Das komplette Sportangebot in den 7600 hessischen Vereinen ist wegen der Corona-Krise zum Erliegen gekommen. Der Landessportbund fordert neben dem Wettkampfsport auch Perspektiven für den gesamten Klub-, Breiten-, Nachwuchs- und Gesundheitssport. FOTO: ARCHIV
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Das komplette Sportangebot in den 7600 hessischen Vereinen ist wegen der Corona-Krise zum Erliegen gekommen. Der Landessportbund fordert neben dem Wettkampfsport auch Perspektiven für den gesamten Klub-, Breiten-, Nachwuchs- und Gesundheitssport. FOTO: ARCHIV

Sport in Hessen

Dr. Rolf Müller: "Es herrscht innere Unruhe"

  • vonDPA
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Keine Turniere, keine Spiele, kein Training: Für Sportvereine ist die derzeitige Krisensituation schwer zu meistern. Der Präsident des LSB Hessen, Dr. Rolf Müller, befürchtet auch langfristige Schäden.

Der Breitensport pausiert seit einigen Wochen, viele Vereine sind damit schwer unter Druck geraten. Dr. Rolf Müller, der Präsident des Landessportbundes Hessen, spricht über die aktuellen Probleme.

Wie bewerten Sie die Auswirkungen der Corona-Krise für die Vereine und Verbände in Ihrem Bereich?

Die Auswirkungen sind enorm - schließlich ist der Sport- und Wettkampfbetrieb in allen rund 7600 hessischen Sportvereinen seit Mitte März komplett ausgesetzt. Das ist für alle Akteure eine schwierige Situation, insbesondere deshalb, weil unklar ist, wie und wann es weitergeht. Den Verbänden fehlt die Planungssicherheit im Hinblick auf Wettkampfformate und Spielserien. Außerdem drohen hier massive finanzielle Ausfälle. Für uns als Landessportbund, aber auch für zahlreiche andere Sportorganisationen, spielen normalerweise auch die vielen Bildungs- und Qualifizierungsangebote eine große Rolle. Diese können nur teilweise auf digitale Angebote umgestellt werden, viele Aus- und Fortbildungen müssen entfallen bzw. verschoben werden. Das hat unter Umständen Auswirkungen auf Lizenzverlängerungen. Hier ist nun eine gewisse Flexibilität gefragt.

Wie gehen die Vereine damit um?

In vielen Vereinen herrscht eine gewisse innere Unruhe: Den Vereinsverantwortlichen, die sonst so rührig sind, sind gerade in vielen Bereichen die Hände gebunden. Viele tun ihr Möglichstes: Sie organisieren solidarische Hilfsaktionen, bieten Online-Kurse für ihre Mitglieder an, halten Online-Versammlungen ab, werfen älteren Mitglieder Aktivitätskarten in den Briefkasten. Obwohl ich überall ein großes Verständnis für die bisherigen Einschränkungen wahrnehme, fällt es ihnen schwer, mit diesem unverschuldeten Stillstand umzugehen. Schließlich sind viele von ihnen schon jetzt mit den negativen Auswirkungen der Krise konfrontiert und die Angst, wie es danach weiter geht, ist groß. Sie sehnen sich dringen nach einer Perspektive.

Wie hoch ist der zu erwartende finanzielle Schaden für den Sport in Hessen?

Die Einnahmeausfälle der Vereine und Verbände können derzeit kaum belastbar geschätzt werden. Denn aktuell weiß niemand, wie lange Sportangebote ausgesetzt bleiben, wann und in welchen Bereichen es eventuell Öffnungen oder Lockerungen gibt, ab welchem Zeitpunkt ein Wettkampf- und Spielbetrieb wieder möglich sein wird und wann andere Veranstaltungen der Vereine und Verbände wieder stattfinden können. Wir gehen aber davon aus, dass allein in Hessen in nächster Zeit ein hoher zweistelliger Millionenbetrag aufläuft. Besonders wirtschaftlich getroffen sind mittelgroße und große Vereine, Vereine mit eigenen Sportanlagen, mit Kursangeboten und festangestellten Mitarbeitern. Darüber hinaus sind diejenigen Clubs mit erheblichen Risiken konfrontiert, die professionellen und semiprofessionellen Sport anbieten und auf Zuschauer angewiesen sind.

Was sind für Sie und den Sport in ihrem Bundesland die größten Herausforderungen in der Corona-Krise?

Neben den wirtschaftlichen Engpässen und finanziellen Risikoszenarien ist die mittel- bis langfristige Entwicklungsperspektive der Vereine und Verbände die zentrale Herausforderung. Momentan halten die meisten Mitglieder ihrem Verein die Treue. Das zeigt, dass sie ihren Verein nicht nur als Dienstleister wahrnehmen, sondern ihn als Ort der Gemeinschaft, als wichtigen Teil ihrer Identität betrachten. Durch die gerade geforderte "soziale Abgeschiedenheit", bin ich sicher, lernen viele Menschen diese Werte noch mehr zu schätzen. Gleichzeitig leiden auch viele Sportvereinsmitglieder unter den finanziellen Auswirkungen der Corona-Pandemie: Sollte das Sportangebot weite Teile dieses Jahres ruhen, werden am Jahresende sicherlich einige Mitglieder einen Austritt erwägen - schlicht und einfach, weil auch sie weniger in der Tasche haben. Das gilt es in jedem Fall zu verhindern. Schließlich wären vor allem die Zielgruppen betroffen, für die Sport im Verein besonders wichtig ist. Ich denke da zum Beispiel an Kinder aus weniger privilegierten Familien. Wir müssen deshalb dringend diskutieren, wann ein Wiedereinstieg in den Vereinssport möglich ist und in welcher Art und Weise.

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