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Von RT-Neuzugängen, Sommer-Szenarien und den Löwen

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Mitternacht im Colonel-Knight-Stadion: Wunderkerzen erhellen den VIP-Raum, Sektkorken knallen. Andreas Ortwein, Geschäftsführer der EC Bad Nauheim Spielbetriebs GmbH, feiert in seinen 33. Geburtstag hinein; bestens gelaunt nach einem 4:1-Erfolg des EC Bad Nauheim gegen den ESC Moskitos Essen. »Ich denke, heute ist keiner unzufrieden nach Hause gegangen«, sagt der Nieder-Weiseler, der mit Freunden aus dem privaten Umfeld sowie Mitstreitern aus der Eishockey-Szene zur Feier anstößt.

Im Interview mit der WZ-Sportredaktion spricht Andreas Ortwein zum Jahreswechsel über Neuverpflichtungen, blickt auf mögliche Szenarien im Sommer 2011 und hat keine Bedenken, Leistungsträger an die Frankfurter Löwen zu verlieren.

Andreas Ortwein, Glückwunsch zum Erreichen des Minimalziels, Platz vier. Die Qualifikation zur Zwischenrunde ist dem EC Bad Nauheim doch schon jetzt nach nur knapp der Hälfte der West-Runde nicht mehr zu nehmen, oder?

Andreas Ortwein: Natürlich gibt uns unsere Tabellensituation eine gewisse Planungssicherheit. Aber wir haben auch selbst schon erlebt, wie schnell es gehen kann. Im Vorjahr hatten wir bereits 15 Punkte Rückstand auf Rang vier und sind dennoch mit Heimrecht in die Playoffs gestartet. Wer weiß denn, ob nicht bei einem Konkurrenten plötzlich ein Geldgeber auftaucht oder wir mit Verletzten zu kämpfen haben? Grundsätzlich haben wir jetzt natürlich ein gutes Gefühl.

Beschäftigungs-Therapie also bis zum Zwischenrunden-Start Anfang März?

Ortwein: Auf gar keinen Fall. Wir orientieren uns nach vorne, wollen den Erfolg, denn Erfolge bringen Zuschauer und die wiederum das Geld.

Zum Jahreswechsel gehören traditionell auch Vertragsgespräche. Der Kontrakt von Trainer Fred Carroll läuft zum Saisonende aus, einige Spielernamen stehen bereits in den Notizblöcken der Konkurrenz.

Ortwein: Mit Trainer und Spielern ist vereinbart, im Januar Gespräche zu führen. Klar ist, dass wir weiterhin um Kontinuität bemüht sein werden und mit einem Großteil des Kaders auch in Zukunft zusammenarbeiten wollen - unabhängig von der Ligenzugehörigkeit. Einige Verträge verlängern sich beim Aufstieg automatisch, aber auch in diesem Fall würden wir die Mannschaft nicht völlig umkrempeln. Ich sehe in der zweiten Liga beispielsweise Teams wie Crimmitschau und Weißwasser sportlich nicht allzu weit weg von uns.

Welche Struktur sehen Sie für die Saison 2011/2012 überhaupt als realistisch an: eine zweigeteilte 2. Bundesliga oder eine West-Gruppe mit Frankfurt und Kassel? Schlupflöcher in den Durchführungsbestimmungen werden für den Fall der Nordhessen ja bereits gesucht.

Ortwein: In Prinzip könnte beides parallel eintreten. Eine Teilung der 2. Liga ist derzeit offiziell ja überhaupt kein Thema. Aus Gesprächen mit Funktionärskollegen aus dem Norden höre ich aber immer wieder heraus, dass dies eine interessante Option sein könnte. Ob sich dies dann aber überhaupt kurzfristig umsetzen ließe, und ob auch der Süden eine solche Teilung begrüßen würde, ist ja wieder ein ganz anderes Thema. In diese Richtung wird man wohl erst für die übernächste Saison denken und entsprechend die Strukturen schaffen. Derzeit müssen wir von der Oberliga West ausgehen. Und ich würde bei einem Aufstieg von Kassel sicher nicht Nein sagen.

Die Zuschauerzahlen der West-Gruppe stehen aber nicht gerade für die Attraktivität, die man sich angesichts der altbekannten Namen eigentlich erwartet hatte.

Ortwein: Wenn Mannschaften aus zwei Spielklassen zusammengeführt werden, ist das anfangs immer schwierig. Im nächsten Jahr wird das ganz anders aussehen. Alle Klubs wissen jetzt, woran sie sind, und können entsprechend planen. Nächstes Jahr wird die Liga ausgeglichener sein.

Der Abzug von sechs Punkten begleitet den EC Bad Nauheim durch die Saison. Inzwischen beschäftigt sich das Schiedsgericht mit diesem Fall. Hegen Sie noch immer Hoffnungen, diese Zähler wieder zugesprochen zu bekommen?

Ortwein: Der Landesverband Nordrhein-Westfalen wurde vom Schiedsgericht zu einer Stellungnahme aufgefordert. Die Frist läuft in der nächsten Woche ab. Dann wissen wir hoffentlich mehr. Wir sehen Rechtsfehler in der Urteilsfindung und sind deshalb in die nächste Instanz gegangen.

Der Zuschauerschnitt bewegt sich im Rahmen ihrer Kalkulation. Dürfen die Fans der Roten Teufel zum Transferende am 15. Januar dennoch mit einer Verstärkung rechnen?

Ortwein: Wenn die Signale der Sponsoren, die wir in diesen Tagen erwarten, positiv sind, wollen wir uns mit einem Stürmer verstärken und sind uns sicher, dass die Zuschauer uns dies mit ihrem Kommen im Januar und Februar zurückzahlen werden. Klar ist: Wenn einer kommt, dann muss das ein Kracher sein. Wenn wir diesen nicht bekommen können, spielen wir die Saison mit dem jetzigen Kader zu Ende. Den Zuschauerschnitt betreffend, hatten wir an zwei, drei Stellen sicher etwas Pech. Wenn wir aber gerade im eigenen Stadion guten Sport bieten und uns gegen schwächere Gegner nicht auf einem Vorsprung ausruhen, kommen auch die Zuschauer.

Ich habe mit vielen gesprochen, die auch von einem deutlichen 13:0 gegen Neuss gut unterhalten worden waren.

Das plötzliche Ende der Frankfurt Lions hatte in der Wetterau durchaus Hoffnungen geweckt, die neue Position als Nummer eins in Hessen gewinnbringend vermarkten zu können. Was ist hängen geblieben?

Ortwein: Das ist eine schwer zu greifende Größe. Der eine oder andere Zuschauer ist vielleicht einmal nach Bad Nauheim gekommen. Wirklich bemerkbar gemacht hat sich das nicht; auch nicht im Bereich der Sponsoren. Frankfurt hat sich inzwischen konsolidiert. Ich freue mich auf die Duelle im nächsten Jahr. Eines haben wir den Löwen auch dann mit Sicherheit voraus: die Zahl der ehrenamtlichen Kräfte und deren Einsatz für die Roten Teufel. In Frankfurt wird dafür bezahlt.

Frankfurt und Kassel haben den Hessen-Cup initiiert. Warum ist Bad Nauheim nicht dabei?

Ortwein: Die beiden Klubs haben zwei Testspiele vereinbart und dem Kind einen Namen gegeben. Mehr ist’s ja nicht. Zum einen wäre es schwierig geworden, freie Termine zu finden. Zum anderen hatten wir mit den Löwen auch mal lose über Freundschaftsspiele gesprochen. Das war für Frankfurt aus sportlichen Gründen aber nicht relevant. Die wollten sich wohl nicht die Hütte vollhauen lassen. Ich denke aber, dass sich ein solcher Vergleich vor Beginn der nächsten Saison realisieren lässt.

Sie führen seit Mai 2009 als Geschäftsführer ehrenamtlich die Spielbetriebs GmbH; neben Ihrer beruflichen Tätigkeit. Spüren Sie da nicht schon Verschleißerscheinungen?

Ortwein: Natürlich macht sich die Doppelbelastung mehr und mehr bemerkbar. Mit Marketingleiter Jens Hauschild und dem Team der Geschäftsstelle befinden wir uns aber auf einem guten Weg. Mittelfristig will ich mich natürlich schon etwas entlasten. Momentan bin ich aber noch hochmotiviert.

Im Sommer wurde die Kooperation mit Krefeld vereinbart. Fünf Einsätze bis zum Jahreswechsel waren Pflicht, um auf den einen oder anderen DEL-Spieler auch in der zweiten Saisonhälfte zurückgreifen zu können. Diese Chance wurde vertan. Mit Andreas Pauli und Marc Schaub haben sich zudem zwei DNL-Spieler kurzerhand für einen Wechsel nach Neuss entschieden. Welche Perspektive hat die Kooperation mit den Pinguinen - alleine schon aufgrund der geographischen Entfernung?

Ortwein: Wir haben zum einen mit Pascal Zerressen einen - in meinen Augen - Top-Spieler für die Oberliga bekommen. Der Junge ist erst 17 Jahre alt und entwickelt sich fast von Spiel zu Spiel. Natürlich ist’s schade, dass Pauli und Schaub aus persönlichen Gründen lieber für Neuss spielen. Wir hatten eben bislang das Glück, von größeren Verletzungen verschont worden zu sein. Damit lässt sich nunmal nicht planen. Dadurch hatten wir meist einen großen, spielfähigen Kader mit Jungs wie Jannick Stripeke oder Marvin Bauscher, die Druck auf die ersten drei Blöcke ausüben. Natürlich ist es ein bisschen ärgerlich, keinen DEL-Spieler im weiteren Saisonverlauf einsetzen zu können, aber Krefeld hat eine dünne Personaldecke, die eine Abstellung von beispielsweise Philipp Riefers einfach nicht zugelassen hat.

Was die Zukunft angeht, denke ich, dass die Entfernung nur eine untergeordnete Rolle spielt. Beide Klubs pflegen eine offene, ehrliche und gute Kommunikation, auch haben einige unserer Spieler schon in Krefeld trainiert. Ich bin der Meinung, dass das Spielniveau, das wir anbieten können, für eine Fortsetzung der Kooperation entscheidend ist.

Ilja Vorobjev und Michael Bresagk von den Frankfurter Löwen dürften auf der Tribüne im Colonel-Knight-Stadion die Leistungen der RT-Schlüsselspieler nicht entgangen sein. Wie will Bad Nauheim Spieler wie Markus Keller, Lanny Gare oder auch Kyle Piwowarczyk halten, wenn Frankfurt mit monetären Reizen lockt?

Ortwein: Spieler, die mit Leistung glänzen, rücken immer in den Fokus - nicht nur von Frankfurt, sondern auch von anderen, wirtschaftlich vielleicht stärkeren Klubs. Aber auch Frankfurt kann im nächsten Jahr nicht die gesamte Liga aufkaufen. Teile der Gelder werden sicher auch in Management und Geschäftsstelle gesteckt werden. Unsere Aufgabe ist es eben, ein gutes Gesamtpaket anzubieten. Rosenheim hatte im Sommer intensiv um Kyle Piwowarczyk gebuhlt. Dennoch spielt er bei uns. Das Gehaltsniveau betreffend, liegen wir in der Liga sicher im oberen Drittel, und ich weiß auch, in welcher Höhe Crimmitschau, Freiburg und Dresden einigen Spielern vor der Saison Angebote gemacht haben.

Da fehlt nicht mehr viel. Die Spieler müssen sich bei uns wohl fühlen. Finanziell, sportlich und vom Umfeld her. Unser Trainer ist zum Saisonende dreieinhalb Jahre bei uns, manche Spieler haben die Entwicklung über Jahre miterlebt. Ich denke, die Identifikation mit dem Klub spielt hier eine größere Rolle. Dennoch sind wir uns bewusst, dass ein Markus Keller höhere Ansprüche hat und sicher nicht die nächsten fünf Jahre unsere Nummer eins sein will.

Andreas Ortwein, wir bedanken uns für das Gespräch. Michael Nickolaus

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