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Ring frei

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Sie verrenken Beine und Arme in einem Reifen, der an der Decke hängt und beweglich ist. Eine Frage muss erlaubt sein: Was macht ihr da?

Noch steht Dora Szöke unterhalb des beweglichen Reifens, der von der Decke hängt. Schwungvoll zieht sie sich nach oben, wenige Augenblicke später sitzt sie entspannt im Ring. "Habt ihr Lust auf Schmerzen?", fragt sie schelmisch grinsend in die Runde. Dann hängt sie ihren Fuß, mittlerweile über Kopf im Reifen hängend, in eine Schlaufe. Als sie eine stabile Position gefunden hat, verlassen ihre Hände den Reifen. Plötzlich zieht sie ihr zweites Bein zum Kopf und hängt nun im Spagat im Reifen.

Ihre Aerial-Hoop-Schüler sind so gebannt, dass man mittlerweile sogar ein Staubkorn auf den Boden fallen hören würde. "Noch Fragen?", fragt sie ihre Schüler mit einem breiten Grinsen. Den Blicken nach scheint es Tausende zu geben, aber niemand gibt auch nur einen Ton von sich.

Stattdessen versuchen sie nun, das eben gesehene mit dem eigenen Körper umzusetzen. Und das ist alles andere als einfach, vor allem für die, die heute zum ersten Mal den Weg zum Aerial Hoop ins Tanzstudio der TSG Blau-Gold Gießen in die Marburger Straße gefunden haben. Im Gegensatz zu Szöke sieht man ihnen die Schmerzen, die die Reibung der Haut auf dem Ring verursacht, auch an.

Manche Kursteilnehmer sind über Hörensagen zum Aerial Hoop gekommen, die Mehrzahl war aber zuvor schon beim Pole-Dance oder in der Tanzabteilung der TSG aktiv - so wie Maren Arabin. "Hier kann man viel kreativer sein als an der Stange, das hat mir sofort riesigen Spaß gemacht", erklärt die 23-jährige Studentin, warum sie den Ring der Stange mittlerweile vorzieht. Sie ist auch wenig später beim Training für Fortgeschrittene dabei. Fortgeschritten heißt: Vorbereitung auf die deutschen Meisterschaften im Mai.

Kategorie "Elite"

Die Sportler von Blau-Gold treten mehrheitlich in der höchstmöglichen Kategorie "Elite" an. Da ist zum Beispiel Nicole Gouriya (großes Foto). Die 22-Jährige gewann im Oktober bei den offenen Europameisterschaften sensationell Gold, im "Hoop Double" mit Melina Trebert zudem Silber. "Das Doppel hat eine eigene Faszination. Als Team kann man sein Glück teilen, aber leidet auch zusammen", sagen beide. Weil Trebert aber ein Semester in Italien verbringt, wird Szöke bei den "Deutschen" ihren Platz einnehmen. Dafür lässt die 34-Jährige den Einzelwettbewerb sausen. "Zwei Choreografien über vier Minuten sind in der Vorbereitung ein bisschen viel", sagt Szöke. Im hinteren Teil des Studios trainieren Giorgina Bosco und Finja Rollshausen. Beide sind elf Jahre alt, beide haben mit Pole Dance begonnen und sind nun auch beim Aerial Hoop aktiv. Die Mutter von Giorgina begleitet ihre Tochter zum Training, gibt Hilfestellungen und filmt auch mal Teile der Choreografie. Dann erzählt sie offen und ehrlich über die Schwierigkeiten des Sports. "Die Großeltern waren anfangs wenig begeistert, als sich Giorgina erst eine Stange und später einen Reifen zum Trainieren gewünscht hat. Als sie aber gesehen haben, dass es nichts mit Rotlicht zu tun hat, waren sie begeistert", erzählt sie.

Nicht selten werden Pole Dance und Aerial Hoop in der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit mit leicht bekleidete Frauen in Stripclubs verknüpft - nicht aber mit Leistungssport. Dabei könnten beide Sachen nicht weiter entfernt davon sein, das wird schon nach wenigen Minuten im Gießener Tanzstudio deutlich. Natürlich gehört der Ausdruck auch bei diesem Leistungssport dazu und fließt in die Bewertung mit ein. "Man will ja die Jury mit seiner Darbietung beeindrucken, logischerweise hat Aerial Hoop dann auch einen hohen Unterhaltungsfaktor. Dessen sind wir uns aber bewusst.

Bei Auftritten bekommen wir stets positives Feedback", sagt Szöke. Was sie besonders freut: Schüchterne oder unsichere Menschen bekämen durch Aerial Hoop ein gesundes Selbstbewusstsein. "Schüler, die früher einem kaum in die Augen schauen konnten, laufen jetzt mit geradem Rücken", sagt Szöke.

Doch auch sie ist erst skeptisch, als ihr der TSG-Vorsitzende Bernhard Zirkler 2012 eine Ausbildung als Pole-Dance-Trainerin ans Herz legt. "Mein erster Gedanke war auch: Ich mache doch keinen Striptease", erinnert sich die 34-Jährige. Doch sie gab dem Ganzen ein Chance. In ihrer ungarischen Heimat absolvierte sie ein Praktikum für ihr Psychologiestudium und ließ sich nebenher zur Pole-Dance-Trainerin ausbilden. Danach entwickelte sie mit Adina Brill Trainingsprogramme für alle Level. Mittlerweile ist das TSG-Studio mit rund 500 Mitgliedern die größte Pole-Dance-Akademie in Deutschland.

Keine Haut mehr

Vier Jahre später bildet sich Szöke in Ungarn fort und lernt Aerial Hoop kennen. Sie ist direkt begeistert, und auch Zirkler braucht nicht lange, um überredet zu werden, auch diese Sportart anzubieten. "Dann habe ich in Berlin vier Monate lang eine Ausbildung gemacht. Danach hatte ich keine Haut mehr auf den Händen", sagt sie lachend. In Budapest und bei einer Zirkusschule in Brüssel bildete sie sich im Laufe der Jahre weiter und entwickelte auch beim Aerial Hoop ihr eigenes Trainingsprogramm. "Die TSG ist sehr experimentierfreudig und unterstützt uns Trainer sehr", sagt Szöke, die zudem ausgebildete Mediengestalterin und Make-Up-Artistin ist sowie die Wettkampfkleidung designed. Außerdem: "Für 25 Euro im Monat kann man bei uns so oft trainieren, wie man möchte. Wer will, kann seine Fähigkeiten also sehr schnell entwickeln", sagt sie.

Aerial Hoop ist ganz nebenbei ein extrem effektives Ganzkörperworkout. Schon beim Aufwärmprogramm bindet Szöke Kraftübungen mit ein. "Man braucht eine Grundkörperspannung, die viele am Anfang nicht haben. Deswegen muss man Kraft aufbauen und Muskulatur entwickeln. Aber es ist wie überall, Übung macht den Meister", sagt Szöke und lacht.

Zu Beginn sei die Lernkurve zwar steil, sagen die Schüler, ab einem gewissen Punkt braucht es aber viel Training, um sich weiterzuentwickeln. Und Geduld.

So wie bei Tobias Plüscke. Der 28-jährige Lehrer muss bei einer Übung passen. "Für den Spagat muss ich noch gelenkiger werden", sagt er und hat wenig später den rechten Fuß im Ring hängend hinter seinen Kopf geklemmt. Humor haben sie hier auch.

Aerial Hoop ist der geilste Sport, weil "es neben dem Ganzkörpertraining auch das Selbstwertgefühl stärkt und motiviert, über die eigenen Grenzen hinauszugehen", sagt Dora Szöke.

Kurszeiten sind dienstags um 17 Uhr (Anfänger), 18.30 Uhr (Fortgeschrittene) und 20 Uhr (Master) sowie donnerstags um 17.30 Uhr (Anfänger) und 19 Uhr (Fortgeschrittene). Weitere Details gibt es unter www.tanz-giessen.de

Die Fix-Kosten liegen bei 25 Euro pro Monat, damit sind alle Angebote nutzbar. (esa)

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