpartner in jedweder Form.

Sommer und Winter: Ziemlich beste Freunde

Nach dem Spiel beim Aufräumen und beim Abbau ist er auch dabei. Daneben besticht er durch großes Fachwissen. »An jedem Heimspielwochenende ist Thomas gemeinsam mit Rolf vom ersten Spiel am Samstag bis zum letzten Spiel am Sonntag an Zuverlässigkeit kaum zu überbieten«, verdeutlicht Schindler. Der mittlerweile 79-jährige Rolf Winter lebt als Nachbar in Sommers Heimatort Heuchelheim, kennt ihn seit er auf der Welt ist und ist weit mehr als sein Ziehvater. »Wir sind totale Freunde«, bekennt er.

Mit einer angeborenen Lese- und Rechtschreibschwäche fand Thomas Sommer früh den Weg zum Nachbarn. Seine Eltern waren mit einem Getränkehandel vollauf ausgelastet. Mit Beginn der Schulzeit in der Helmut-von-Bracken-Schule in Friedberg, einer Sonderschule für Lernbehinderte, intensivierte sich der Kontakt der beiden. Neun Jahre lang unterstützte Winter den Nachbarsjungen bei Hausaufgaben. Auch als sich Thomas Sommer als Kleinkind, bedingt durch eine Glasknochenkrankheit, beim Spielen einen Oberschenkelhalsbruch zuzog, war er zur Stelle.

Nach dem Ende der Schulzeit und einem Berufsvorbereitungsjahr begann Sommer eine Lehre als Raumausstatter, die vom Wetteraukreis mitfinanziert wurde. Nach Einstellung dieser Unterstützung fand sich der junge Mann in einer drei Jahre andauernden Phase der Arbeitssuche wieder. »Über das Arbeitsamt eine neue Stelle zu finden, war nicht möglich. Mir wurde stattdessen gesagt, ich solle zur Rentenstelle gehen und das mit Anfang 20«, berichtet Sommer. Da erinnerte er sich an einen Artikel der »Wetterauer Zeitung«, die über eine offene Stelle als Schreiner bei der Lebensgemeinschaft Bingenheim berichtete. Er bewarb sich und arbeitet jetzt seit 2003 dort. Mit Fahrrad oder Roller fuhr er täglich die fünf Kilometer lange Strecke zur Arbeit. Bei einer dieser Fahrten wurde er von einem Auto angefahren und erlitt dabei einen Lendenwirbelbruch. 2009 fand er innerhalb der Lebenshilfe in Bingenheim eine Wohnung. Er zog hin und lebt dort seither in einer Zweier-Wohngemeinschaft.

Weitere Schicksalsschläge ließen leider nicht auf sich warten. Bei einem Sturz erlitt er 2010 einen weiteren Bruch des Oberschenkels. Die Folge war die Verkürzung eines Beins um 10 Zentimeter. Im November 2014 starb dann zunächst seine Mutter und nur wenige Monate später sein Vater.

Zu dieser Zeit trat ein neuer Wegbegleiter in sein Leben. Tim Neumann wurde zu seinem Alltagsbetreuer berufen. Er begleitet ihn seither in seinem Alltag, wenn ihm u. a. Texte zu schwierig werden oder ihm das Verständnis dazu fehlt. Er hilft ihm, Anträge zu stellen, seine Finanzen zu regeln und im Haushalt zurechtzukommen. Tim Neumann ist es auch, der die wohl stimmigste Formulierung liefert, wenn es darum geht Thomas Sommer treffend zu charakterisieren: »Wenn der Sommer kommt, scheint die Sonne«, verrät er lachend.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare