Patrick Kaurisch fährt die 1000 Kilometer durch den französischen Süden im Alleingang. FOTO: WEB
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Patrick Kaurisch fährt die 1000 Kilometer durch den französischen Süden im Alleingang. FOTO: WEB

Im Schlafsack an der Bushaltestelle

  • vonTanja Weber
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(web). 1000 Kilometer zwischen Verdon und Vercors in sechs Tagen fuhren Patrick Kaurisch und Ulrich Rode (Triathlon Wetterau) mit dem Rennrad kürzlich im Süden Frankreichs. "Le 1000 du Sud" ist eine sogenannte Randonnée (Radwanderung), deren Strecke jährlich variiert.

Diese Randonée ist kein Rennen. Das heißt: Es gibt keine Platzierungen, und die Zielzeiten werden nicht veröffentlicht. Es geht "nur" darum ,die Strecke zu bewältigen und den Nachweis durch Notieren von Datum, Uhrzeit, gegebenenfalls Stempel und Fotos zu erbringen. 23 Kontrollstellen an Gipfelkreuzen waren es, an jedem mussten die beiden Radwanderer anhalten und ihr Fahrrad samt Gipfelkreuz fotografieren.

"Wir hatten uns vorgenommen, die Strecke mit 21 000 Höhenmetern gemeinsam zu bewältigen", sagt der Vorsitzende des Triathlonvereins, Patrick Kaurisch. "Allerdings hatte Ulrich gleich zu Beginn zwei Radpannen, sodass wir uns ab dem zweiten Tag dafür entschieden, dass jeder die Strecke in seinem eigenen Tempo fahren konnte. Um es entspannter anzugehen, habe ich mein Ziel, mit meiner Erfahrung des 1200-Kilometerrennens Paris - Brest - Paris 2019 unter 100 Stunden ins Ziel zu kommen, ad acta gelegt."

Auf sich gestellt

Das Herausfordernde an der Tour ist nicht nur Streckenlänge und Gesamthöhenmeter, sondern das Alleingestelltsein der Teilnehmer. "Wo kann ich mir etwas zu essen kaufen? Wo ist eine Quelle oder ein Brunnen? Schaffe ich es durchzufahren, gehe ich in ein Hotel oder packe ich meinen Schlafsack aus? Wir mussten eigenständig an alles denken", sagt Kaurisch. Eine Begleitung mit dem Auto ist nicht erlaubt. Wechselradkleidung und Regensachen, Biwaksack und Schlafsack gehören dabei zur Grundausstattung auf dem Rad, das damit auf das ordentliche Gesamtgewicht von 17 Kilogramm kommt. Drei Powerbanks zum Aufladen von Handy und Garmin-Navigationsgerät gehörten ebenfalls zum Reisegepäck.

Drei Nächte habe er im Hotel übernachtet und drei versucht durchzufahren. In der fünften Nacht war Kaurisch so müde, dass er sich bei sieben Grad Celsius von 1 bis 6 Uhr morgens im Schlafsack in eine Bushaltestelle legte.

Nach den schweren Anstiegen an den Kontrollpunkten bzw. den Cols habe es fast nie Locations gegeben, bei denen die beiden Langstrecken-Radfahrer auftanken konnten. Oft waren die kleinen Läden corona- oder tageszeitbedingt geschlossen. Das Auffüllen der Flaschen in Brunnen und Quellen, zumindest auf den ersten 500 Kilometern, sei kein Problem gewesen. "Später wurde es schwieriger, einige Gebiete waren sehr dünn besiedelt", sagt Kaurisch. "Im Vercors mussten wir bei 34 Grad in praller Sonne über 23 Kilometer zum Sommet de Lure, der kleinen Schwester des Mont Ventoux, hochradeln." Die Versorgung mit Wasser stand dabei an erster Stelle.

In diesem Jahr führten die 1000 Kilometer erstmals ausschließlich durch Frankreich. Die beiden Randonneure aus der Wetterau durchquerten die Departements Provence-Alpes-Côte d Azur, Hautes Alpes, Grenoble, Isère und Drôme, sammelten landschaftlich unvergessene Eindrücke. Die Strecke führte zu 99 Prozent über kleine, mehr oder weniger gut befestigte, sehr wenig befahrene Straßen. Schnelle Abfahrten waren aufgrund des Straßenzustandes und der Enge selten möglich. Ein Prozent der Strecke verlief über Schotterpisten und Waldwege. Ebenfalls ein Novum 2020 war, dass kein Pass oder Berg der Tour höher als 1750 Meter war. "Steigungen überschritten 15 Prozent", so Kaurisch.

Corona geschuldet, gab es in Cotignac, dem Start- und Zielort, keine gemeinsame Feierlichkeit, und auch der Start der kleinen aber feinen Veranstaltung mit rund 50 Teilnehmern erfolgte gestreckt am 7. und 8. September in zwei mehrstündigen Zeitfenstern. Montags um 16 Uhr gestartet, finishte Kaurisch sonntags um die Mittagszeit auf dem Campingplatz in Cotignac. Allein, ohne Zielbogen und Zuschauer, aber mit unvergesslichen Eindrücken und einem Gefühl der Freiheit, das immer bleibt. "Im nächsten Jahr werde ich mit meiner Frau Regina die Strecke noch einmal bewältigen", hat er sich vorgenommen. "Sie konnte mich wegen unserer Hunde nicht begleiten."

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