Rote Teufel: »Entwicklungen lassen keine Wahl«

Eis-Beben in Bad Nauheim: Andreas Ortwein, seit Mai 2009 Geschäftsführer der EC Bad Nauheim Spielbetriebs GmbH, hat am Sonntagmorgen seinen Vertrag zum 31. Dezember 2012 gekündigt, als Folge der stetigen Differenzen mit Alleingesellschafter Wolfgang Kurz.

In seinem Sog haben auch langjährige ehrenamtliche Helfer des Eishockey-Oberligisten mitgeteilt, ihr Engagement mit sofortiger Wirkung einzustellen, hat sich zudem der Förderverein »Teufelskreis« klar pro Ortwein positioniert. »Die Entwicklungen der letzten Monate haben mir leider keine andere Wahl gelassen. Ich hatte bereits im Sommer meine Tätigkeit an strukturelle Veränderungen geknüpft, aber der Gesellschafter geht den umgekehrten Weg. Über die Art und Weise, einen Drittligisten und dessen Personal zu führen, sind wir unterschiedlicher Ansichten«, begründet Ortwein seinen Schritt, dürfte einer Kündigung durch Kurz zuvorgekommen sein und hat diesen mit seiner Entscheidung nun zum Buhmann der Fans werden lassen, wie die ersten Reaktionen in den interaktiven Kommunikationsplattformen der Roten Teufel zeigen. »Die Zusammenarbeit hat nicht mehr funktioniert. Das ist richtig. Andreas Ortwein hat in der Vergangenheit leider keine Möglichkeit ausgelassen, mir ans Bein zu pinkeln. Ich hätte mir gewünscht, die Sache anders zu regeln«, sagt Kurz, dessen Position auf der offiziellen Homepage bemerkenswerterweise nicht publiziert worden ist.

Sehr kurz sei die Nacht vor der Entscheidung gewesen, an Schlaf kaum zu denken. »Ich wusste um die Konsequenzen. Aber ich hatte keine andere Wahl«, berichtet Ortwein, der neben seiner Zeit auch Geld in Form von Darlehnen und Bürgschaften in die GmbH eingebracht hatte und von »Schattenkabinettsbildungen« seines »Chefs« erfahren hatte, die auf eine Trennung hingedeutet haben. Bereits über Monate hatte der Streit zwischen Kurz und Ortwein geschwelt, führten die beiden aber eine Zweckgemeinschaft im Sinne des Profi-Eishockeys in Bad Nauheim. Bemühungen, auch im erweiterten Kreis mit Werbepartnern, ehrenamtlichen Mitarbeitern, den Vorständen von Nachwuchs- und vom Förderverein, eine gemeinsame Linie zu finden (und diese auch zu verfolgen), waren gescheitert. Zuletzt stand vor drei Wochen eine Übernahme der Spielbetriebs GmbH im Raum, doch wollte Kurz die Leitung nicht aus den Händen geben. Der Niederdorfeldener hatte nach der Grünewald-Insolvenz zur Saison 2006/07 Verantwortung übernommen und hält inzwischen solange wie keiner seiner Vorgänger das Ruder in der Hand. »Es ist schade, dass es hier um Personen und nicht um die Sache an sich geht.

Nicht Kurz oder Ortwein sind wichtig, sondern einzig der EC Bad Nauheim«, sagt Kurz, der zuletzt immer öfter den Eindruck gewann, dass seinem nebenberuflichen Geschäftsführer die Fülle seiner Engagements (Ortwein ist hauptberuflich in einem Logistik-Unternehmen tätig und zudem in seiner Heimat Nieder-Weisel im Gewerbering und auch politisch aktiv) ans körperliche Limit treibe, er Termine und Absprachen nicht mehr einhalten könne und das Personal verärgere. »Den letzten monatlichen Bericht habe ich vom August erhalten«, sagt Kurz zudem exemplarisch. Wo man wirtschaftlich exakt stehe, müsse er nun erstmal herausarbeiten. Schmutzige Wäsche, das betonen beide Seiten, solle allerdings keine gewaschen werden.

Fan-Proteste erwartet

Wie die kommenden Tage - auch bezüglich einer Übergabe - aussehen, vermochten Kurz und Ortwein gestern nicht zu sagen. Beruflich ist der Noch-Geschäftsführer Anfang der Woche unterwegs, ob Ortwein sein Wirken tatsächlich bis zum Jahresende fortsetzt, ist offen. Naheliegend: Kurz wird als Alleingesellschafter auch die Position des Geschäftsführers vorübergehend übernehmen. »Ich bin in Gesprächen mit potenziellen Gesellschaftern und bemüht, weitere Gelder zu generieren«, sagt Kurz, der bestehende Abläufe in bewährter Weise beihalten und Ruhe hinter die Kulissen bringen will. »Ich denke, wenn die Leute sehen, dass es vernünftig weiterläuft, dann beruhigt sich das auch schnell wieder«, sagt der RT-Boss, der sehr wohl mit Protest- und Unmutsäußerungen großer Teile der Fangemeinde rechnet.

Andreas Ortwein weiß dank seiner kommunikativen Art die Anhänger weitgehend auf seiner Seite und könnte - durchaus denkbar - die Kündigung dank seiner höheren Sympathie-Werte in der Anhänger- und Sponsorenschaft als Druckmittel eingesetzt haben, um Kurz doch noch zum Umdenken zu bewegen. Einen Einbruch im Bereich der Werbepartner erwartet der Alleingesellschafter allerdings nicht. Für die laufende Saison bestehen Verträge, darüber hinaus müssen so oder so Gespräche geführt werden.

»Teufelskreis« stellt Unterstützung ein

Mit Andreas Ortwein haben auch Pressesprecher Christian Berger, Michael Ortwein vom Social-Media-Team sowie Christian Kaempfert und Thomas Korff vom Marketing-Team mitgeteilt, nicht mehr zur Verfügung zu stehen, zudem stellt der Förderverein seine Unterstützung ein.

»Wir werden eine GmbH unter der Führung von Wolfgang Kurz nicht weiter finanziell oder inhaltlich unterstützen und unsere volle Kraft bis auf weiteres ausschließlich dem Nachwuchs zur Verfügung stellen«, sagt der »Teufelskreis«-Vorsitzende Rene Jackel. Der Förderverein wirbt in diesem Jahr auf dem Trikot und hat die Weiterverpflichtung von Eddy Rinke nach Ablauf seiner »Probezeit« wirtschaftlich unterstützt. Das Interesse des Fördervereins, als Mitgesellschafter den Fans des EC Bad Nauheim seine Stimme zu geben, sei kategorisch abgelehnt worden, schreibt Jackel weiterhin in seiner Stellungnahme, spricht von mangelndem Respekt und Desinteresse des Alleingesellschafters an dem Förderkreis.

Der Dienstälteste unter den demissionierten Ehrenamtlern ist Christian Berger, der seit 18 Jahren die Roten Teufel begleitet. »Dieser Schritt ist die letzte Stufe einer langen Entwicklung, die bislang weitgehend intern gehalten werden konnte. Ich war bei der GmbH-Gründung dabei und bin schockiert, wie wenig vom damaligen Geist übrig geblieben ist«, sagt der (Ex-)Pressesprecher.

Wer die Aufgaben übernehme, gelte es in den kommenden Tagen zu klären. »Ich werde das Personal anders führen, eigenständiger arbeiten lassen und nicht überall eingreifen«, sagt Kurz mit einem kleinen Seitenhieb in Richtung Ortwein.

Der Nachwuchsverein betrachtet die Entwicklung »mit größter Sorge«, wie Uwe Gericke, der Vorsitzende, sagt. Man fürchte um die Stabilität und die Außenwirkung dieser Entscheidung. »Mit Andreas Ortwein haben wir sehr gut, vertrauensvoll und seriös zusammengearbeitet«, sagte Gericke am Sonntagabend der WZ.

Frank Carnevale, der Coach der Roten Teufel, will die Entscheidung von Ortwein nicht weiter kommentieren. »Ich wusste um die internen Probleme, aber die genaueren Hintergründe kenne ich nicht«, gibt sich der Italo-Kanadier bewusst neutral. Seine Mannschaft hat sich von den Kontroversen auf Führungsebene unbeeindruckt gezeigt. In 14 Pflichtspielen dieser Saison sind die Roten Teufel ungeschlagen (je eine Niederlage nach Verlängerung und Penaltyschießen), haben das DEB-Pokal-Achtelfinale erreicht. »Wir werden das in der Kabine fünf Minuten thematisieren und dann weiter unserem Job nachgehen.«        Michael Nickolaus

Andreas Ortwein kündigt EC-Alleingesellschafter Kurz tritt kürzer

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