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So kämpft sich ein Wetterauer nach seiner Covid-19-Erkrankung zurück auf die Laufstrecke

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Will nach seiner Covid-19-Erkrankung wieder an alte Zeiten anknüpfen: Klaus Scheer wie hier beim Ironman Germany 2019 in Frankfurt am Main. © pv

Klaus Scheer aus Bruchenbrücken hat schon bei vielen Extremrennen mitgemacht. 2021 ist er an Covid-19 erkrankt, lag auf der Intensivstation. Die Folgen machen ihm bis heute zu schaffen.

Zahlreiche Marathons, Triathlons und der Baikal Ice Marathon: Wirft man einen Blick auf Klaus Scheers Laufvita, wird schnell klar: Dieser Mann liebt es sich zu bewegen. Und er liebt es, dabei an seine körperlichen Grenzen zu gehen. So wie 2018, als der Friedberger beim Extrem-Event in Russland bei minus 40 Grad Celsius über den gefrorenen Baikalsee lief. Auch wenn das Rennen wetterbedingt abgebrochen worden war, war es für Scheer, der in einer Bank arbeitet, ein unbeschreibliches Erlebnis.

Im März 2021 ist der Bruchenbrücker an Covid-19 erkrankt und musste auf der Intensivstation behandelt werden. Sein Zustand war sehr kritisch, er kämpfte um sein Leben. Es gelang ihm, nach vielen Tagen wieder zu genesen. Die körperlichen sowie mentalen Belastungen waren für den 52-Jährigen jedoch extrem. Bis heute hat er beim Sport mit den Auswirkungen der Krankheit zu kämpfen. Im Interview spricht Scheer über die Pandemie, seinen aktuellen Fitnesszustand und über seinen Extremsport, den er so liebt.

Sie sind im März 2021 an Covid-19 erkrankt und mussten auf die Intensivstation verlegt werden. Wie lange lagen Sie dort, und wie sah Ihr Gesundheitszustand aus?

Im Krankenhaus war ich drei bis vier Wochen. Auf der Intensivstation insgesamt gut zwei Wochen. Mir ging es sehr, sehr schlecht. Es war bereits mehr als fünf vor zwölf. Bevor ich ins Krankenhaus kam, hatte ich Erstickungsanfälle und konnte nicht mehr sitzen oder liegen. Daher habe ich dann auch den Notarzt gerufen. Auf der Intensivstation habe ich die Höchstdosis an Sauerstoff bekommen. Der nächste Schritt wäre dann die Intubation gewesen, die mir glücklicherweise erspart geblieben ist. Aber ich bin lange davon ausgegangen, dass ich dort nicht mehr herauskommen würde.

Wie ist der Weg der Genesung verlaufen und wie geht es Ihnen heute?

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus habe ich mich in eine private Wohnung für eine selbstgewollte Isolation begeben, da ich extrem niedergeschlagen und fertig war, auch mental. Auch für den Kopf war es eine riesige Herausforderung. Ich habe dann zwei Wochen gebraucht, um halbwegs wieder auf die Beine zu kommen. Auch wenn es mich immer wieder nach draußen gezogen hat, waren am Anfang nur ganz, ganz kurze Spaziergänge möglich. Später habe ich dann mit Joggen wieder angefangen, musste anfangs aber nach einer Minute Pause machen und acht Minuten gehen. Auf der Intensivstation hatte ich ja nur noch 25 bis 30 Prozent Lungenfunktionalität. Auch wenn ich das Training langsam steigern konnte, bin ich heute, nach über einem Jahr, noch meilenweit von meiner körperlichen Fitness entfernt, die ich vor Corona hatte. Aber ich bin froh, wieder joggen zu können.

Ihre Frau und Ihr Sohn haben sich vor Ihnen auch mit Corona infiziert und mussten behandelt werden. Haben Sie in der Familie Bedenken wegen Long-Covid-Folgen?

Ja, da machen wir uns schon Gedanken. Ich arbeite zwar hart an mir, aber ich mache mir auch Gedanken, ob ich jemals wieder den Fitnesszustand bekomme, wie vor der Erkrankung. Im Alltag merke ich das zwar weniger, aber wenn früher Erkältungen drei Tage gedauert haben, sind es heute sechs Wochen. Das ist bei meinem Sohn genauso.

Das Krankenhaus hat nach Ihrer Erkrankung ein Video veröffentlicht, in dem Sie über Corona sprechen. Bis heute wurde das Video über 24 000 Mal angeklickt. Wie sind Sie darauf gekommen?

Die grundsätzliche Idee hatte das Krankenhaus. Ich fand das Ganze aber sehr gut, da ich zum einen erschrocken war, wie ein Teil der Bevölkerung nach zwei Jahren immer noch über Corona spricht. Zum anderen wollte ich den Leuten zeigen, wie schlecht es mir durch die Krankheit ging und sie zur Vorsicht aufrufen. Selbst wenn ich damit nur zwei oder drei Menschen zum Nachdenken anregen hätte können.

Wie genau hat sich Corona auf Ihren körperlichen Fitnesszustand ausgewirkt?

Ich bin heute immer teils noch kurzatmig. Wenn ich beispielsweise bei der Arbeit die vielen Treppen hochlaufe, bin ich schnell aus der Puste. Ich arbeite sehr hart an mir und meiner körperlichen Fitness. Wenn ich aber Pech habe, so auch die Aussage der Ärzte, wird es unter Umständen wohl nie mehr ganz so werden, wie vor Corona. Mein Immunsystem war ja komplett unten und die Lunge zu 75 bis 80 Prozent infiziert, beziehungsweise entzündet.

Konnten Sie auf der Intensivstation überhaupt an Sport denken ?

Auf der Intensivstation konnte ich weder an Beruf, Privates noch an Sport denken. Wenn ich mal einen freien Gedanken hatte, dachte ich nur: Ich komme hier nicht mehr raus. Oft habe ich auch einfach an gar nichts gedacht. Ich war körperlich und mental so am Ende, dass für nichts anderes Gedanken da waren.

Wie sehen Ihre Pläne in Sachen Extremsport für die nahe Zukunft aus?

Die Lust ist natürlich ungebrochen. Ich bin so heiß darauf, wieder Sport ausüben zu können. Das ist das Ziel, auf das ich hinarbeite. Dieses Jahr plane ich noch den Berlin Marathon und den Duisburg Ironman 70.3, auch wenn ich da dabei vielleicht noch Pausen machen muss.

Was fasziniert Sie an den Extremläufen? Warum setzen Sie Ihren Körper immer wieder diesen großen Anstrengungen aus?

Ich bin im Job sehr gefordert mit sehr viel Stress. Die körperliche Ausdauer bringt Entspannung und hilft, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Außerdem hat man bei so langen Läufen auch einfach Ruhe, wird von keinem Telefon abgelenkt und kann sich ganz mit sich selbst beschäftigen. Es macht einfach wahnsinnig viel Spaß.

Was hält Ihre Frau von Ihrem Sport und davon, dass Sie sich immer wieder auch körperlich sehr anstrengenden Situationen aussetzen?

Sie findet das einfach nur verrückt und fragt mich oft, ob denn nicht kleinere Sachen in Frage kommen würden. Sie sagt aber auch, wenn ich Spaß daran habe, soll ich es machen. Wir finden da schon einen gemeinsamen Nenner.

2018 haben Sie beim Baikal Ice Marathon mitgemacht. Durch die extremen Wetterbedingungen musste das Rennen jedoch vorzeitig abgebrochen werden. Wie sieht es mit Ihrem einstigen Traum aus, einmal zum Baikalsee zurückzukehren?

Den Gedanken habe ich heute noch immer. Durch den Abbruch ist das Ganze für mich noch unvollendet. Ich bereite mich auf jeden Fall vor, muss austesten, was mein Körper und Kopf sagen. Das ist ja auch eine mentale Sache. Ich schiele so in vier bis fünf Jahren in Richtung Baikalsee. Ich muss das einfach vollenden. Durch Corona wäre ich fast gestorben, aber wenn ich an solche Events denke, kommt mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht.

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