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Sehnsucht DEL 2

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Klassenerhalt: Torwart Jan Guryca (mit Töchterchen Ella auf dem Arm) reckt zum Zeichen des Erfolges den Arm in den Höhe.
Klassenerhalt: Torwart Jan Guryca (mit Töchterchen Ella auf dem Arm) reckt zum Zeichen des Erfolges den Arm in den Höhe. © Andreas Chuc

(mn) Andreas Ortwein, der Geschäftsführer, tanzte im Rausch der Emotionen wie ein Rumpelstilzchen über das Eis, ballte immer wieder die Fäuste. Im Torraum verschwand Jan Guryca, der Rückhalt, inmitten einer Spielertraube, und auf der Mannschaftsbank lagen sich Daniel Heinrizi und sein Assistent Marcus Jehner in den Armen.

»Ich bin unheimlich erleichtert. Dieser Sieg heute ist so wichtig und gibt uns nun die nötige Sicherheit, um die nächsten Schritte gehen zu können«, sagt Gesellschafter Jörg Semmler, als im Kabinengang die ersten Biergläser gereicht werden, ein 3000-Mann-Chor inbrünstig das »Legenden-Lied« anstimmt und sich lautstark zu »Rot und Weiß ein Leben lang« bekennt. Um 21.40 Uhr am Dienstagabend, nach einem am Ende wahren Playdown-Thriller gegen Crimmitschau, hatte sich die enorme Anspannung gelöst, waren die Probleme und Disharmonien der vergangenen Wochen und Monate für einige Momente verdrängt, zählte vor der Aufarbeitung nur der Augenblick. Der EC Bad Nauheim hat als Aufsteiger in der Deutschen Eishockey-Liga 2 sein primäres Ziel, den Klassenerhalt, erreicht und bezüglich der anstehenden Planungen Zeit gewonnen. »Die Menschen haben die DEL 2 verdient. Die Sehnsucht nach Zweitliga-Eishockey ist riesengroß. Darauf müssen wir aufbauen«, sagt Ortwein.

Fast schon grotesk: Fans und Mannschaft, im September mit Playoff-Budget und -Anspruch gestartet, feierten den Sieg in Playdown-Spiel sieben gegen das Schlusslicht per Spontan-Fete wie eine Meisterschaft. Erinnerungsfotos wurden geschossen, Trikots und Schals signiert. Wann und wo sich die Roten Teufel ganz offiziell in die Sommerpause verabschieden werden, ist noch unklar, voraussichtlich erst Ende nächster Woche. Ein Zeitfenster von zehn bis 14 Tagen hat der RT-Geschäftsführer auch bezüglich der Präsentation des neuen Trainers geöffnet. Man habe zunächst die sportlichen Resultate und Entwicklungen abwarten müssen; könne nun die finalen Prozesse einleiten. Heiße Kandidaten sind Thomas Popiesch von den Eislöwen Dresden, deren Sanierungskonzept bei Oberbürgermeisterin Helma Orosz vor der finalen Entscheidung des Stadtrats am 16. April auf Ablehnung stößt, sowie Petri Kujala (Ravensburg/dort wird Popiesch ebenfalls gehandelt).

Daniel Heinrizi, nach der Trennung von Frank Carnevale zunächst Interimslösung, dann mit der Mission Klassenerhalt betraut, rückt aus der unmittelbaren Verantwortung heraus. »Ich habe mich über das Vertrauen der Geschäftsführung gefreut, aber ich rücke gerne ins zweite Glied, um von einem erfahrenen Coach weiter zu lernen«, sagt der 28-Jährige, der in den sozialen Netzwerken viel Kritik hatte einstecken müssen. »Ich lese das nicht. So etwas gehört aber - so lange es sachlich ist - auch dazu.« Jene imaginäre Grenze, den Hieb unter die Gürtellinie, wollte auch Semmler inmitten der Schulterklopfer aufgreifen. »In der letzten Zeit sind einfach Dinge passiert, die zu weit gegangen sind.« Von Anfeindungen über Beleidigungen und Bedrohungen reiche die Palette.

{newPage}Der Saisonstart mit drei Siegen hatte Erwartungen geweckt, »und dann gibt’s sicher fünf, sechs Gründe, warum es nicht so gelaufen ist. Mit etwas Abstand müssen wir nun die richtigen Schlüsse ziehen, um auch im nächsten Jahr um die Playoffs, beziehungsweise Pre-Playoffs, für die sich der Tabellenzehnte qualifiziert, spielen zu können«, sagt Ortwein. »Dafür hat Bad Nauheim das Potenzial.« Um sich in höheren Regionen im Kreis der gesicherten Playoff-Kandidaten zu etablieren, müsse »aber noch einiges passieren. Wir können Mannschaften wie Bietigheim oder Bremerhaven an einem guten Tag schlagen. Aber wir müssen auch ehrlich einräumen, dass diese Organisationen strukturell und wirtschaftlich ein Stück weit von uns entfernt sind.«

Eine »Blutauffrischung« spricht Ortwein in seinem Saison-Resümee an. »Ob neun, zehn oder zwölf Spieler bleiben, werden die Gespräche mit dem neuen Coach ergeben.« Die geplante Reduzierung der Kontingent- sowie Ü23-Stellen sowie eine Förderlizenz-Kooperation mit einem DEL-Klub, um die sich die Roten Teufel intensiv bemühen, nehmen »enormen Einfluss« auf die Planung.

Der öffentlichen Wahrnehmung, die Spielbetriebs GmbH müsste angesichts einer kommunizierten Erwartung von 1700 Zuschauern im Schnitt (tatsächlich kamen zu 31 Pflichtspielen durchschnittlich 2426 Fans) in Geld schwimmen, widerspricht Ortwein. Rund 100 000 Euro seien beispielsweise zusätzlich in den Kader gesteckt worden, der Bereich »Sicherheit« habe deutlich höhere Kosten verursacht, »ungeplante strukturelle Änderungen« und »infrastrukturelle Einmal-Investitionen in Höhe von rund 175 000 Euro, um einen DEL 2-Spielbetrieb zu gewährleisten«, hätten die Ausgaben in die Höhe getrieben. Ein Budget von rund 1,8 Millionen Euro war zu stemmen.

Die besondere Bedeutung des Erfolgs am Dienstag wurde nach Spielende im VIP-Raum deutlich. Denn: Der ECN wäre auf dem sprichwörtlichen Zahnfleisch in die Relegation, in der Kaufbeuren, Crimmitschau, Frankfurt, Kassel, Selb und Freiburg vier DEL 2-Plätze ausspielen, gegangen. Kevin Lavallee trägt den Arm in Gips, war mit Verdacht auf eine Fraktur ausgeschieden, Patrick Strauch hatte sich entgegen dem ärztlichen Rat mit einem Muskelfaserriss aufgerieben und hätte voraussichtlich nicht für eine weitere Partie zur Verfügung gestanden, und schließlich lüftete auch Harry Lange sein Geheimnis, seit Wochen mit einer Innenbandverletzung aufgelaufen zu sein.

Sommerpause: Rote Teufel feiern Klassenerhalt

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