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Die Kunstradfahrerinnen des RSV Oppershofen dürfen momentan weder trainieren noch Wettkämpfe bestreiten. ARCHIVFOTO: PM

Shutdown zum Saisonstart

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Aus und vorbei. Vielleicht nur vorerst. Vielleicht auch für das komplette Jahr. Viele Radsportler wurden in diesen Tagen während ihres Trainingslagers auf Mallorca kalt erwischt. In der Heimat sind derweil die ersten Veranstaltungen gestrichen worden - meist sogar gleich ersatzlos.

Auch wenn viele Radsportler ihrer Neigung außerhalb der inzwischen geschlossenen Sporthallen frönen, bleiben sie natürlich nicht von den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie verschont. "Viele Radfahrer drehen zwar allein oder in Kleinstgruppen ihre Runden, aber bei Veranstaltungen sitzen beispielsweise viele Personen an der Anmeldung, auch die dürfen keinen Gefahren ausgesetzt werden", sagt beispielsweise Wolfgang Rinn, Vorsitzender der RV Gießen-Kleinlinden.

Absage vorerst bis zum 19. April

Der Bund Deutscher Radfahrer und der Hessische Radfahrerverband haben natürlich reagiert. "Bis einschließlich 19. April 2020 finden keine nationalen BDR-Wettbewerbe statt. Dies betrifft alle Nachwuchs- und Eliteklassen", heißt es in einer Verbandsmitteilung. Die Hessen haben sich dieser Empfehlung angeschlossen. Die Radtouristikfahrten (RTF) in Niederdorfelden und Ilbenstadt sowie die Frankfurter Bezirks-RTF fallen aus.

Auch die Mountainbiker können nicht in die Saison starten bzw. müssen diese unterbrechen. Am kommenden Wochenende sollte mit dem Athletiktest beim RSC Grünberg eigentlich die Saison im Hessen-Cup eingeläutet werden, doch auch dies ist hinfällig. Genauso wie der Bundesliga-Auftakt am 22. März im südhessischen Einhausen, bei dem über 600 Rennradfahrer erwartet worden wären - so auch Christian Schmidt vom Team Pro-juventute powerd by Cannonman. Seit Wochen hat er sich mit intensivem Training auf die neue Saison vorbereitet, um als Masterfahrer in die Bundesliga-Saison zu starten und seinen Titel aus dem Vorjahr zu verteidigen.

Als amtierender Hessenmeister im Einzelzeitfahren und Straßenrennen hatte er sich besonders viel vorgenommen, doch der 51-Jährige vom Team delta-bike.de ist ausgebremst worden, zumindest wettkampfmäßig: "Als Radsportler möchte man ja wissen, wo man nach dem Wintertraining steht", sagt der Lizenzfahrer. Und wie geht es weiter? "Für mein Training bedeutet das nun, einfach weiter nach Plan und etwas angepasst an die nicht vorhandenen Rennen zu arbeiten." Und sollte das draußen auch nicht mehr möglich sein, "dann wird es mit Zwift weiter gehen", also Training auf der virtuellen Plattform. "Wir müssen eben abwarten und auf das Beste hoffen."

Besondere Situation im Trainingslager

Kalt erwischt wurden auch viele Radsportler in ihrem Trainingsdomizil auf Mallorca. Der BDR hat am vergangenen Freitag kurzfristig ein Flugzeug gechartert und den 86 Personen starken Tross, der sich in Alcudia zu einem Lehrgang aufhielt, ausgeflogen. Doch Tausende deutsche Radsportler, vom Bundesliga- bis hin zum Hobbyfahrer, hielten und halten sich noch immer auf der Mittelmeerinsel auf. Einige haben kurz vor Verhängung einer Ausgangssperre und dem Shutdown noch die Heimreise antreten können, andere hängen seit Tagen in ihren Hotelzimmern fest und haben sich bereits mit den Reiseveranstaltern auf eine frühere Abreise verständigt.

Gerade noch pünktlich den Absprung geschafft hat Michael Haus vom RVG Rockenberg, der eine Woche lang "auf Malle" trainiert hatte. Auch wenn der Verein erst einmal alle offiziellen Trainingseinheiten abgesagt hat und auch die Athletikeinheiten in der Halle aufgrund der Schließungen durch die Behörden gecancelt sind, will er auf das Radfahren nicht gänzlich verzichten. "Die Angelegenheit ist aktuell etwas schwammig, aber aus meiner Sicht spricht nichts gegen ein Training im Freien mit einer kleinen Gruppe. Wir müssen uns den Gegebenheiten anpassen, solange es noch keine Ausgangssperren gibt", sagt er. "Aber irgendwie muss es weitergehen, ich brauche den Sport nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist." Aus diesem Grund sei auch das Training auf der Rolle "keine Dauerlösung" im Falle einer Quarantäne oder einer Ausgangssperre. "Ich fahre des Gefühls wegen normalerweise bei jedem Wetter und egal, ob es hell oder dunkel ist", sagt Haus. "Und da bei uns an der Arbeit auch einiges umgestellt wird, bin ich froh, wenn ich ab und zu wenigstens mal etwas Fahrrad fahren kann."

Bis zum ersten Rennen der Saison könnte es allerdings noch dauern. Die erste Großveranstaltung von Haus und Co. war mit dem Rennen "Rund um den Finanzplatz Frankfurt-Eschborn" fest geplant. Doch das Traditions-event dürfte auf der Kippe stehen, auch wenn auf der Homepage des Veranstalters noch der Hoffnung Ausdruck verliehen wird, dass sich am Tag der Arbeit Tausende Rennradfahrer auf den Weg durch den Taunus machen.

Und auch sonst hatten die RVG-Athleten einiges vor: ein Rennen in den Vogesen im Mai, die Triathlon-Veranstaltung in Roth, "Rad am Ring" Ende Juli, die Teilnahme am legendären "Ötztaler Radmarathon", für den das Team zwei Tickets bekommen hatte. "Wir wissen aktuell einfach nicht, wie es ausgeht", sagt Haus.

Vereine bangen um Veranstaltungen

Besonders bitter könnte es aber auch für seinen Verein werden, der mit RTF-Veranstaltungen, dem Cross-Duathlon im Herbst sowie weiteren Events wie einem Flohmarkt normalerweise seine Einnahmen generiert. "Das Vereinsleben schläft jetzt natürlich ein, und auch in Sachen Organisation sind alle eher verhalten - ebenso wie die Sponsoren", sagt Haus. "Aber in so einer besonderen Situation ist von jedem Zurückhaltung gefragt."

Ganz besonders hart treffen die Hallenschließungen die Indoor-Radsportler wie Kunstradfahrer oder Radballer, die weder Wettkämpfe noch Trainingseinheiten in gewohnter Form absolvieren können. Noch Anfang März war zum Beispiel der RSV Oppershofen Ausrichter der Hessenmeisterschaft der Jugend und Elite im Kunstradsport in der Rockenberger Wettertalhalle gewesen. Unter den fast 200 Sportlern haben sich viele für weiterführende Meisterschaften qualifiziert.

Hallensportarten besonders betroffen

Und nun? "Aktuell haben wir den Trainingsbetrieb der Kunstradsportler bis Ende der Osterferien erst einmal eingestellt. Ein Training alleine ist bei dem von uns betriebenen Mannschaftsfahren nicht möglich, bei den meisten Übungen halten sich die Sportler an den Händen, da wird es auch mit dem empfohlenen Abstandhalten schwierig", berichtet Volker Weil als Fachwart Breitensport, der sich viel für diese Saison vorgenommen hatte. "Das übliche Ziel unserer Schüler- und Eliteteams ist die Teilnahme an der deutschen Meisterschaft, für die es eine Reihe an Qualifikationswettkämpfen gibt", erklärt Weil. Bereits für Mitte Mai waren bei den Schülern die "Hessischen" und Anfang Juni die DM geplant.

"Durch die Einstellung des Sportbetriebs haben wir zumindest keine finanziellen Einbußen", sagt Weil, verweist allerdings verweist auf die für den 1. Juni geplante RTF, die wohl eine zeitliche Zitterpartie werden könnte, aber die "die Haupteinnahmequelle des Vereins ist".

Keine Frage, das Thema wird viele Vereine aus den Bezirken Lahn und Taunus-Wetterau also noch lange umtreiben - ebenso wie die Frage: Wie geht es in Zeiten von Corona weiter - sportlich und finanziell?

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