Damals war’s: Als dieses Foto mit Petra Lerch, Abteilungsleiterin Turnen bei der SU Nieder-Florstadt, im Dezember entstanden ist, schien eine Pandemie reichlich unrealistisch. Kinderturnen ist in Zeiten des Coronavirus auch nach diversen Lockerungen kaum realisierbar. FOTO: NICI MERZ
+
Damals war’s: Als dieses Foto mit Petra Lerch, Abteilungsleiterin Turnen bei der SU Nieder-Florstadt, im Dezember entstanden ist, schien eine Pandemie reichlich unrealistisch. Kinderturnen ist in Zeiten des Coronavirus auch nach diversen Lockerungen kaum realisierbar. FOTO: NICI MERZ

Kinderturnen

Schritt für Schritt

  • Erik Scharf
    vonErik Scharf
    schließen

Seit knapp drei Wochen darf in Hessen wieder Sport im Verein angeboten werden - sofern Hygienekonzept und Sportstättenbetreiber es zulassen. Normalität im Breitensport ist aber noch lange nicht da.

Es ist durchaus eine komische Mixtur an Stimmungslagen, die in den Gesprächen zutage tritt. Einerseits haben die Sportvereine den Moment herbeigesehnt, nach der Corona-Zwangspause ihren Mitgliedern wieder das gewohnte Angebot bieten zu können. Andererseits hat sich an den leitenden Stellen ein ziemlicher Berg an neuen Aufgaben angesammelt. Aus ein paar Minuten werden plötzlich Stunden an Vor- und Nachbereitungszeit.

Doch der wochenlange Entzug hatte auch einen positiven Nebeneffekt. "Alle setzen die Vorgaben wunderbar um, sei es das Tragen von Masken oder das Einbahnstraßensystem beim Ein- und Ausgang", sagt Sonja Straußberger, Mitarbeiterin in der Geschäftstelle des SV Fun-Ball Dortelweil. Der Entzug durch die Coronavirus-Pandemie scheint das Bewusstsein der Menschen für das Privileg eines umfangreichen und kostengünstigen Sportangebot geschärft zu haben.

Das Problem: Rund 4000 Mitglieder in 19 Abteilungen wollen die 60 Sportangebote der Fun-Baller wieder nutzen. "Das geht alles nur Stück für Stück", sagt Straußberger. Viele Veranstaltungen würden derzeit in anderen Räumlichkeiten stattfinden, die aber nicht dafür ausgelegt wären, unter den Hygienevorgaben die üblichen Gruppengrößen zuzulassen, sagt sie.

Also wird über Doodle-Listen und WhatsApp-Gruppen die Teilnahme koordiniert. Ein zusätzlicher Verwaltungsaufwand, der nicht immer alle Interessen zufrieden stellt. "Zumal wir den kompletten Belegungsplan umschmeißen mussten. Es ist jetzt schon schwierig, alles unterzukriegen", sagt Straußberger. Dabei seien nach Vereinsangaben erst rund 40 Prozent der üblichen Angebote wieder am Start.

Umso mehr sind sie in Dortelweil um kreative Lösungen bemüht. "Unsere Trainer sind da sehr flexibel. Das Karate-Training beispielsweise ist unter freien Himmel verlegt worden", sagt Straußberger. So könne man möglichst viele Sportlern an den Trainingsstunden teilhaben lassen und so würden Stück für Stück immer mehr Sportgruppen ihren Betrieb wieder aufnehmen", sagt Straußberger.

Kinder schauen in die Röhre

Ähnlich ist die Situation bei der SU Nieder-Florstadt. "Wir sind noch sehr zurückhaltend zu Gange", sagt Petra Lerch, Abteilungsleiterin Turnen bei der SU. Zum einen stellt sich die Frage, wie mit Turngeräten umgegangen werden soll - Stichwort Desinfizierung. "Das würden die Geräte nicht lange durchhalten", sagt Lerch. Zum anderen sei erst vor zwei Wochen die Sporthalle durch die Stadt Florstadt wieder freigegeben worden. Zwei leistungsorientierte Turngruppen sind wieder aktiv, allerdings unter freiem Himmel und ohne Geräte.

Auch bei der SU ist die Suche nach Räumlichkeiten, die angesichts der Hygienevorgaben eine gewisse Gruppengröße zulassen, eine riesige, fast unmögliche Herausforderung. Das Bürgerhaus ist für die aktuellen Vorgaben deutlich zu klein. "Die Gymnastikgruppe der Damen ist auf zehn Personen zusammengestrichen worden", sagt Lerch. Dagegen sei der Kurs "Rücken aktiv" an die Räumlichkeiten angepasst und auf drei Gruppen ausgeweitet worden. Das bedeutet aber auch einen höheren Zeitaufwand für die Übungsleiter. Zudem sei beispielsweise Step Aerobic auf einer unebenen Wiese schwierig - von der Wetterabhängigkeit ganz zu schweigen. Dass im Seniorenbereich Tanz- und Gymnastikgruppen aus Vorsicht eine Wiederaufnahme bislang nicht in Betracht zogen, entspannt die Lage eher. "Wir tasten uns langsam und beobachtend nach vorne", sagt Lerch.

Eine Altersgruppe schaut derzeit aber besonders in die Röhre. Kindergruppen sind fast überall noch nicht wieder ins Programm aufgenommen worden. In Dortelweil wollen sie zumindest Kinder ab zehn Jahren wieder zulassen. "Gruppe für Gruppe, Schritt für Schritt", sagt Straußberger, schränkt aber ein: "Bei Gruppen mit Grundschulkindern haben wir oft neben dem Trainer maximal einen Helfer. Bei 15 bis 20 Kindern wird es schwierig, vor allem den Abstand unter Kontrolle zu halten", sagt sie. Das sieht in Florstadt nicht anders aus. "Auch beim Eltern-Kind-Turnen gibt es vom Hessischen Turn-Verband nur sehr eingeschränkte Empfehlungen", sagt Lerch.

Auch wenn das öffentliche Leben derzeit einen anderen Eindruck vermittelt, im Breitensport ist noch lange keine Normalität eingekehrt. Das wird auch erstmal so bleiben, denn, da sind sich Straußberger und Lerch einig: "Alles geht nur Schritt für Schritt."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare