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Die Fußballer des Kreises Büdingen müssen zusammenhalten, wenn sie weiter eigenständig spielen müssen ? so wie hier die SG Nieder-Mockstadt/Stammheim (in rot) und die Sportfreunde Oberau vor ihrem Kreisoberliga-Derby verdeutlichen. (Archivfoto: Jaux)

Interview

Selber Landkreis, andere (Fußball-)Welt: Die Probleme im Fußballkreis Büdingen

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Der Amateurfußball steckt seit Jahren in der Krise – ganz besonders auf dem Land. Doch es gibt Menschen, die dagegen kämpfen - wie der Büdingener Kreisfußballwart Jörg Hinterseher.

Nicht wenige hatten den Fußballkreis Büdingen abgeschrieben, nicht aber Jörg Hinterseher. Der Kreisfußballwart stemmt sich mit seiner ganzen Kraft für den Erhalt des Fußballs – auch auf dem Land. Im Interview spricht der 45-Jährige über den aktuellen Zustand, Probleme, neue Ideen und den entscheidenden Faktor für die Zukunft.

Herr Hinterseher, wie schätzen Sie den Zustand des Büdinger Fußballs aktuell ein?

Jörg Hinterseher: Wir leiden natürlich unter dem Rückzug vom SV Eintracht Altwiedermus aus der Verbandsliga, nachdem sich der SC Viktoria Nidda im Vorjahr schon freiwillig zurückgezogen hatte. Das tut uns in der Außendarstellung schon weh. Im Großen und Ganzen merkt man einfach, dass wir politisch zwar zum Wetteraukreis gehören, aber einfach der ehemalige Ostkreis sind, wo die großen Sponsoren fehlen. Auch infrastrukturell hinken wir hinterher. Wir haben bis heute keinen Kunstrasenplatz und nur zwei Hartplätze. Wenn man sich aber beispielsweise die Zuschaueranzahlen anschaut, dann sind wir in der Region Frankfurt sicher vorne mit dabei. Wenn es aber nach oben geht, dann wird es deutlich schwieriger. Insgesamt möchte ich aber sagen, dass der Büdinger Fußball auf gesunden Füßen steht.

Wie sieht es im Bereich Jugend aus?

Hinterseher: Da haben wir natürlich ein riesiges Problem. In der A-Jugend haben wir noch sechs, sieben Mannschaften, in der B- und C-Jugend nur ein paar mehr. Das ist sehr dünn, wenn man damit irgendwann einmal den Seniorenbereich füttern will. Das wird nicht auf Dauer gehen. Da ist aber ehrlich gesagt, guter Rat auch teuer.

In den Vereinen ist Weiterbildung heutzutage das A und O – und das bezieht sich nicht nur auf die Trainer

Jörg Hinterseher

Worin sehen Sie die Probleme im Jugendspielbetrieb begründet?

Hinterseher: Es gibt mehrere Problemfelder. Einerseits findet man immer weniger Betreuer. Und wenn es sie gibt, werden sie oft alleine gelassen, bleiben auf ihren Kosten sitzen, weil der Verein kein Geld hat. Außerdem ist die Jugend von heute nicht vergleichbar mit der von vor 20 oder 30 Jahren in Bezug auf Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder Durchhaltevermögen. Zudem hat man heutzutage in einem Umkreis von 15, 20 Kilometern viel mehr Möglichkeiten – und Eltern fahren ihre Kinder auch dorthin.

Ist das Schiedsrichterwesen von diesem Trend ebenfalls betroffen?

Hinterseher: Wir haben in diesem Jahr zum ersten Mal die Situation, dass wir nicht mehr alle Reservespiele mit Schiedsrichtern besetzen können. Es wird jetzt kreisübergreifend mit Friedberg wieder mal ein Neulingslehrgang angeboten, wo auch wieder die Vereine gefordert sind, geeignete Kandidaten hinzuschicken. Aber das ist natürlich leichter gesagt, als getan. Das Problem ist, dass sich das einfach nicht mehr jeder gefallen lässt – und auch nicht gefallen lassen muss –, wie mit ihm als Unparteiischer auf dem Sportplatz umgegangen wird – und wir sind in der Hinsicht noch gelobtes Land.

Sie bieten viele Fortbildungsmöglichkeiten und andere Veranstaltungen für Vereinsvertreter an, gleichwohl die Resonanz oft besser sein könnte. Frustet Sie das oder haben Sie Verständnis für die Vereine?

Hinterseher: Beides. Wir im Kreisfußballauschuss geben uns sehr viel Mühe, etwas anzubieten. Als Kreisfußballwart versuche ich dem hier und da Nachdruck verleihen. Allerdings ist manchmal auch etwas Frust bei mir dabei, denn in den Vereinen ist Weiterbildung heutzutage das A und O – und das bezieht sich nicht nur auf die Trainer. Wenn niemand bereit ist, Zeit zu investieren, wird man immer weiter abgehängt. Dennoch habe ich auch Verständnis, wenn mir jemand schreibt, dass im Vorstand nur noch wenige Personen alles machen müssen – und dann dafür keine Zeit da ist. Das ist ein schmaler Grat.

Im Fußballkreis Friedberg haben sich die Vereine mehrheitlich für die Einführung des "Norweger Modells" entschieden, was bei Ihnen seit Jahren praktiziert wird. Wie sehen Ihre Erfahrungen aus?

Hinterseher: Mir ist es lieber, sonntags läuft der Ball mit verminderter Spielerzahl, aber wenigstens ist vor dem Spiel der ersten Mannschaft überhaupt noch eins der Reserve da. Ich sehe es ja bei meinem Verein, dem VfR Hainchen, der die Hälfte aller Spiele in dieser Saison mit weniger als elf Spieler gemacht hat. Hätte es die Möglichkeit dazu nicht gegeben, wäre die Reserve schon zurückgezogen worden. Und was passiert man dann mit diesen Spielern? Sie werden irgendwann wechseln und stehen dem Verein nicht mehr zur Verfügung – auch mit Blick auf die Besetzung von Vorstandsposten.

Unser Fußballkreis ist ja schon vor einigen Jahren abgeschrieben worden, aber so negativ sehe ich das nicht

Jörg Hinterseher

Eines Ihrer neuen Projekte ist die Einführung eines Pokalwettbewerbs für Reservemannschaften. Was hat es damit auf sich?

Hinterseher. Es gab eine Anfrage eines Vereins, ob es die Möglichkeit dafür gibt, um eine zusätzliche Spielmöglichkeit zu schaffen. Da sind wir jetzt dran. Wir haben das in der "AG Spielbetrieb" mit den Vereinsvertretern besprochen und mittlerweile schon ein paar allgemeine Regeln für einen solchen Wettbewerb aufgestellt. Das Finale wird dann in den Kreispokalendspieltag am Vatertag integriert, wie das etwa im Kreis Gießen seit Langem schon der Fall ist. Das ist für die Mannschaften sicher ein zusätzliches Highlight mit der entsprechenden Kulisse. Mit etwas Glück können wir das bereits in der kommenden Saison einführen.

Wenn man alle besprochenen Themen in der Gesamtschau sieht. Wie sieht Ihre Zukunftsprognose aus?

Hinterseher: Generell bin ich kein Pessimist. Unser Fußballkreis ist ja schon vor einigen Jahren abgeschrieben worden, aber so negativ sehe ich das nicht. Natürlich haben wir mit Problemen zu kämpfen, die durch die veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten entstehen, aber da müssen wir flexibel darauf reagieren. Wir vom Kreisfußballausschuss tun alles, was wir beeinflussen können. Wir sind etwa einer der ganz wenigen Kreise, in dem Reserven in und außer Konkurrenz spielen können, wir haben das "Norweger-Modell" eingeführt, wir kommen den Vereinen mit der Spielplanung entgegen. Es wird letztlich aber alles mit den Jugendspielern stehen und fallen, die später mal im Seniorenbereich ankommen. Das ist das zentrale Problem der Zukunft.

Info

Jörg Hinterseher im Portrait

Jörg Hinterseher spielte selbst jahrelang unter anderem bei seinem Heimatverein 1. FC Lorbach Fußball, ist seit 2004 Mitglied des Kreisfußballauschusses Büdingen, dem er seit 2016 als Kreisfußballwart vorsteht. Er hatte zudem die Idee einer "AG Spielbetrieb", eine Zusammenkunft von je zwei Vereinsvertretern pro Liga und Mitgliedern des Kreisfußballausschusses, die über aktuelle Themen diskutiert. Der Hainchener ist Mitarbeiter der Stadtwerke Büdingen, verheiratet und hat einen 14-jährigen Sohn, der selbst Fußball spielt. Hinterseher war darüber hinaus bis 2016 Mitglied der Gemeindevertretung sowie als Mitglied im Verbandsausschuss für Freizeit- und Breitensport zuständig. Er befindet sich in der Ausbildung zum C-Lizenz-Trainer, ist er doch selbst als C-Jugend-Coach bei der JSG Limes.

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