Schweer: "Nicht am System rütteln"

Markus Schweer ist der "Bad Boy" der Zweitliga- und Oberliga-Klubs. Der Eishockey-Obmann des Eissportverbandes Nordrhein-Westfalen hatte am Freitag exklusiv gegenüber der WZ-Sportredaktion ein sportliches Horror-Szenario aufgezeichnet.

Der Landesverband will einem möglichen Meister den Aufstieg verweigern. Der Aufschrei ist groß, insbesondere bei den aufstiegsambitionierten Klubs Kassel, Frankfurt und Bad Nauheim sind die Verantwortlichen massiv verärgert. WZ-Redakteur Michael Nickolaus hat Schweer zu seinen Aussagen und möglichen Folgen befragt.

Markus Schweer, ist die derzeitige Mehr-Klassen-Gesellschaft im Sinne des Sports?

Markus Schweer: Klassenunterschiede sind doch nichts Neues. In der Regionalliga nimmt Herne beispielsweise eine Ausnahmerolle ein. Ich kann mich auch an eine vergleichbare Souveränität von Oberhausen vor einigen Jahren erinnern, oder die Party-Saison der Moskitos Essen nach dem DEL-Rückzug. Natürlich macht das nicht immer Spaß, doch das wird sich auch künftig nicht vermeiden lassen. Wir haben eben nicht die Masse an Vereinen auf einem Level.

Der Ruf, Vereine können sich nach Saisonende ihre Liga aussuchen (keine Verzahnung zwischen DEL und der zweiten Liga, kein Absteiger aus der zweiten Liga, Aufstiegsverzicht der Oberliga-Finalisten), haftet dem Sport an. Warum lässt der Landesverband Nordrhein-Westfalen nicht seine drei hessischen Klubs ziehen?

Schweer: Dieser Ruf existiert allenfalls außerhalb von Bayern und Nordrhein-Westfalen. Ich bin seit 1991 Funktionär. In all diesen Jahren gab es immer nur einen Auf- und einen Absteiger. Sollen wir an diesem über Jahre etablierten System rütteln, nur da zwei oder drei Vereine glauben, nicht in diese Liga zu gehören? Was bedeutet dies für den theoretischen Fall, dass Standorte wie Düsseldorf, Köln, Krefeld zeitgleich aus der DEL zurückziehen? Müssen wir dann ein Jahr lang in der unteren Klasse die Zahl der Aufsteiger auf vier oder fünf erhöhen, weil all diese Klubs glauben, höherklassig spielen zu müssen? Haben wir dann im darauffolgenden Jahr vielleicht null Aufsteiger? Wir haben Frankfurt und Kassel nicht gezwungen, bei uns mitzuspielen. Ich drücke beiden Klubs die Daumen, dass sie sportlich wieder höherklassig spielen. Aber das geht nur über einen geregelten Auf- und Abstieg.

Werden durch diese unflexible Haltung traditionelle Standorte womöglich zerstört. Die Zuschauerzahlen und das Interesse in Frankfurt, Kassel und Bad Nauheim werden in einer weiteren Saison in dieser Konstellation sinken.

Schweer: Gegenfrage? Wie viele Abstürze haben diese Standorte bereits hinter sich? Liegt das nicht vielleicht an eventuell unrealistischen Einschätzungen der eigenen Situation oder dem Umfeld? Vergleichbare Standorte könnte ich in NRW ebenso nennen, wo ein schnelles Hochspielen zu einem sehr schnellen Absturz geführt hat. Ich bin mit der Konstellation der Oberliga West sehr zufrieden. Diese Staffel erreicht als einzige der vier Oberligen ihre Sollstärke von zwölf Mannschaften. Wir haben von der Oberliga bis ganz nach unten einen funktionierenden Spielbetrieb. Warum sollten für Frankfurt und Kassel andere Regeln gelten als für Essen oder Ratingen? Auch das sind ehemalige DEL-Standorte. Aber es gab in der Vergangenheit Gründe, warum die Vereine dort sind, wo sie jetzt nun mal sind - in der Oberliga. Es kann doch nicht sein, dass der Verband seine Strukturen an den Geldbeutel der Vereine anpassen muss und eine Aufsteigerzahl individuell von Saison zu Saison festgelegt wird. Das wird es unter meiner Führung nicht geben.

Kassel, Frankfurt und Bad Nauheim werden Zuschauer verlieren...

Schweer: Ein erfolgreicher Verein hat in den unteren Ligen fast immer deutlich mehr Fans als mittelmäßige Vereine ein oder gar zwei Klassen höher - und dies sicherlich quer durch alle Ligen.

Der Eindruck entsteht, die finanzstarken Klubs, von deren Einnahmen der Verband partizipiert, sollen gehalten werden.

Schweer: Da wir unsere Verbandsabgaben nach Prozenten und nicht nach Pauschalen erheben, haben wir schon immer mit Erfolgen oder Misserfolgen der Vereine leben müssen. Dies war und wird somit für unsere Entscheidungen kein Kriterium sein. Wir haben uns im Sommer auf Durchführungsbestimmungen geeinigt, und ich sehe deshalb auch keine Veranlassung, dies zu ändern.

Könnten nicht Ib-Mannschaften den Standort und seinen Stammverein vertreten, während die Spielbetriebs GmbH in der 2. Bundesliga antritt?

Schweer: In diesem Fall würde die ESBG, die der Spielordnung des Deutschen Eishockey-Bundes unterworfen ist, gegen ihre eigenen Satzungen verstoßen. Das wäre ein Quereinstieg außerhalb des sportlichen Aufstiegs und unzulässig. Wir würden den Stammverein in Regress nehmen, zudem würde der DEB einem solchen Konstrukt die Zustimmung verweigern. In letzter Instanz würde dies gerichtlich geklärt werden.

In den Durchführungsbestimmungen ist von einem Aufsteiger die Rede. Kann der Verband die Abgaben einfordern, wenn er andererseits seine Pflichten nicht erfüllt?

Schweer: Wir haben den Kooperationsvertrag nicht gekündigt.

Ist denn, um die sportliche Spannung und Abwechslung zu erhöhen, eine frühzeitige Verzahnung mit Nord/Ost angedacht?

Schweer: Zunächst einmal muss dazu die aktuelle Entwicklung im Norden abgewartet werden. Und in diese Problematik möchte ich mich auch nicht einmischen. Grundsätzlich bin ich aber für alle Vorschläge offen.

Kein Zweitliga-Aufsteiger?

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