Handball

"Der Schlüssel ist der Schiri-Schein"

Dem Handballbezirk Gießen stehen immer weniger Schiedsrichter zur Verfügung. Die Stellschrauben, an denen gedreht werden könnte, scheinen aber verrostet. So sieht es zumindest Bezirksschiedsrichterwart Tobias Lambmann.

Nur noch 277 Schiedsrichter stehen im Handballbezirk Gießen zur Verfügung. Vor drei Jahren waren es noch 330. Tobias Lambmann ist seit 2018 Bezirksschiedsrichterwart und seit 14 Jahren aktiver Schiedsrichter. Im Interview spricht er über die Probleme an der Schiedsrichterbasis, veraltete Strukturen und nicht ganz zeitgemäße Sichtweisen.

Tobias Lambmann, Sie sind selbst aktiver Schiedsrichter. Was hat Sie dazu gebracht?

Tobias Lambmann:Ich bin als 18-Jähriger von einem Vereinsverantwortlichen angesprochen worden, ob ich nicht den Lehrgang machen möchte. Ich war nicht abgeneigt, und es hat auch Spaß gemacht.

Viele junge Schiedsrichter wollen nach kurzer Zeit keine Spiele mehr pfeifen. Sie klagen über den Druck, über Respektlosigkeiten von Trainern und pöbelnde Zuschauer. Wie sehen Sie das?

Lambmann:Das ist absolut ein Problem, das gibt es aber schon immer. Nicht jeder ist von seiner Persönlichkeit für eine Führungsaufgabe, die der Schiedsrichter hat, gemacht. Viele sind im Alltag nicht damit konfrontiert. Einige schaffen es, in die Rolle hineinzuwachsen, andere stellen schnell fest, dass es nichts für sie ist.

Das macht es nicht einfacher, beständige Gespanne zu bilden, oder?

Lambmann:Die Probleme bei den Gespannen sind eher regionale Gesichtspunkte. Es geht ja auch um geringere Fahrtkosten durch gemeinsame Fahrten zu Spielen und um gemeinsame Verfügbarkeit. Schiedsrichter sind meistens selbst als Spieler aktiv, wenn sie aber in verschiedenen Mannschaften spielen, macht es das oft schwer, sie überhaupt anzusetzen. Das unterschätzen viele.

Andererseits sind die Vereine froh über jeden aktiven Spieler. Da fehlt auf lange Sicht gesehen die Fantasie, das Problem irgendwie zu lösen.

Lambmann:Das muss man im Gesamtkontext sehen. Die Auffassung des Schiedsrichterscheins, der hessenweit geregelt ist, stammt aus einer Zeit, als samstags um 13 Uhr die Geschäfte geschlossen hatten - danach hatten die Leute Wochenende. Das ist ewig her. Dort muss aus meiner Sicht angesetzt werden. Wir haben heute ganz andere Arbeits- und Freizeitmodelle. Diesen Bedingungen muss sich auch die Schiedsrichterordnung anpassen.

Das heißt konkret?

Lambmann:Ein Schiedsrichter kann sich momentan alle zwei Jahre für maximal sechs Monate freistellen lassen. Sonst muss er regelmäßig zur Verfügung stehen. Das ist einer der Knackpunkte, weil junge Menschen immer weniger Verbindlichkeiten eingehen wollen. Wer vor dem Abitur den Schiri-Schein macht, nach der Schule aber ein Jahr ins Ausland geht - was heute völlig normal ist - muss seinen Schein danach neu machen. Das ist für viele ein K.-o.-Kriterium. Im Schiedsrichterwesen können wir uns das eigentlich nicht leisten, die Regularien geben es aber so vor.

Warum sind die Strukturen nie angepasst worden?

Lambmann:Schwer zu sagen. Auf dem vergangenen Verbandshandballtag, der höchsten Versammlung in Hessen, wurde das auch thematisiert. Das Präsidium hat sich immerhin dazu durchgerungen, eine Task Force zu bilden, die sich um die Akquise von Nachwuchsschiedsrichtern kümmern soll.

Wäre es eine Option, Gespanne aufzubrechen und nach Verfügbarkeit zuzuteilen?

Lambmann:Als Verantwortlicher bin ich ein Gegner dieser Idee. Aber wir müssen Schiedsrichter einzeln ansetzen, wenn deren Partner verhindert ist. Da geht es um Spiele im Jugendbereich und teilweise in den A- und B-Klassen der Männer.

Sie haben während der abgelaufenen Saison die E-Jugend aus der neutralen Ansetzung genommen. Wie kam das bei den Vereinen an?

Lambmann:Viele haben große Bedenken gehabt, größtenteils haben die Vereine aber erkannt, dass es durchaus Sinn ergeben kann. Wir haben explizit bei der E-Jugend vorgeschlagen, dass beispielsweise eine Aktivenmannschaft die Patenschaft für ein Jugendteam übernimmt. In der Spitze geht es da um zehn Heimspiele eines Teams, aber die Vereine beklagen, dass sich kaum Freiwillige finden, die mal ein Spiel pfeifen.

Was waren die Bedenken der Vereine?

Lambmann:Hauptsächlich die Angst vor dem Verlust des Wettkampfcharakters. Geht dieser verloren, haben wir vielleicht auch weniger Probleme. Auf der Bank und der Tribüne gibt es zu viele, die sich zu sehr mit dem identifizieren, was sie da tun, und gegenüber Schiedsrichtern persönliche Grenzen überschreiten. Dass die Qualität der Spiele leidet, wenn nicht ausgebildete Schiedsrichter in der E-Jugend eingesetzt werden, hat sich nicht bewahrheitet.

Gibt es auch positive Beispiele?

Lambmann:Bei der HSG Hungen/Lich pfeifen die E-Jugend-Spiele immer ältere Jugendliche. Das bietet für diese die Möglichkeit herauszufinden, ob Schiedsrichter etwas für einen wäre. Außerdem verhalten sich alle Beteiligten gleich ganz anders, wenn ein Vorstandsmitglied vor dem Spiel den Zuschauern sagt: "Das ist unser Schiri, es ist sein erstes Spiel und er möchte helfen, dass eure Kinder heute Handball spielen können."

Auf der anderen Seite wird sich hie und da über ältere Schiedsrichter beschwert, die nicht mehr zeitgemäß pfeifen würden. Was bekommen Sie da mit?

Lambmann:Gegenfrage: Haben wir nicht auch Trainer, die sich nicht an zeitgemäße Regeln halten, oder warum mussten wir Strafen für Trainer einführen, die sich im Jugendbereich nicht an die offensive Deckungsweise halten?

Weil...?

Lambmann:... es Trainer gibt, die meinen, ihr eigenes Ding draus zu machen. Sich bei "nicht zeitgemäß" nur auf die Schiedsrichter zu beschränken, ist etwas einseitig. Und ohne die älteren Schiedsrichter, die vergangene Saison teilweise vier Spiele am Wochenende gepfiffen haben, würde noch weniger gehen.

Von all diesen Dingen, was steht in Ihrem Arbeitskreis derzeit ganz oben auf der Prioritätenliste?

Lambmann:Leider die Einführung des neuen Verwaltungssystems. Alles wird ab kommender Saison darüber laufen. Für viele jüngere Schiris eine Erleichterung, für einige ältere eine Hürde. Man muss aber auch sagen, dass viele ältere Schiris mit der Zeit gehen.

Man fragt sich, ob das noch Ehrenamt ist oder schon ein Beruf ohne Bezahlung.

Lambmann:Manchmal hat man schon das Gefühl, dass verlangt wird, rund um die Uhr verfügbar zu sein. Die Freizeit wird immer weniger, das kriegen auch die mit, die im Verein dafür sorgen, dass alles irgendwie läuft. Man sollte zumindest mal überlegen, ob man diese Strukturen nicht auch professionalisiert.

Stichwort Professionalisierung: In den Bundesligen sind Headsets für Schiri-Gespanne Standard. Ist damit bald auch in den Ober- und Landesligen zur rechnen?

Lambmann:Die Diskussion haben wir schon seit einigen Jahren. Wir dürfen es derzeit nicht verwenden. Ich persönlich stehe der Änderung aber offen gegenüber. Das ist aber auch eine Geldfrage.

Es wird also viel diskutiert, aber wenig weiterentwickelt.

Lambmann:Momentan ist es so, dass uns die vielen Herausforderungen in der Verwaltung daran hindern, das Schiedsrichterwesen weiterzuentwicklen. Wir haben alle Möglichkeiten unter den aktuellen Rahmenbedingungen ausgeschöpft.

Wenn Sie etwas von heute auf morgen ändern könnten, was würden Sie tun?

Lambmann:Der Schlüssel ist der Schiri-Schein. Wenn ich vier Jahre lang kein Auto fahre, darf ich danach trotzdem hinters Lenkrad. Wenn ich etwas ändern dürfte, wäre es der Schiedsrichterschein, den man einmal macht - natürlich mit jährlichen Weiterbildungsmaßnahmen - und dann fürs Leben hat. (Foto: ras)

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