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Mit Leib und Seele Handball-Torhüter: der Gambacher Nikolai Weber. FOTO: RAS

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Sehnsucht nach dem Alltag

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Ganz runtergefahren ist Niko Weber in der Corona-Krise nicht. Der Torhüter des Handball-Zweitligisten TV 05/07 Hüttenberg muss sich einerseits fit, andererseits sein Kaffee-Geschäft am Laufen halten.

Normalerweise wäre es schwieriger, Nikolai Weber vom TV 05/07 Hüttenberg ans Telefon zu bekommen. Denn neben dem Job im Tor des Handball-Zweitligisten hat sich der 39-Jährige ein zweites berufliches Standbein aufgebaut. Als Mitgründer und -inhaber der Firma Bohnen & Söhne hat er zusammen mit seinem Geschäftspartner eine Espressobar in der Wetzlarer Altstadt.

"Das ist für uns natürlich eine Herausforderung, denn wir haben den Laden erst seit einem halben Jahr. Seit Ende der letzten Woche hätten wir die angemietete Außenfläche nutzen können. Nun müssen wir auf anderen Wegen sehen, wie wir unsere Kosten decken. Daher kommt man jetzt zu Sachen, die man sonst vernachlässigt hat. Wir pushen jetzt natürlich unseren Online-Shop. Auch Lieferdienst ist ein Thema. In der Krise jetzt sind ja viele erfinderisch geworden. Zum Glück haben wir keine Angestellten und mussten somit niemanden in Kurzarbeit schicken."

Einen positiven Aspekt kann er der beruflichen Tätigkeit, die er aktuell noch ausüben darf, abgewinnen. "Ich schleppe jede Woche 600 Kilogramm Kaffee die Treppen hoch", nennt Niko Weber einen Teil seines Fitnessprogrammes, welches das Training so gut als möglich ersetzen soll. "Aber auch sonst gibt es ja genügend Übungen mit Eigengewicht, die man machen kann. Zudem wohnen wir nah am Wald. Da kann man laufen gehen." Im Garten steht zudem ein Trampolin, was nun nicht nur vom Nachwuchs genutzt wird.

"Natürlich fehlen schon die Belastungen wie wenn man nach einem Wurf geht. Aber wir spielen in einer Profiliga und müssen uns daher in einem akzeptablen körperlichen Zustand halten. Auch wenn keiner weiß, ob sich in dieser Saison noch etwas tut. Und natürlich konnte sich in meinem Fall der Körper völlig regenerieren", hat die Pause für Weber nach ein paar Problemen in der Rückrunde auch einen angenehmen Aspekt.

Ob die Saison doch noch zu Ende gespielt wird will die HBL bekanntlich im Mai entscheiden. Niko Weber tut sich schwer, ein eventuelles vorzeitiges Saisonende einzuordnen. "Wir stehen genau vor dem Relegationsplatz. Ich denke zwar, dass wir noch ein paar Plätze hoch klettern können. Aber wenn einen, wie in der Vorrunde, ein massives Verletzungspech trifft, dann weiß man nicht, wie die junge Mannschaft speziell in den K.o.-Spielen gegen die direkten Konkurrenten reagiert. Wenn die Saison abgebrochen wird, wird sich sicherlich der TV Emsdetten freuen, das er nicht absteigt. Denn das ist ja auch ein Traditionsverein. Schade wäre es aber vor allem für unsere Fans. Und auch für den einen oder anderen altgedienten Spieler, wenn er dann nicht beim letzten Heimspiel in einem würdigen Rahmen verabschiedet werden kann. Aber ich hoffe, dass der TVH das nachholen könnte."

Dass sein Verein die handballlose Zeit dennoch aktiv und auch kreativ nutzt, bewertet der Familienvater absolut positiv. "Der TVH hat sehr schnell geschaltet", lobt er die Verantwortlichen speziell für die Aktion Einkaufshilfe. "Denn es war ja erst einmal eine Schockstarre. Aber diese Aktion hat sehr großen Zuspruch gefunden. Auch wir Spieler haben gesehen, dass wir damit helfen können. Und von unseren Sponsoren, von denen wir ja auch abhängig sind, kamen sehr positive Reaktionen. Ich glaube, der eine oder andere Verein wäre auch gerne so früh damit gewesen." Zumal damit auch dem einen oder anderen Fan geholfen wird, die zudem über Aktionen wie das Suchspiel für zu Hause oder den neu gestalteten Fanshop über die sozialen Kanäle weiter wenigstens ein wenig am TVH teilhaben können.

Die neu gegründete Interessengemeinschaft Teamsport Hessen sieht der Keeper wie sein Geschäftsführer Fabian Friedrich als ein Zukunftsmodell. "Jetzt ist die Not da und es ist gut, dass man sich austauscht. Gerade für uns und die HSG Wetzlar kann es nur gemeinsam weiter gehen. Denn irgendwie wollen wir ja alle an die gleichen Fleischtöpfe und es muss jedes Jahr noch ein bisschen mehr sein", bezieht Weber, der ja lange Jahre Kapitän in Wetzlar war, klar Stellung.

Um sich abschließend fast ein wenig zu entschuldigen. "Man darf es ja fast nicht sagen. Aber ich bin momentan sehr glücklich. Ich kann jeden Abend mit meiner Familie Abendbrot essen und meine Tochter ins Bett bringen. Ein Luxus, der ansonsten absolut undenkbar ist." Dennoch wünscht sich der Geschäftsmann Nikolai Weber aber genauso wie der Handballer irgendwann eine gesunde Rückkehr in den Alltag.

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